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Ost und West · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1918) · p. Seite 379 - 380

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
Article
Völkerbund und Staatenwürde
Date
1918-11-01
Page
Seite 379 - 380 (sequence 4)
Language
German
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379 Völkerbund und Staatenwürde. 380; MINNA LEWI ^Holsteiner Interieur (Öelbild) sein soll. Solangedas - Bewußtsein der Würde in den Staaten nicht erwacht'und-zur lebendigen Triebkraft -geworden ist/ wird jegliches internationales, überstaatliches Zwängsorganebenso: wenig, wirksam sein, AÜfefijetvvaJ die Sicherheitspolizei in.einer Gesellschaft,: Iber .-deren ' Mitgliedern das moralische Empfinden, Idas Gefühl, für: Recht und Unrecht auf.' der/niedrigsten-;Stufe: steht. Gleich wie' der Einzelmensch.;die' Verpflichtung .fühlt, seine K' r a f. t in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen, so muß auch im Staat das Pflichtbewußtsein lebendig werden, seine Mach t in .den. Dienst der allgemeinmenschlichen Ideen zu stellende: dem Wohl des gesamten Menschengeschlechts dienen. In einer Reihe glänzender Darlegungen zeigt Jerusalem1, daß dieses Bewußtsein der Staatenwürde •■ in den . höchstkultivierten Völkern, bereits erwacht ist,, und er.fordert, daß die fürchterlichen Lehren dieses . Krieges dazu benutzt werden, es zur Vollreife zu bringen. „Dieses hohe Ziel liegt freilich noch in weiter Ferne, allein es sprechen deutliche Anzeichen dafür, daß wir uns in seiner Richtung bewegen. Dieses Ziel besteht in der vollendeten Synthese von Staaten macht und Staaten wü r de." Letzten Endes läuft also die Forderung des Verfassers darauf hinaus, daß die Staatenmoral auf denselben Grundsätzen aufgebaut werde, wie die Privatmoral, daß der Staat nicht für sich das als erlaubt erachte, was der Einzelmensch als moralisch verwerflich ansieht, daß die Kluft zwischen Moral und Politik überbrückt werde. Und dies ist eben die Lehre der Propheten Israels. Die Analogie zwischen dem gesellschaftlichen Organismus und dem Individuum wurde häufig hervorgehoben. Schon Plato sagte einmal: Der Staat ist ein Mensch im großen. Leider aber befleißigte sich der Staat meistens, ein Unmensch im großen zu sein. Die moralischen Verpflichtungen des einzelnen, lehrt man uns, gelten nicht für den Staat, den der Patriotismus von ihnen befreit, dagegen gelten die unmoralischen Gesinnungen des einzelnen als patriotische Verpflichtung. Napoleon III. bekam „angoisses patriotiques", . als er Preußen mächtig werden sah und die Einigung der deutschen Stämme vorausahnte. Im Privatleben finden wir es höchst verwerflich, wenn einer BERLIN mit scheelem Auge den wachsenden Wohlstand seines Nachbars betrachtet, . aber zwischen einem' Staat und dem anderen ist es höchste patriotische Pflicht, eventuell sogar durch .einen' Krieg dem Erstarken des Nachbars vorzubeugen, weil der Nachbar ebenso denkt und gegebenenfalls sich auf uns stürzen und uns vernichten würde. Die Unmoral des Einzelnen gilt als •die;Moral des Staates. Private vices, publicbenefices, wie Mandeville sagte. In dieser Beziehung sind alle Europäer noch vollkommene Heiden. Die Propheten Israels dagegen verlangten, daß der Staat in der •Politik dem Einzelnen mit dem Beispiel vorangehe, Treulosigkeit zwischen den Staaten wurde von ihnen noch schärfer gebrandmarkt, als zwischen Privaten. . Auf dieser Grundlage, hofften sie, würde sich dereinst der Bund zwischen den Völkern aufbauen. Unsere Propheten predigten die Lehre von der Staatenwürde, für welche ihr später Enkel den sprachlichen Ausdruck geprägt hat.

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