Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
- Article
- Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 387 - 388 (sequence 2)
- Language
- German
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387 Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden. 388 MINNA LEWI belebt und ihn überlebt, gehört zu den allerältesten Bestandteilen der volkstümlichen jüdischen Weltanschauung, ein Grundsatz, an dem wohl, abgesehen von der zu aller Zeit und unter allen Völkern vorhandenen esprits forts, niemand ernstlich gezweifelt hat. Sie fand ihren klassischen Ausdruck in den Worten der Schöpfungsgeschichte: «Gott hauchte dem Menschen den Lebensgeist ein«, nachdem er ihn aus der groben Materie geformt hatte. Das jenseitige Dasein, die Fortexistenz der Einzelseele nach dem Tode des Leibes spielt bekanntlich in der Bibel als ethisches Motiv in der Form der Lohnverheißungfür das Güte und der Strafandrohung für das Böse nur eine ganz untergeordnete Rolle. Seitdem nun die protestantische Theologie sich1 zu modernisieren anfing und seitdem das metaphysische Interesse allenthalben erwacht ist, ist es Mode geworden, auf diesen „Mangel"' des Alten Testamentes mit Nachdruck hinzuweisen und zu betonen, daß dies abermals ein Beweis, für die Inferiorität und grobmaterialistische Gesinnung des Judentums sei: es wird öfters sogar bestritten, daß das antike Judentum den süblinfen Seelenbegriff gekannt habe. Vollends zu jener idealen Höhe, die den ganzen Zweck des Daseins, des Lebens der Individuen wie der Völker in die Sphäre des Uebersinnlichen verlegt, habe erst das Christentum die Menschheit' empörgeführt. Auch die wenigen im Alten Testament vorkommenden Andeutungen und Hinweise auf ein Jenseits des Seelenlebens seien nicht judisches Eigengut, sondern Entlehnung aus der ,,arischen" Gedankenwelt. BERLIN Thüringer Landschaft (Oelbild) sicher, daß die Juden aufs äußerste erstaunt sein müßten, wenn man ihnen einreden wollte, daß sie an die Unsterblichkeit der Seele und an Lohn und Strafe im Jenseits je gezweifelt hätten. So weit unsere Erinnerung und Tradition zurückreicht — und sie reicht bekanntlich eineziemlich weite Strecke zurück, weiter als die aller anderen europäischen Völker — hat diese Vorstellung stets einen integrierenden Teil unserer Welt-und Lebensanschauung gebildet. Daß sie namentlich bei den biblischen Schriftstellern so sehr in den Hintergrund1 tritt, hat seine sehr guten historischen und ethischen Gründe; Doch das bildet ein Kapitel für sich. Einstweilen wollen wir zusehen, welche Gestalt diese Grundvorstellung in der Phantasie des jüdischen-Volkes, besonders in der neueren Zeit angenommen hat. Treffend malt die Anschauungen des jüdischen Volkes über das Verhältnis des Einzelmenschen zum Diesseits und zum Jenseits folgende Sage: Als der Rabbi auf dem Totenbette lag, kamen die Jünger hinein, um ein letztes Mal sein Antlitz zu schauen, seinen Segen zu empfangen und Abschied von ihm zu nehmen. Wie groß war ihre Verwunderung, als sie das Lager des Meisters umgaben und bemerkten, daß sein Antlitz von Tränen übergössen war. Er weinte: Ein Staunen erfaßte sie und eine Angst, da sie sich1 nicht erklären konnten, woher dieser Ausbruch der Trauer in solch feierlicher Stunde käme, da ihr Lehrer vor Gottes Angesicht erscheinen sollte. Sie standen ratlos und verzweifeltda. Schließlich faßte sicih der jüngste Es existiert hierüber eine ganze Literatur. unter ihnen, der ein Liebling des Rabbi war, ein Eine eingehende Untersuchung würde die vollkommene Haltlosigkeit dieser. Ansicht zeigen. Sie würde auch den Beweis erbringen, daß die moderne Bibelkriük durch diese Behauptung mit sich selber in einen krassen Widerspruch gerät. So viel ist "Herz, trat an den Sterbenden heran und redete ihn folgendermaßen an: ,,Rabbi, weshalb weinst du? Tut es dir leid, diese eitle, irdische Welt zu verlassen und diesen Körper von Staub, in dem du gefesselt bist? Hast du nicht selber bei Lebzeiten