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Ost und West · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1918) · p. Seite 403 - 404

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
Article
Der Jahrmarkt von Rohany
Date
1918-11-01
Page
Seite 403 - 404 (sequence 1)
Language
German
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403 Der Jahrmarkt von Rohany. .404 DER JAHRMARKT VON ROHANY. Novelle von A. K a h n. (Schluß). ^„Entschuldigen Sie,; gnädiger Herr, wenn ich Sie, Gott behüte, einladen würde, mit mir eine Portion Schinken zu essen, könnten Sie sagen, ich sei von Sinnen. Sie erinnern sich ja noch gewiß aus dem Cheder in Tarnopol, was die heilige Gemara sagt: der Mensch begeht nicht eher eine Sünde, als bis ein verrückter Geist in ihn fährt; aber wenn ich Sie einlade, eine solche Mizwah zu tun, muß ich 'da erst von Sinnen sein?" .„Troll dich von dannen, unverschämter Kerl. Ich habe keine Zeit, der Zug wird bald da sein." „Zeit haben wir noch genug,, der Herr Stationsvorsteher reibt sich erst den Schlaf aus den Augen. Wir können ruhig dawenen, und nachher trinken wir ein Gläschen zusammen, wie sich's für ehrliche Juden geziemt. Sie haben doch wohl einen guten Tropfen bei sich, aus Ihrer eigenen Brennerei?" .„Nach einem: guten Tropfen steht dir immer der Gaumen. Dich kenne ich. Sag mir nur, was wirst du auf der andern Welt anfangen? Wo wirst du dort einen guten Tropfen nehmen, um .allemal dein Herz zu laben?" „Ich habe keine Sorge, auf der andern Welt werden Sie ja auch brennen." „Ei, du Galgenstrick, nimm dich1 in acht," schrie der Großgrundbesitzer, wütend über diese Zweideutigkeit. Gegen die Zungenfertigkeit des Buckligen war er immer wehrlos und dann geriet er in" sinnlose Schimpferei: „Niederträchtiger Frechling, Leutequäler, Weiberjäger, Zierbengel, Lästermaul..." Der Großgrundbesitzer schäumte und eine Flut lieblicher Bezeichnungen ergoß sich über den armen Labik, der ruhig dastand und nicht mit der Wimper zuckte. „Nur noch Treiphefresser haben Sie zu mir nicht gesagt, gnädiger Herr... Das wäre gerade, wie wenn ich Sie einen Buckel schimpfen sollte." „Der Zug hat dreiviertel Stunden Verspätung, meldete der Lakai. „Der Schalter ist geöffnet. Hier ist die Fahrkarte." :■' „Sehen Sie, da haben wir noch gemächlich Zeit, anständig zu dawenen. Kommen Sie nun hinein! Bloß zu Keduschah und Borchu. Das dauert ja kaum eine halbe Stunde. Ich will mir nur inzwischen eine Fahrkarte lösen." Halb widerwillig betrat der- Großgrundbesitzer den Wartesaal. Die Bauern und -Arbeiter lüfteten demütig die Mützen, die Juden verneigten sich bloß und die drei oder vier von ihnen, die Tallith' und Thephillin anhatten, nickten leicht mit dem Kopfe. Berl, der Getreidemakler, der den Vorbeter machte, ging auf den Ankömmling zu und lud ihn ein, an die Frontseite oben beim Fenster zu treten, doch riersch Lügner bahnte sich rasch einen Weg, schlängelte sich unter vielen Bücklingen und Krümmungen an Steiner heran und nachdem er ihm einen salbungsvollen Gutenmorgen geboten, flüsterte er ihm etwas zu. Die Hand des Großgrundbesitzers fuhr in die Hosentasche, und Hersch Lügner nahm sofort eine Anzahl klirrender Silbermunzen ungezählt in Empfang. Dann lugte er noch sorgfältig zum Fenster hinaus. . . Keiner der drei Bauern ließ sich blicken... Er war beruhigt. . . „Wir werden es kurz machen, gnädiger Herr," sa^e Berl. „Wir sind schon bei Jischthabbach,. Nur Borchu sagen wir, dann Schema und Keduschah, es wird nicht lange dauern." Er wendete sich um, stellte sich an die Wand und fing mit lauter Stimme den Hymnus an: „Jischthabbach . .. Gepriesen sei dein Name in Ewigkeit, König unser, Gott, der du bist der große Herrscher, der Heilige, im Himmel und auf Enden. Denn dir allein, ewiger Gott, Gott unserer Väter, ziemt Lied und Preis, Lobspruch und Gesang, dein ist Sieg, Größe, Heldentum, Herrschaft.,und Pracht, die Heiligkeit und das Reich. . ." Aber Berl hatte sicth verrechnet. Die anwesenden Arbeiter und Bauernburschen, schon etwas angetrunken und von der Gegenwart der Bauerndirnen zum Uebermut angereizt, fingen an, dreinzubrummen, zu lachen, grobe Späße zu treiben und den Gesang nachzuäffen. Selbst die Anwesenheit des gefürchteten Großgrundbesitzers flößte ihnen keinen Respekt ein, da er sich unter diese armseligen Juden gemischt hatte und es ihnen gleichtat. In ihm kochte die Wut auf, am liebsten hätte er ausgeholt und eine reichliche Portion Ohrfeigen ausgeteilt, aber er scheute sich, den angefangenen Gottesdienst zu stören und sein Ingrimm wandte sich gegen diese Juden, die den seltsamen Einfall hatten, hier im Wartesaal des Bahnhofs mitten unter einem halbbetrunkenen Pöbel sich eine Synagoge zu eröffnen, als wären sie bei sich zu Hause. Dieser verdammte Buckel, der ihn beredet hatte, hereinzukommen. . . Er nahm sich vor, ihm später eine Lektion zu geben, an die er denken sollte. . . Solch' eine Patsche. . .! Nun stand er da, zusammen mit Labik dem Buckel, Dawid dem Viehhändler, Salomon dem Glaser, dem Getreidemakler, dem. Schneider und dem Haubenrnacher, als wäre er ihresgleichen und nicht Steiner, der Großgrundbesitzer, Herrauf drei großen Gütern,

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