Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
- Article
- Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 395 - 396 (sequence 6)
- Language
- German
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395 Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden. 396 Bad!"fi) Er folgte der Stimme und fand den Gemeindediener,, der, wie üblich, durch die Straßen zog und laut ausrief, die Leute, sollten vor Anbruch des Sabbat ein Bad nehmen. Unser Mann war sehr erfreut, endlich einen lebenden Menschen zu finden, aber der Gemeindediener sprach kein Wort zu ihm, zeigte ihm nur stumm den Weg zum Badehaus. Hier war es voll von Leuten. Nachher eilten sie alle in die Synagoge zum Gottesdienst. Einer der Anwesenden lud, wie üblich, den fremden Gast auf den Sabbat in sein Haus. Man feierte den Sabbat gar fröhlich und munter, bei erlesenen Speisen und Getränken, man sang alle Sabbatlieder und jubelte, wie es unser Mann sein Leben lang nicht gesehen hatte. Er war sehr neugierig zu erfahren, wer und was die Leute sein mochten, mußte aber seine Neugierde bezähmen, bis der Sabbat vorüber wäre, denn an diesem Tage darf man nicht von werktäglichen Dingen reden. Als am Abend der Hausherr den Scheidesegen gesprochen halte, und 'unser Mann im Begriffe stand,;hn auszufragen, waren alle auf einmal verschwunden. Der Mann irrte wieder eine ganze Woche einsam umher und wußte nicht, was aus ihm werden sollte. Endlich erinnerte er sich an den Brief des Rabbiners, den ihm seine Frau in das Rockfutter eingenäht hatte, jetzt war die Zeit, ihn zu öffnen. Darinnen stand zu lesen, er solle seinem Wirt, während er den Scheidesegen spricht, die Hand in den Gürtel stecken und zu ihm sprechen: „Ich beschwöre dich im Namen Gottes, daß du mir sagest, wer ihr seid, und milden Weg nach meiner Heimat zeigest." Als der nächste Sabbat kam, tat der Mann, wie ihm geheißen war, und darauf erzählte ihm der Hausherr folgendes: „Wir sind keine lebenden Menschen wie du, wir sind längst verstorben. Vor langen, sehr langen Zeiten wohnten wir in einer fernen Stadt. Da gab auf einmal der König ein Gesetz herausr wir sollten uns alle taufen lassen, sonst würden wir gemartert, und dann hingerichtet werden. Wir erbaten uns drei Tage Bedenkzeit, aber nur, um vor dem Tode Buße für unsere Sünden tun zu können. Der dritte Tag war Sabbat. Wir feierten den Sabbat, wie Gott es gebietet, mit Lobgesängen und Liedern, hielten alle drei Sabbatmahle ab, aßen und tranken und priesen Gott und freuten uns, als sollte nichts geschehen, denn wir wollten die Heiligkeit dieses Tages nicht durch Trauer entweihen, sondern ihn ein letztes Mal auf Erden so feiern, wie wir es all unser Leben getan. Als der Abend "kam, beschlossen wir alle zu sterben, wir zogen das Los, wer zuerst in den Tod gehen sollte, ihm folgten dann die*andern. Denn wir hatten gefürchtet, wenn wir lebend in die Hände des Peinigers fielen, könn- 5) Es ist Sitte, vor Eingang des Sabbath ein Reinigüngsbad im Gemeindehadehause zi nehmen. ten wir abtrünnig , werden. Im Himmel aber entstand darob ein großer Aufruhr. Sollten solche Menschen derart vor der Zeit sterben, und was sollte ihr Lohn sein? Wir gingen darauf ins Paradies zum ewigen Leben ein. Aber zum Lohn dafür, daß wir den letzten Sabbat im Leben, 'ohne des bevorstehenden Todes zu achten, so gefeiert hatten, dürfen wir auf jeden Sabbat wieder irdische Gestalt annehmen, dann steigen wir auf diese Insel nieder, wo wir den Sabbat in Freuden und Jubel begehen, gleich wie wir es am letzten Tage unseres irdischen Lebens getan. Aus der überreichen Fülle der psychologiscli und philosophisch äußerst lehrreichen jüdischen Volkssagen, die das Jenseitsproblem zum Gegenstand haben, möge noch folgende hergesetzt werden: Einer Witwe starb ihr einziger Sohn, kurz bevor er Hochzeit machen sollte. Anstatt ihn unter die Chuppa zu führen, führte sie ihn auf den Friedhot hinaus und bettete ihn ins kalte Grab. Wochen und Monate lang war sie wie veiwirrt, saß stumm da, und sprach kein Wort zu einem Menschen. Nachher weinte sie Tage und Nächte ununterbrochen. Aber auch als das Trauerjahr vorüber war, legte sie die schwarzen Gewänder nicht ab, weinte die Nächte hindurch, wandte sich von den Menschen ab, ging jeden Tag auf das Grab ihres Sohnes und verbrachte lange Stunden mit dem Betrachten des Grabhügels und des Denksteins darauf. Alle Trostworte und Zurede'n'ihrer Verwandten und Freunde wies sie von sich. Sie sehnte sich nach dem Tode, um mit ihrem geliebten Kinde endlich vereint zu sein, oder wenigstens es im Traume zu sehen. Einmal erschien ihr der verstorbene Sohn im Traum. Sein Gesicht war schwarz vor Kummer und Harm, er\vai* in einen Sack gehüllt und mit Asche bedeckt. Das Herz der Mutter krampfte sich hei diesem Anblick zusammen, und sie konnte kein Wort hervorbringen. Der Sohn sprach zu ihr: „Mutter, warum' hörst du nicht auf, um mich zu trauern? Das. läßt mir auf der andern Welt keine Ruhe und.ich bin noch! keinen Augenblick in die Pforten des Paradieses eingelassen werden, sondern muß obdachlos umherirren. Dein unablässiges Trauern und Weinen beleidigt Gott; alle anderen Seelen strahlen in dem' Anblick Gottes, die Engel des Himmels bringen die guten Taten herauf, die ihre Hinterbliebenen zu ihrem Gedenken verrichten, von dir aber kommen nur ewige Klagen und Vorwürfe gegen den unabänderlichen Willen Gottes, der doch allein weise und gütig ist und am besten weiß, was den Sterblichen frommt Wenn du mich wirklich lieb hast, mußt du endlich die Trauergewänder ablegen, und den Schmerz aus deinem Herzen verbannen. Anstatt um den Tod deines Sohnes unablässig zu weinen und zu k'.agen,