Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
- Article
- Der Jahrmarkt von Rohany
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 411 - 412 (sequence 5)
- Language
- German
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411 Aus den Wundergärten der Aggada. 412 dann wurde er auf einmal redselig, und fing an, seine Geschichten zu erzählen. Plötzlich brach er ab, eilte fort in den Hinterhof des Stationsgebäudes, wo er von keinem 'gesehen werden konnte, zog das verfluchte, sauber geschriebene Stück Papier aus der Brusttasche, zerriß es in winzige Fetzen, und ließ sie im Winde flattern. Dann kam er zurück und rief: „So, nun können wir gehen! Es ist höchste Zeit!" Die K-Ujtsc-he des Großgrundbesitzers trabte die Anhöhe hinan. Oben angelangt, sah sich Steiner um und erblickte die paar Juden, die mit ihren Bündeln auf den Schultern unten im Tal ein hertrotteten, schüttelte voll Mitleid den Kopf und dachte bei sich: „Solch ein dummes Volk! Sagt man da immer, die Juden seien klug! Wegen eines Minjans den Jahrmarkt zu versäumen! Solch ein dummes, dummes Volk!..." AUS DEN WUNDERGAERTEN DER AGGADA. ii DIE SCHOEPFUNG UND IHR SCHOEPFER. Pflanzen und Tiere. ~R,ab Jehuda sagte im. Namen von B-ab : Von allen Dingen, die G-ott auf seiner "Welt geschaffen hat, hat er keines zwecklos erschaffen. Sogar die Dinge, die dir überflüssig scheinen auf der Welt, wie das Fliegengeschmeiß, Flöhe, Insekten, auch die gehören mit zur Schöpfung der Welt und durch alle läßt Gott seine Sendungen vollstrecken, sogar durch eine Schlange, durch einen Frosch, durch eine Mücke. * Als König David sein letztes Loblied zur Harfe gesungen hatte, saß er da und lauschte den Klängen, die in seiner Seele nachhallten, und da stieg Uebermut in ihm auf und!er feagte: Herr der Welt, gibt es auf Erden ein Geschöpf, welches gleich mir so viel schöne Gresänge dir zu Ehren gesungen hat? Da erschien ein Frosch vor ihm und sprach: König David, König David, sei nicht übermütig! Mehr Lieder als du singe ich Gott zum Preis und Dank. Und obgleich meine Stimme nicht schön ist, Gott ist mein Singen doch lieb. Mehr noch: ich übe eine große Mizwah. Und weißt du, was für eine Mizwah ich übe? Am Ufer des Meeres lebt ein Tier, das jsich nur mit dem, was im Wasser kreucht, ernähren kann, und wenn das Tier hungrig ist, faßt es imich und ißt mic'h auf. Dias1 ist die Mizwah, die ich übe. Um zu vollbringen, was geschrieben steht: Wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm zu essen, und wenn's ihn dürstet, gib ihm zu trinken. * Als König David noch ein Hirtenknabe war, ging er einmal durch die Wüste und fand einen schlafenden Auerochsen. Er hielt ihn für einen Berg, denn der Auerochse war riesengroß, sein Fell war über und über mit Erde bedeckt,, und Gras Und Sträucher wuchsen darauf. David erkletterte mit seiner Herde den Berg, Und die Schäflein 'fingen an, das Gras abzuknabbern. Der Hirtenknabe sammelte dürre Reiser zu' .einem Häuflein und zündete sich ein Feuerchen an, dann kletterte er auf die Hörner des iVuerochsen, die er für Baumstümpfe hielt, und sah der Flamme zu. Das Feuer aber fing an, dem schlafenden Riesentier zuzusetzen, daß es erwachte. Es erhob sich — und der Knabe auf dessen .'Hörnern befand sich in den Wolken. Da betete David zu Gott, daß er ihn wieder auf die Erde gelangen lasse. Was tat Gott? Er schickte einen Löwen dorthin. Sobald der Auerochse den Löwen erblickte, sank er in die Knie vor ihm, wie es sich gebührte — denn der Löwe ist ja der König aller Tiere —, und neigte den Kopf zur Erde. Der Knabe sprang herunter, aber da lief'er Gefähr, vom Löwen gefressen zu werden. Gott sandte in diesem Moment einen Hirsch dorthin; als der Löwe ihn erblickte, fing er an, ihm nachzusetzen, und David hatte Zeit, seine Schäflein zu sammeln und den Heimweg anzutreten. Da sang David ein Lied zu Gott: „Wie groß sind deine Werke, o Gott, alle hast du mit Weisheit geschaffen!" * Einmal saß König David in seinem Garten und sah zu, wie eine Drohne sich auf eine Spinne stürzte, sie überwältigte und fraß. Sagte David vor1) 'Gott: 0 Herr der Welt, wozu hast du dieses ganze Geschmeiß erschaffen? Die ' Drohne verzehrt unnütz Honig, ohne jemandem Genuß zu bringen; die Spinne spinnt das ganze Jahr, und bringt nie ein .Kleid zustande. Sagte Gott: David, über meine Geschöpfe höhnst du? Warte nur, es kommt eine Zeit, da du ihrer bedürfen wirst. Und als David sich vor König Saul in der Höhle verbarg, schickte Gott eine Spinne, die spann ein Gewebe über den Eingang der Höhle und schloß sie ganz. König Saul kam vorüber,, und als er das Spinngewebe sah, welches die Oeffnung der Höhle verschloß, sagte er: Da ist gewiß kein Mensch hineingekommen, der hätte: ja das Gewebe in Stücke reißen müssen. Er wandte, sich ab und ging davon. Als David herauskam, und die Spinne erblickte, küßte er sie und sprach: Gesegnet seist du, und gepriesen sei dein Schöpfer.. Und als David den König Saul fand, wie er im Bundkreise seiner Krieger schlief, da lag Abner, der königliche Feldherr, am Eingange des J) Ehrfürchtige Ausdrucksweise anstatt „zu".