Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
- Article
- Der Jahrmarkt von Rohany
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 405 - 406 (sequence 2)
- Language
- German
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405 Der Jahrmarkt rvon Rohany. 406 vor dem die Bauern zitterten, der mit Grafen und Baronen tafelte und zur Jagd ritt. . . Welch eine Schmach. . .! Diese gemeinen Kerle werden das in der ganzen Welt herumerzählen, die Damen auf den Gütern und in der Stadt werden es erfahren . . . Man wird ihn auslachen. . . Die Frau Bezirkshauptmann, für die er jetzt eine Menge köstlicher Dinge mit sich führte, und die er in einem reizenden Neglige im Garten promenierend anzutreffen hoffte, während der Bezirkshauptmann sich noch schläfrig im Bette wälzte. . . Brr. . .! In welch eine Patsche war er da geraten. . .! Man muß sich von diesen Juden fernhalten, so fern als nur möglich, und nichts mit ihnen gemein haben. . . 'Man erntet nur Schande und Spott von ihnen und kommt um sein Ansehen in der ganzen Umgegend. . . Der Vorbeter indessen, unbekümmert um das höhnische Gebrumme und das Lachen im Saal, sang seinen Hymnus mit einer steigenden Wärme und* Schwung, und schloß: „..•...Herr aller Weltwunder, der du Wohlgefallen hast an Sangesliedern der Menschen, König, Gott, der du lebst ewiglich!" Hier hielt er inne und Labik benutzte die Pause, um ^auszureden*)." Er sagte: „Gehen wir lieber hinaus in das Wäldchen, dort zwischen den Bäumen sind wir ungestört." Der 'Einfall war gut. Sie rafften ihre Siebensachen zusammen und gingen hinaus in den von einem Gitter umfaßten kleinen Hain vör dem Stationsgebäude. Der Großgrundbesitzer folgte, wütende Blicke um sich werfend und die Fäuste in den Taschen ballend. Er war da in ein Netz hineingeraten, von dem er sich nicht freimachen konnte... Das sollte ihm nicht wieder passieren ... Der Vorbeter stellte sich 'neben einen Baum hin und fing das Kaddisch an, als wäre nichts vorgefallen. „Erhöht 'und geheiligt werde sein großer Name in der Welt, die er geschaffen hat nach seinem Willen.,..." „Amen!" hallte es wieder. „Borchu eth Adonaj ha mevorach! Lobet Gott, den Hochgepriesenen!" Alle Köpfe neigten sich tief, und wie aus einem Mund kam es: „Gepriesen sei der Ewige, der Hochgepriesene, immer und ewig!" Tautropfen funkelten an den grünen Blättern in allen Farben des Regenbogens. Die Sonne war aufgegangen und streute unzählige goldene Lichtflecke überdas grüne Gras, wob einen schimmernden Schleier um die verschlissenen und zerfaserten Talleissim der betenden Männer und umstrahlte die *) Durch profane Rede das Gebet zu unterbrechen, was nur im Notfall gestattet ist. verblichenen Thephillin mit dem Namen Gottes über ihren Stirnen. Würzige Düfte schwebten in der Luft. Die Welt füllte sich mit Licht und Leben. „Du hast das Licht gebildet und du hast die Finsternis erschaffen, du stiftest Frieden zwischen ihnen, du wirkst das Weltall", sang der Vorbeter. Die Vögel Waren in den dichten, rauschenden Laubkronen erwacht, und stimmten laut zwitschernd ihr fröhliches Morgenlied an. „Du erleuchtest die Erde und alle, die sie bewohnen, in deiner Barmherzigkeit. In deiner Güte verjüngst du das Werk der Schöpfung jeden Tag von neuem, immerdar. Wie herrlich sind deine Werke, o Gott, alle hast du mit Weisheit gemacht,, die Erde ist voll deiner Besitztümer____" Nun hatten sie den Jahrmarkt und den Zug: ganz vergessen, sie gaben sich dem Augenblick hin und dem Rausch, der zu ihnen aus der Tiefe dieser tausendjährigen Gesänge aufstieg, Nur der Großgrundbesitzer wurde etwas unangenehm aufgerüttelt, als die dralle Dienstmagd Hanka trällernd vorbeikam und ihm vertraulich 'lächelnd halb spöttisch zublinzelte. Es war ihm unsagbar peinlich, daß sie ihn in dieser Gesellschaft sah. Er wandte das Gesicht weg... „Heilig, heilig, heilig ist der ewige Gott der Heerscharen, voll ist die ganze Erde von seinem Glanz!" rief der Vorbeter und alle fielen mit lauten Stimmen ein. Jetzt ließ sich von der Ferne ein K-natteni von hölzernen Glocken vernehmen, ein Knallen von Peitschen und ein geräuschvolles 'Trampeln. Eine Schar von zehn- bis zwölfjährigen Bauernjungen trieb das Vieh auf die Weide. Sobald die kleinen. Hirten näherkamen und die vielen betenden Juden zwischen den Bäumen erblickten, 'brachen sie in ein lautes Johlen und Pfeifen aus. Der Großgrundbesitzer biß die Zähne zusammen in bleicher Wut und knurrte derbe Flüche hervor.... Daß die verdammten Bengels es wagten,-____ ohne auf seine Gegenwart Rücksicht zu nehmen!... aber er war hilflos, stand da mitten -unter diesen gemeinen Juden und wurde für einer von ihnen gehalten_____ Die gemeinen Juden schienen das Gejohle und das freche Lachen der Hirtenjungen gar nicht zu hören: „Mit ewiger Liebe, mit starker Liebe liebst du. uns, Ewiger, unser Gott, mit großem und mächtigem. Erbarmen umfängst du uns, Vater unser, - Königunser! Um unserer Vorfahren willen, die dir vertrauten, da lehrtest du sie die Gesetze des Lebens.-.." Eine Ladung Sand und Staub kam von draußen durch das dichte Laub geflogen und fiel auf die Mäntel und Gebetbücher der Juden, diese schüttelten esab wie -lästige Raupen. ■ ,>Leg es in unser Herz, daß wir alle Worte deiner Lehre erkennen, erfassen und begreifen,, ihnen gehorchen,- sie lernen und lehren und" be-