Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
- Article
- Völkerbund und Staatenwürde
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 377 - 378 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584078-2584086-2606662--17256-2606700- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
377 Völkerbund und Staatenwürde. 378 rismus, der auf stete Verbesserung und Vervollkommnung hinarbeitet." Dieser hoffnungsfreudige jüdische Meliorismus durchweht auch das Buch Jerusalems über den Krieg im Lichte der Gesellschaftswissenschaft. „Ich bin", sagt der Verfasser, „ein überzeugter Anhänger des ethischen Monotheismus, und halte trotz aller monistischer Argumentationen an dem Gottesbegriff fest, weil ich ohne denselben den Schlußstein zum Gebäude meiner philosophischen Weltanschauung nicht zu finden vermag. Dieser Glaube kann allerdings durch äußere Tatsachen weder begründet noch widerlegt werden, sondern hat seine Wurzeln in den tiefsten Tiefen der menschlichen Persönlichkeit, die eine Einheit des Weltbildes suchen und wollen muß." Er würdigt die sog. „Kriegsfrömmigkeit", nämlich das mit Kriegsbeginn in den Massen erwachte religiöse Gefühl als massenpsychologische Erscheinung vollauf, sieht aber auch seine Grenzen und verspricht sich von ihm weder eine lange Dauer noch eine wirkliche Vertiefung und Veredelung der Menschennatur. Der Krieg ist keineswegs eine Verneinung der modernen Kultur. Umgekehrt, „er macht sich ihre Ergebnisse zu nutz, wirft uns aber trotzdem durch sein natürliches Wesen gewaltsam auf frühere Entwicklungsphasen zurück." Gleichwohl beweist Jerusalem mit großer Schärfe und zwingender Logik, daß dieser Weltkrieg die Menschheit auf eine höhere Stufe der Entwicklung emporführen, indem er das Verhältnis der Völker und Staaten zueinander auf eine andere Basis stellen wird als bisher. Es ist unmöglich, die große Ideenfülle des trotz der lichtvollen und anmutigen Darstellung so gedankenschweren Buches im Rahmen einer kurzen Besprechung auszuschöpfen. Wir müssen uns darauf beschränken, die Deduktionen des Verfassers in der Hauptlinie nachzuzeichnen. Der Staatenbund, wie Jerusalem ihn denkt, darf sich nicht damit begnügen, eine Einrichtung ins Leben zu rufen, die über den Einzelstaaten steht, eine solche Institution hätte keineswegs die Kraft, die internationalen Beziehungen so zu regeln, daß ein neuer Weltkrieg vermieden werde, da niemand sie mit der nötigen Macht auszustatten vermöchte, die zu ihrer gedeihlichen Wirksamkeit nötig wäre. Dagegen müßten die Bemühungen darauf gerichtet sein, die bereits vorhandenen Tendenzen innerhalb derjenigen Staaten, die schon heute mehr sind als Macht- und .Rechtsorganisationen, in einem Prof. Wilhelm Jerusalem Sinne weiter zu entwickeln, der es den Staatslenkern zu Bewußtsein bringt, daß ihr Staat nicht nur dazu berufen sei, sich selbst zu erhalten, sondern auch die Menschheit als Ganzes zu verkörpern und zu ihrer Höherentwicklung beizutragen. Diese Forderung nennt Jerusalem' mit einer neuen Bezeichnung „Staatenwürde". Er versteht darunter ein Analogon zur „Menschenwürde", mit welchem Terminus er das höchste ethische Bewußtsein des Einzelmenschen benennt. „Die moralische Entwicklung der Menschheit ist erst dann zu wahrhaft sittlichen Forderungen gelangt, als sich neben der sozialen Gebundenheit, die ja immer bestehen bleiben muß, das autonome Gewissen zu regen begann und vornehme Naturen erst dann ihre Pflicht erfüllt zu haben glaubten, wenn sie alle ihre Kräfte in den Dienst der Menschheit gestellt, wenn sie ihr Bestes geleistet, und so nach Piatons Forderung das ihre getan hatten." Das Gewissen entwickelt sich gleichsam' innerlich aus dem' Horden- und Massenbewußtsein heraus zur höchsten individuellen Blüte. Gleichwie der Einzelmensch die Forderung der Menschenwürde in sich entwickelte, so entsteht im' Bewußtsein der sittlich ammeisten fortgeschrittenen Völker die Idee der Staatenwürde, und diese ist berufen, im Verhältnis der Völker zueinander als neuer Faktor zu wirken. Diese Staaten würde ist jedoch grundverschieden von dem, was man gemeiniglich unter Staaten ehre versteht. Diese Ehre ist konventionell, ebenso wie ,die Ehre des Einzelmenschen, und beruht bei beiden auf der — mit Furcht gemischten — Achtung und dem1 Ansehen bei den anderen. Beim Staat wie beim Individuum steht die Ehre in geradem Verhältnis zu der Macht, über die sie verfügen. Die Staaten'n würde dagegen, wie Jerusalem1 sie auffaßt, besteht in den sittlichen Forderungen, die der Staat an sich selbst stellt, ganz wie dies "beim Einzelmenschen der Fall ist, insofern er zum Bewußtsein seiner Menschenwürde gelangt ist. „Sie ist der Ausdruck der moralischen Autonomie und eine Art von innerer Souveränität." Und gleich wie der Einzelmensch, wenn er sich seiner Würde bewußt geworden ist, an sich selbst die sittliche Forderung stellt, das Maximum seiner Kräfte dem Gemeinwohl, also dem1 Wohl seiner Mitmenschen zu widmen, ihnen recht viel Gutes und nichts Böses zu tun, so -gilt dasselbe auch für den Staat, der sich' 'seiner Würde bewußt geworden ist. Auf dieser Basis muß sich der Staatenbund aufbauen, wenn er wirksam