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Ost und West · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1918) · p. Seite 407 - 408

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
Article
Der Jahrmarkt von Rohany
Date
1918-11-01
Page
Seite 407 - 408 (sequence 3)
Language
German
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407 Der Jahrmarkt von Rohany. 408 folgen und bewähren in' Liebe. Erleuchte unsere Augen durch deine Thora, und' hefte unser Herz fest an deine Gebote und einige unsere Herzen, daß wir dich lieben und dich fürchten, auf daß wir nicht beschämt werden ewiglich ..." Eine noch dichtere Ladung sauste durch die Blätter; in das Pfeifen und Gröhlen mischten sich Spottverse und Schimpfworte: „Jud', Jud', hast nicht was zu kauen, „Mußt hungrig aus der Bude schauen ..." Und der Vorbeter sang: . „ ... damit wir dir danken und dich als Einzigen bekennen in Liebe. Gepriesen sei, Ewiger, der du erkoren hast dein Volk Israel in Liebe!" — Jetzt fuhr es wie ein elektrischer Strom durch die Versammelten. Die Augen schlössen sich, die Hände hoben sich hoch, wie zum Schwur: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig." „Echoood!" zog es sich lange hin, so weit der Atemzug reichte. Da zischten einige kleine Kieselsteine durch die Luft und fielen dem einen und dem andern auf den Kopf. „Und du wirst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit .ganzer Kraft. Und es sollen die Worte, die ich dir heutegebiete, in deinem' Herzen sein, und du sollst sie deinen Kindern einschärfen..." Der Großgrundbesitzer mußte seine ganze Energie aufbieten, um' seine Wut zu bezähmen. Die Hirtenjungen hatten einen richtigen Spektakel veranstaltet, alle paar Minuten schleuderten ihre kleinen Fäuste Sand und Kieselsteine auf die Köpfe der Versammlung, von der keiner mit der Wimper zuckte, als bezöge sich das ganze gar nicht auf ihn. Jetzt rollte von der anderen Seite ein Leiterwagen herbei. Der Bauer hielt an, sah sich um, dann, •sprang er herab und schwang die Peitsche gegen die Schar der kleinen Missetäter: Ihr Saububen! Wollt ihr euch nicht sofort von •dannen trollen? Oder soll ich euch erst das Fell gerben." Er ließ die Peitsche ein paar Mal niedersausen, ein großes Gekreisch erhob sich, dann stob die Bande davon und folgte der Viehherde. Der Bauer, der für den Herrn Stationsvorsteher •ein Fäßchen Bier gebracht hatte, lud seine Ware ab, dann setzte er sich vor das Pf Örtchen des •Gartens, als wäre er entschlossen, hier Wache zu halten. Mittlerweile war man zur Schemoneh Essreh gelangt." Aber "die" Zeit" drängte;" man" dürfte essich nicht vergönnen, zuerst die stille Schemoneh Essreh zu beten>v und sie dann laut zu wieder-" holen. Man mußte kürzen. Der Vorbeter fing daher gleich mit der lauten Rezitation an, erst nach der Keduschah sollte sie leise fortgesetzt werden. So war immerhin eine gute Viertelstunde gewonnen. Er leistete es sich noch, den Schlußvers der Keduschah mit der schönsten Melodie herauszuträllern: „Von Geschlecht zu Geschlecht wollen wir deine Größe verkünden, und durch die Dauer aller Zeiten deine Heiligkeit bewähren; und dein Lob soll aus unserem Munde nicht weichen in alle Zeit und Ewigkeit '. . ."; Dann senkte er seine Stimme und fuhr fort, zusammen mit den anderen: „Du schenkst dem Menschen Erkenntnis und lehrst den Sterblichen Einsicht..." In das Vogelgezwitscher, welches die Luft erfüllte, mengte sich plötzlich etwas, wie ein fernes Donnern und Krachen. Noch eine Sekunde, und ein geller Pfiff ertönte, der Zug wälzte sich dröhnend und ächzend heran. Den Vorbeter durchzuckte es vom Scheitel bis zur Zehe. Ein verdächtiges Scharren und Hüsteln ließ sich ringsum vernehmen. . : Wird der Zug warten,- bis die Schemoneh-Essreh zu" Ende ist...? Sonst ist der Jahrmarkt verloren... Er bot alle seine Kraft auf, um diese niedrigen Gedanken abzuweisen. . . Der Jahrmarkt. . . Zehn oder auch zwanzig Gulden Verdienst. . . Die Unruhe wuchs und Berl, der Getreidemakler, fühlte, daß seine ganze Gemeinde jetzt an allen Gliedern zitterte. . . Man müßte die stille Schemoneh Essreh abbrechen, Gott stehen lassen, um zu den Waggons zu stürzen. . . Jetzt ertönte abermals ein länggezogener Pfiff, dann ließ sich ein ohrenbetäubendes Zischen vernehmen. . . Die Lokomotive hielt. Der Stationsvorsteher stürzte heraus, mit der Glocke in der Hand und schrie: „Eine Minute Aufenthalt, alles einsteigen. . .! Alles einsteigen...!" Der Vorbeter fühlte sich wie gelähmt an allen Gliedern. Auf ihm lastete jetzt die Verantwortung, er war ihr Abgesandter vor Gott... Wenn sie jetzt Reißaus nehmen und das heiligste Gebet abbrechen, und zur Krippe und zum Jahrmarkt hinstürzen, nie im Leben würde er wieder den Mut finden. . . Welch eine Schmach vor Gott. .".! „Eine Minute Aufenthalt! Alles einsteigen. . .!" gellte esihm durch das Hirn. Eistopfte sich die Daumen in die Ohren, um nichts zu hören. Wie zusammengeballt in einem einzigen Bilde standen sie alle plötzlich vor ihm, der Viehhändler, der Glaser, der Schneider und sein kranker Knabe, der Haubenmacher und der Bucklige und alle anderen, die zum Jahrmarkt hin wollten, um etwas zu verdienen. . . Vielleicht den Unterhält" von Weib' und " Kind für einige Wochen ... Wenn sie alle jetzt auf und davonliefen, wer würde es fertigbringen, einen Stein auf sie1 zu werfen. . .? Er flüsterte schmerzlich, fast laut: „Verzeih uns, Vater, denn wir haben gesündigt . . . Vergib uns,

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