Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
- Article
- Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 391 - 392 (sequence 4)
- Language
- German
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391 Seele und jenseits im bett und empfindet es schmerzlich, daß er von dieser schönen Welt Gottes ..scheiden muß. Bezeichnend ist das schöne,.unter den Juden so populäre Wort der Mischnah; welches dem Sterbenden in den Mund gelegt wird, und das so klar die Empfindung zum Ausdruck bringt, daß dieses irdische Jammertal mit seinen Kümmernissen, Wirrnissen und Kämpfen der eigentliche Schauplatz der menschlichen Tätigkeit ist, wo er seine Kräfte entfalten und zur Vollreife bringen kann, während das Jenseits die Stätte ungetrübter, ewiger Heiterkeit in der Nähe Gottes ist. — * * * Eine andere jüdische Volkssage malt recht anschaulich . das Bild, welches die jüdische Volksphantasie sich von den Wonnen des Jenseits macht: Es fuhr einmal ein armer Mann durch einen tiefen Wald. . Er hatte einen alten, zerbrochenen Wagen und ein mageres kleines Pferdchen, und wie er sich' so dahinschleppte, kam der Freitag und es wurde Abend. Da mußte er Rast machen und den Sabbat feiern. Er gab seinem Pferdchen Futter, betete und holte aus dem Sack ein trockenes Stück Schwarzbrot hervor und hielt damit das erste Sabbatmahl. Das gleiche tat er am Sabbatmorgen (zum zweiten, und am Abende des Sabbattages zum, dritten Sabbatmahl. Und wie er so einsam bei seinem' Pferdchen im wilden Walde dastand, gedachte er der alten Zeiten, als er reich war und den Sabbat auf ganz andere Weise feierte, als hier auf dem Wagen mit einer Krume Schwarzbrot. Da saß er in seinem schönen Hause mit Frau und Kindern in einem hellerleuchteten Zimmer und hatte zahlreiche Gäste bei Tische und sie sangen die schönen Sabbatlieder, wie Gott es gebietet, und man trug die besten Speisen auf und trank Wein und war fröhlich von Herzen. Und wie ,er so nachdachte, wurde ihm immer trauriger zumute, und er fing an zu weinen': „Nun habe ich mich mein ganzes Leben redlich gemuht und gerackert, und am Ende ist es so weit mit mir gekommen. Warum straft mich Gott so hart? Freilich, meines An-, teils an der zukünftigen Welt bin ich sicher, und nachdem ich meine Sünden abgebüßt, habe, werden mir alle Herrlichkeiten des Paradieses zuteil werden. Aber, wenn Gott mir für einen Teil jener Herrlichkeiten, die mich im Himmel erwarten, ein klein wenig irdisches Glück geben wollte, damit ich es nicht nötig hätte, mich so bitter zu plagen, wäre das nur gerecht von ihm." Mittlerweile wurde es Nacht. In' den alten guten Zeiten pflegte er zu dieser Stunde am Ausgang des Sabbats! das Ge-. leitemahl, das Festmahl des Königs! David, abzuhalten. Was war da für eine Freude und Lustigkeit im Hause! Man sang die Lieder vom Propheten . Volksglauben der juden. 392 Eliali und sagte. Thora*) und erzählte schöne Geschichten, bis der Morgen graute. Und jetzt saß er da im finstern Walde und hungerte, denn das Schwarzbrot war schon zu Ende. Und wlie er sich an das alles erinnerte, erhob er die Augen und bemerkte von der .Ferne ein Lichtlein. Dem Lichtlein ging er nach und gelangte in ein kleines Häuschen, wo er eine alte , Frau traf. Die alte Frau bot dem Ausgehungerten, eine Portion Fische an, die vom Sabbatmahl übrig geblieben war, Natürlich wollte er zuerst die; Semiroth 2j für den Sabbatausgang singen. Er fing an, in der Stube aut und ab zu gehen und zu singen, und wurde nicht so bald fertig. Da kam auf ihn ein Mann zu und sprach: „Komm mit mir, ich lade dich zum Geleitemahl."3) Er faßte ihn bei der Hand und führte ihn durch eine unterirdische Höhle einen weiten, weiten Weg, bis sie in einen Raum gelangten, der voll war von Licht, daß es aussah, wie bei'hellem'Tage. Darinnen saßen viele Menschen, junge und alte. Es waren lauter schöne Menschen, und sie sahen sehr edel aus. Alle hatten weiße Gewänder an, und als die beiden hereinkamen, gab man auch' iiinen weiße Gewänder zum anziehen. Dann setzten sie sich an den Tisch, einer stimmte einen Gesang an, und alle sangen mit, und das war der schönste Gesang, den er je gehört. Dann sagte ein Alter Thora, und er deutete ihnen vieles Unerklärliche und Verborgene, daß unser Mann erstaunt und entzückt war. Dann erhob ein schöner Alter mit leuchtenden Augen wie zwei (§pnnen, und einem1 langen weißen Bart eine Fiedel und fing an „zu spielen, oas war so wunderbar schön, daß einem dabei cie Seele, ausgehen konnte. Und dabei tanzten die anderen alle, und tanzten gar lange1, aber man sah es ihnen an, daß keine Müdigkeit über sie kam, so lange sie auch tanzen mochten. Unser armer Mann konnte sich nicht sattsehen und satthören an all dem Schönen, welches hier war. Er vergaß ganz, woher er kam1 und was mit ihm geschehen war und meinte, hier wüjrde er ewig bleiben in den weißen Gewändern und würde den Gesang hören und das Spiel der Fiedel und die wunderbaren Offenbarungen der Geheimnisse der Thora. Da kam auf ihn der Mann zu, der ihn hierher gebracht hatte, faßte ihn bei der Hand und geleitete ihn hinaus durch unterirdische Gänge, weit, weit weg, bis sie in einen Raum gelangten, der angefüllt war mit Gold und Edelsteinen, daß es in den Augen nur so flimmerte. Da sprach der Führer zu unserem Manne: Wisse, ich bini Eliah, der Prophet. Ich habe deine Klage gehört, und deine Bitte, daß Gott dir den Lohn, der dich im 1) „Thora sagen" heißt, bei Tische eine gelehrte Diskussion über ein.biblisches oder talmudisches Thema führen. 2) Gesänge. 3) Das Abschiedsmahl zu Ehren der scheidenden Königin Sabbath (melawweh malkah).