Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
- Article
- Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 393 - 394 (sequence 5)
- Language
- German
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393 Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden. 394 Jenseits erwartet, auf Erden in irdischen Gütern bezahle. Ich habe dich nun ins Paradies gebracht und du hast da eine ganze Nacht verweilt. Du hast den Geschmack des Paradieses bei Lebzeiten gekostet. Das waren die Heiligen und Reinen, die hier in Ewigkeit ein seliges Leben führen. Das war König David, der die Fiedel spielte, denn es war ja das Festmahl des Königs David. Wenn deine Zeit auf Erden abgelaufen ist, wirst auch du unter ihnen weilen. Aber so lange du lebst, mußt du Armut tragen. Denn es wurde im Himmel beschlossen, daß du entweder diese oder jene Welt erbst. Doch wenn du auf jene Welt verzichtest, kannst du dir hier so viel Gold und Edelsteine nehmen, als es dir beliebt. Nun wähle." Der arme Mann sann eine Weile nach. Aber bald wandte er sich ab, denn er fürchtete, daß derjezer ha Ra4) ihn bereden könnte, auf das selige Leben im Jenseits in Gemeinschaft der Heiligen und Reinen zu verzichten. Als der Morgen graute, stand er wieder im dichten Walde, neben seinem Wagen und seinem' magern Pferdchen. * * * War die vorangehende Sage eine Illustration zu dem Glaubenssatz, daß eine Stunde im Diesseits der Lehre und den guten Taten gewidmet, köstlicher ist, als die ganze Seligkeit des Jenseits, so ist die letztere Sage hier wiederum eine Illustration zu dem Glaubenssatz, daß eine Stunde der ewigen .Seligkeit im Jenseits mehr wert , ist, als ein ganzes diesseitiges Leben mit allen seinen irdischen Genüssen und Ehren. Man kann die in der einen wie in der anderen sich .spiegelnde Lebensanschauung nicht Askese nennen, auch nicht Mystik, denn was sich in ihnen spiegelt, ist nur eine Wertung der höchsten Lebensgüter: Erkenntnis und schöpferische Arbeit. * * * Eine andere Sage von merkwürdiger Phantastik gibt eine kräftige Vorstellung von dem' jüdischen Volksglauben, daß die Seelen der Abgeschiedenen im Jenseits sich danach sehnen, für eine .kurze Weile ins irdische Leben zurückzukehren, um dessen flüchtige Wonnen zu genießen. Sie lautet folgendermaßen: In alter Zeit war ein reicher Mann, der war sehr wohltätig, von allem wasi er verdiente ^gab er die Hälfte im Verborgenen an die Armen. Da er selber die Armen und deren Bedürfnisse nicht alle kennen konnte, gab er das meiste Geld ,an den Rabbiner seiner Stadt, einen sehr frommen und heiligen Mann, und dieser verteilte die Summen unter die Dürftigen, lohne daß diese wußten, woher sie kamen. Nach Jahr und Tag verlor er sein ganzes Vermögen und wurde so arm, daß er selber vom Rabbiner 4) Böser Trieb, Habsucht. Unterstützung annehmen mußte. Eines Tages, sagte der Rabbiner zu ihm: „Weißt du was, du solltest doch versuchen, von neuem ein Geschäft anzufangen. Vielleicht gibt Gott dir abermals: Glück und dein Stern geht wieder auf. Hier hast du einen Goldgulden, versuche es, mit Juwelen zu handeln." Der Mann tat, wie ihm befohlen war, und, siehe da, der Segen des Rabbiners hatte eine gute Wirkung, der Juwelenhändler wurde bald wieder ein reicher Mann. Einmal war er genötigt, in Geschäften eine weite Reise zu unternehmen, nach fernen Ländern, die jenseits des Meeres gelegen sind. Da ging er natürlich zum Rabbi, um Abschied von ihm zu nehmen und seinen Segen zu empfangen. Der Rabbi sprach: „Gehe in Frieden, hier hast du einen versiegelten Brief, du darfst ihn nur öffnen, wenn du dich in höchster Lebensgefahr befindest." Der Mann verwahrte den versiegelten Brief und trat die Reise, an. Frau und Kinder begleiteten ihn ans Ufer des Meeres, hier nähte ihm die >Frau den Brief in das Rockfütter' ein, darauf verabschiedete sich der Mann und bestieg das Schiff, welchies ijnj' d'ais Meer hinausfuhr. Sie fuhren lange Tage und Nächte. Einmal erhob sich ein Sturmwind, das Schiff zerschellte, und unser Mann klammerte sich an ein Brett, welches ihn an ein ,Ufer trug. Er trat ans Land und fing an, sich .umzusehen, wo er sich befand. Es war eine Insel. Er sah herrliche Obst- und Weingärten und darin allerhand blühende Bäume, prangende Blumen und Früchte, alles war schöner und farbenreicher, als sonst in der .Welt. Und wohin immer er ging, war es überall voll Licht und nirgends ein Schatten. Nur Menschen waren nirgends zu sehen. Er ging weiter und fand Häuser. In eines der Häuser trat er ein; alles war darin in schönster Ordnung, als wären die Einwohner verreist und sollten bald wiederkommen. Am Herd standen Gerichte, überall war alles vorbereitet, aber kein Mensch war zu sehen. Dasselbe fand er auch' im zweiten und im dritten Hause. Er dachte bei sich: Was mag das nur sein? Sind alle Einwohner dieses Landes irgendwohin verreist und haben ihre Wohnung unverschlossen gelassen?" Seinen Hunger jsitillte er mit den Früchten der Bäume, die nur Gottes Werk sind, wagte aber nicht, die Gerichte und Speisen zu berühren, denn er fürchtete, ob er sich (nicht an der Hauptstadt der Dämonen befand, und wer fetwas von diesen genießt, der kann nimmer mehr ihrer Macht entrinnen. Mittlerweile sah er sich immer aufmerksamer in den Häusern um, und fand, 'daß alles wie zum' Sabbat vorbereitet war. In den Leuchtern staken Kerzen, auf den Tischen lagen Sabbatbrote. Wein schimmerte in den Flaschen, Fische schmorten in den Pfannen am Herd. Endlich kam der Freitag. Wie unser Mann ziellos umherirrte, vernahm er eine Stimme, die ausrief: „Ins Bad! Ins