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Ost und West · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1918) · p. Seite 389 - 390

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
Article
Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden
Date
1918-11-01
Page
Seite 389 - 390 (sequence 3)
Language
German
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389 Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden. 390 dich nach der Vereinigung mit Gott gesehnt und uns geehrt, dieses flüchtige, irdische Dasein zu verachten? Oder hast du etwa an der Gnade Gottes verzweifelt, und es überkommt dich eine Angst bei dem Gedanken an das himmlische Gericht? Oder hast du noch etwas in diesem Leben zu vollbringen, was du keinem übertragen kannst, und darum beschleicht dich eine solche Trauer, da Gott dich zu sich ruft?. Antworte, belehre uns und kläre uns auf, denn wir sind durch dein Weinen in der Seele gerührt und verwirrt und wissen nicht, was wir anfangen und wie wir fortan leben sollen. Der Meister wischte sich die Tränen aus den Augen und antwortete wie folgt: „Ich weine nicht, als ob es mir leid täte, die Wonnen dieser irdischen Niederungen zu verlassen, die ja nur die Vorhalle der künftigen Welt sind, wo erst das» wahre und echte Leben beginnt. Auch die Strafen, die mich für meine Sünden in der anderen Welt erwarten, fürchte ich nicht, denn so groß der Zorn Gottes wegen meiner Sunden auch sein mag, seine Gnade ist noch größer. Auch lasse ich hier kein unvollendetes Werk zurück. Was ich zu vollbringen hatte, habe ich vollbracht, ich könnte in Ruhe .von dannen gehen. Aber weh tut es mir, Gottes Welt verlassen zu müssen, die so schön ist, daß man in einem kurzen Augenblick durch eine einzige Tat, durch einen einzigen Gedanken, wenn man einem Hungernden einen Bissen Brot reicht, einem Unglücklichen Hilfe und Trost spendet, oder ein einziges Mal sich nach Gott sehnt — sich die ganze Seligkeit jener Welt verdienen kann. Ihr wißt ja, wie es gesagt wurde: Schöner ist ein einziger Augenblick in der Seligkeit jener Welt, als ein ganzes Leben im Diesseits; doch schöner ist ein einziges, der göttlichen Lehre und den guten Taten geweihtes Stündchen im Diesseits, als die ganze selige Ewigkeit im Jenseits. mm - %L :{mp ■^'0^ "v; " ';' :.. " ■' '"4 ,; - 4. ) ■ £,'■>■■ ■/H§1;f •( / }?$■■ ' . ' MINNA LEWI Bildnis Frl. Dr. H. (Oelbild) In dieser kleinen, den schlichtesten Volkskreisen entstammenden Erzählung spiegelt sich vorzüglich die Anschauung, und das gefühlsmäßige Verhältnis des Juden zu der Frage nach Unsterblichkeit, Seele: Jenseits, Lohn und Strafe". Der Glaube an die ■Fortdauer der Seele nach dem leiblichen Tode ist -dem unverwüstlichen,-unausrottbaren Lebenswillen und der Lebenslust entsprungen.. Natürlich muß dieses andere .Leben ein vere'delteres, höheres sein, als das. diesseitige. Aber für den Juden macht den wertvollsten Inhalt des Lebens die Aktivität aus die intellektuelle wie die reale Tat: das Erkennen und Formen der . Welt, oder wie die Mis chnah es nennt: Thora und Aboda,. Lernen und Arbeiten. Nun ist aber für ihn. das. Lebenim Jenseits nur ein rezeptives, kein aktives. . Von einem Formen und Bilden der Welt, von einem „Mitarbeiten am Werke der. Schöpfung Gottes" kann dort gar nicht die Rede sein. Aboda gibt es im Himmel überhaupt nicht. Der Psalmist drückt das in seinem Stil sehr schön aus, „nicht die Verstorbenen preisen Gott, nicht die, die ins Grab gestiegen sind." Ja, sein Wunsch ist: »nicht sterben will ich, sondern leben, und die Taten Gottes betrachtend preisen." Die höhere Erkenntnis, welche der Seele des Menschen aufgeht, nachdem sie vom irdischen Kerker befreit ist, bestehtineinem wonnevollen Schaueu der Herrlichkeit Gottes, der ihr alle verborgenen Geheimnisse des Weltalls und der Thora offenbart, alle Rätsel löst, die ihr hienieden, so lange sie in der niederen Materie schmachtete, unerklärlich waren. Es ist also ein passives Genießen, ohne •Mühe und Kummer. Aber nach jüdischer Empfindung ist gerade das Ringen mit dem Unbekannten, das angestrengte Sichabmühen um die Thora, der Kampf um die Erkenntnis des Wahren, was den höchsten Wert besitzt; das Regen und Entfalten der Kraft ist des Menschen höchste Seligkeit. Darum weint der alte Rabbi auf dem Toten- BERLIN

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