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Ost und West · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1918) · p. Seite 409 - 410

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
Article
Der Jahrmarkt von Rohany
Date
1918-11-01
Page
Seite 409 - 410 (sequence 4)
Language
German
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409 Der. Jahrmarkt von Rohany. 410 König, denn wir haben gefrevelt. . Er hielt die Augen geschlossen und lehnte sich schwer an den Baum. . . War noch jemand im Wäldchen, oder waren sie schon alle fort. . .? „Blick herab auf unser Elend, nimm dich unser an. und erlöse uns, um deines Namens willen, denn du bist ein mächtiger Erlöser. . ." Heiß und leidenschaftlich, wie nie zuvor im Leben, hauchte er diese Worte hin, krampfte unter dem Tallith die Finger zusammen, daß sich ihm die Nägel ins Fleisch bohrten . . . „Sende uns deine Heilung und wir werden genesen, schick uns deine Hilfe, und uns wird . geholfen sein, •denn du bist ein treuer und barmherziger Arzt. . ." Wie ein geheimnisvoller, glühender Strom ging es von ihm aus und legte sich, . einem Banne gleich, über alle anderen. Keiner wagte sich zu rühren . ... Ein Pfiff, dann fing das Knattern der Lokomotive wieder an, der Zug setzte sich in Bewegung. . . Fort war er. . . „Zum Donnerwetter", schrie der Stationsvorsteher, der wieder herauskam'. „Die alle sind, zurückgeblieben!! Stehen da und schaukeln sich, wie •die Aehren im Winde... Und sind die halbe Nacht gelaufen, um den Zug zu erreichen,.. Eine schöne Geschichte! Jetzt können sie bis zum Abend •warten." Berl fühlte, daß. ihm ein Stein vom Herzen .gefallen war... Nun war alles überstanden... Er holte tief Atem. Ihm war, als hätte er etwas Großes ■erlebt. Er war sehr bewegt. Triumphierend klang seine Stimme, jetzt hatte es keinen Zweck mehr, sich zu beeilen. Er holte die schönsten Weisen hervor und sang die stille Schemoneli Essreh ganz laut und feierlich zu Ende, als wäre heute ein rechter Festtag. „Mein Gott, bewahre meine Zunge vor bösen Reden und meine Lippen vor trügerischen Worten, •denen, die mir fluchen, laß meine Seele schweigend verzeihen, und demütig wie der Staub sei sie gegen alle... Oeffne mein Herz deiner Lehre, auf daß ich deinen Geboten nachstrebe... Der du Frieden -wirkst in deinen Höhen, sende Frieden über uns und über 'ganz Israel. Amen \" Er.verneigte sich' tief, trat drei Schritte zurück, <lann wandte er sich' um. Alle waren schweigend -damit beschäftigt, Tallith und Thephillin abzulegen» „Eine schöne Geschichte habt ihr mir da eingebrockt ..." platzte endlich der Großgrundbesitzer "heraus... „Mit Juden soll man sich nie einlassen, •das sag' ich mir immer. Kommt da solch ein Hungerleider, solch ein Tagedieb, .und schleppt mich hinein zu Minjan, und ich laß mir den Zug vor -der Nase weglaufen... Jetzt muß ich tlie Pferde .abhetzen, um' noch rechtzeitig, in Rohany zu sein..." Was er nicht sagte, war, daß er heute das morgendliche Schäferstündchen mit der Frau Bezirkshauptmann versäumt hatte, sie erwartete ihn vergebens im Garten, es würde große Mühe kosten, sie zu versöhnen ... „Ach, was werden Sie sich ärgern, gnädiger Herr," sagte Labik, „holen Sie lieber Ihre Flasche mit dem guten Tropfen hervor, wir wollen mal Thikkun trinken, da wir schon Minjan gemacht haben." „Hol dich der Teufel mit deinem guten Tropfen," schrie der Gutsbesitzer wütend. „Janko, Stefan!" rief er nach dem1 Kutscher und dem Lakai, „packt die Sachen wieder in den Wagen, wir fahren nach Rohany!... Ha, was soll ich nur mit euch anfangen, ihr Habenichtse, ihr Schnorrer, ihr Lumpengesindel? Ich kann euch doch nicht alle in meinen Wagen stecken, es ist kein Platz! ...Du, Jossei, pack deinen kranken Bengel hinein, ganz oben auf meinen Sitz, damit er's bequem hat, ...und ihr beiden da, ladet eure verfluchten Packe hinauf, und klettert hinein, soviel nur hinein können... Zum Teufel auch, will man sich einmal einen vergnügten Tag machen, kommen einem die mit ihrem Minjan dazwischen, und man muß sich' mit einem Wagen voll schmieriger Juden zur Stadt schleppen, allen anständigen Leuten zum Gespött, und versäumt dabei das wichtigste ..." Schimpfend und fluchend überwachte er die Aufladung ihrer Habseligkeiten, ließ "ihrer einsteigen, so viele Platz fanden. „Hier, du buckliges Kamel, da hast du eine Flasche vom besten, trink und ersäufe daran, willst du nicht auch einsteigen? .. „Nein, ich danke/' antwortete Labik, „ich werde zu Fuß gehen mit den andern, wir haben nichts zu versäumen." Die meisten mußten zurückbleiben. Es galt, zu Fuß Rohany zu erreichen, aber der Jahrmarkt war verloren. Das war ein bitterer Verlust. Aber sie waren alle von einem gehobenen Gefühl beherrscht, als hätten sie ein Fest mitgemacht. Teuer bezahlt hatten sie es, na, Gott wird ihnen das schon auf eine andere Weise ersetzen... Wie sollte man einer solchen Mizwah aus dem Wege gehen, die man so selten zu erfüllen Gelegenheit hat?;,.. Wegen eines Jahrmarktes, wegen einiger Geldstücke? ... Man will doch auch einmal Jude sein... Gott kann einem auch ohne den Jahrmarkt helfen ... Halb wehmütig, halb fröhlich tranken sie einander zu, nippten an den Gläschen und wünschten sich' gegenseitig alles Gute. Dann riefen sie den Bauer herbei, der die Hirtenjungen verscheucht, und schenkten ihm ein, er spuckte kräftig aus und jagte drei Gläschen nacheinander'hinter die Binde ... Immer mehr verflüchtigte sich der Mißmut über den herben Verlust. Eine* herzhafte, hoffnungsfreudige Stimmung überkam sie. Hersch Lügner allein ging lange schweigend und aufgeregt hin und herr

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