Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
- Article
- Völkerbund und Staatenwürde
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 375 - 376 (sequence 2)
- Language
- German
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$75 Völkerbund und Staaten würde. 376 allgemein menschlichen Motive in allen Ehren, muß man jedoch zugestehen, daß hierbei auch manche gemeinmenschlichen (Motive mit im Spiele sind. Die Philosophen stehen zwar hoch über allen konfessionellen und nationalen Unterschieden, aber nur zu oft stehen sie nicht hoch genug, über den Unterschieden von Rang und Würde. Rang und Würden, und auch das damit verknüpfte Substantielle, sind um' so naher zu erreichen, je ferner man vom Judentum steht. Größe schützt vor Kleinlichkeit nicht, sagt einmal Moses Lazarus. Mit Entschlossenheit und Aufrichtigkeit im Denken vereinigen viele keineswegs dieselben Eigenschaften im Bekennen und in der Gesinnung. Mancher identifiziert sein Lebenswerk mit seiner Person so sehr, daß ihm kein Opfer zu groß scheint, um' seiner Person alle möglichen Vorteile zu sichern, weil diese Person ihm als die Trägerin und die Gewähr seines Lebenswerkes erscheint. Wir gewöhnlichen Sterblichen mit unserem Bedürfnis nach Einheit und Harmonie werden von dieser Zwiespältigkeit schmerzlich berührt und verwirrt, um' so stärker, wenn sie sich an Persönlichkeiten offenbart, deren schöpferische intellektuelle Leistungen uns; Bewunderung - {ein-; flößen und die zu verehren wir uns von Herzen sehnen. ' *. ~.r Daher ist es für uns doppelt erfreulich^ •wenn.'- uns eine Individualität entgegentritt, die' mit der Tapferkeit, Tiefe und Schöpferkraft des Denkers -die Aufrichtigkeit des Bekennens und die Lauterkeit-der Gesinnung verbindet. Eine solche Persönlichkeit ist Wilhelm Jerusalem. Es würde sich" lohnen," seine reiche, rein philosophische Lebensarbeit: riri--einer besonderen Studie eingehend zu würdigen.- 'Er rhat sie, abgesehen von einer Reihe kleinerer Schriften, namentlich in seinen Büchern „Die Urteilsfunktion. Eine psychologische und erkenntniskritische Untersuchung", und „Der kritische Idealismus und die reine Logik" niedergelegt, die auf das philosophische und empirische Denken der Gegenwart einen tiefgehenden Einfluß ausgeübt haben. Seine gesammelten Aufsätze „Gedanken und Denker", die die schweren Goldbarren der philosophischen Spekulation in gangbare Münze umprägen, sind „populär" im edelsten Sinne des Wortes, denn er ist nicht ein Vermittler fremden Gutesi, sondern einer, der aus dem' überreichen Eigenbesitz schöpft und dem Publikum seine Sdhätze in anmutiger Form darreicht. Seine „Einleitung in die Philosophie" und sein „Lehrbuch der Psychologie" zeigen den bewährten Pädagogen hohen Stils, sind in mehrere Kultursprachen übersetzt worden und haben unter der jüngeren Generation Kultureuropas den Sinn für die moderne Philosophie wecken geholfen. Sein Bekenntnis zum' Judentum hat Wilhelm Jerusalem' in einer sehr schönen und gedankenreichen, klaren Schrift niedergelegt, betitelt „Der Kulturwert des Judentums" (Wien 1911, Sonderabdruck aus den ^Beridhten des Vereins „Bene Berith"). Es ist sehr zu bedauern, daß diese Schrift in den weitesten Kreisen so wenig bekannt geworden ist. Ein Kulturmensch ersten Ranges, ein Mann, der auf der Höhe des modernen Wissens und Denkens steht, die Ergebnisse der Forschung auf den wichtigsten Gebieten der Natur- und der Geisteswissenschaften in sich aufgenommen und zu einer einheitlichen, umfassenden Welt- und Lebensanschauung ausgeprägt hat, spricht hier zur jüngeren Generation seines Volkes und legt ihr dar, was für ein hoher Schatz von kulturellen Werten die Jahrtausende in ihre Hände gelegt haben, wie sie ihn bewahren und mehren und der Nachwelt überliefern soll. „Dreitausend Jahre lang haben wir uns in unserer Eigenart erhalten. Aus der Heimat vertrieben, in unserer staatlichen Existenz vernichtet, lebein wir fast seit zweitausend Jahren zerstreut unter den Völkern. Wir nehmen teil an deren Schicksalen, sind mittätig bei ihrer Kulturarbeit und sind doch nicht .in ihnen aufgegangen." Welchen Eigenschaften und Leistungen ist es zu danken, daß das Judentum sich bis heute erhalten hat? Da nennt der Verfasser .vor allem unsere Religion, die ihrem Ursprünge nach eine ethische Religion ist. Er zitiert das schöne Wort des freisinnigen christlichen Forschers Tiele, eines der bedeutendsten Kenners der * allgemeinen Religion^ und Kulturgeschichte: „Ich darf nicht behaupten, daß eine ethische Religion . nicht zugrunde gehen kann, verdrängt von der \ Üebermächt. einer andern. Ich weiß nur, daß dies * noch niemals geschehen ist." Die Geschichte kennt kein Beispiel hierfür. „Das Judentumbrauche ich nur ,zu erwähnen. Israel ist über die ganze Welt versprengt, seine Einheit und Selbständigkeit als Volk ist vernichtet. Es wohnt mitten unter den Gojim, redet ihre Sprachen, befolgt ihre Gesetze, gehbrcht :iliren Fürsten. Aber es hat sein Gesetz 1 und1 seine Propheten überallhin mitgenommen und bleibt seiner alten Tradition treu. Zwei kräftige Sprößlinge sind aus dem alten Stamm hervorgesprossen. Christentum1 und Islam sind selbst schon zu kräftigen Bäumen geworden, aber der alte Stamm steht noch immer tiefgewurzelt und in voller Blüte." Der ethische Kern der jüdischen Religion fließt aus ihrem Wesen als des spiritualistischen Monotheismus. Gott ist reiner Geist und ist einheitlich. „In dieser geistigen Einheitlichkeit und einheitlichen Geistigkeit des jüdischen Gottesbegriffes liegt die Aufforderung zu einer überaus kräftigen seelischen Konzentration, die zur Quelle geistiger Kraft und geistigen Reichtums wird." Diese geistige Einheitlichkeit des Gottesbegriffes ist aber zugleich das vergeistigte Spiegelbild der geistigen Einheit des Menschheitsbegriffes. Durch die un&bsehbare Vielheit der Gestaltungen, in denen der Mensch auf Erden auftritt, leuchtet die Einheit des Geistes hindurch, als letztes Ziel und Aufgabe aller Kulturarbeit. Daraus kristallisiert sich die Weltanschauung des Judentums heriaus, deren vorzügliches Merkmal es bildet, daß sie dem Leben zugekehrt ist. „Unsere Propheten verheißen uns ein Reich des ewigen Friedens und allgemeiner Menschenverbrüderung hier auf Erden. Nicht kalter Pessimismus ist unsere Devise, sondern hoffnungsfreudiger Optimismus, oder noch richtiger, lebenskräftiger M e 1 i o -