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Ost und West · 1918-10-01 · Heft 10 (Oktober 1918) · p. Seite 369 - 370

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 10 (Oktober 1918)
Article
Der Jahrmarkt von Rohany
Date
1918-10-01
Page
Seite 369 - 370 (sequence 4)
Language
German
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369 Der Jahrmarkt von Rohany. 37 Ihnen allen war jedoch die Idee, Minjan zu, machen, in dm Kopf gegangen. Sie winkte ihnen, wie die Aussicht auf einen seltenen Genuß. Diese Dorfjuden, die unter den Bauern zerstreut wohnten, fanden sich nur am1 Sabbat zusammen, um einen regelrechten Gottesdienst zu halten, und aus der Thora vorzulesen. Dazu hatte Berl, der Getreidemakler, in seinem Häuschen eine besondere - Stube eingerichtet, mit einer Heiligen Lade, in dereine in seiner Familie erbliche alte Thorarolle verwahrt wurde, mit einem verblichenen, goldgestickten Vorhang davor; daneben ein Ständer mit einem Pult, in der Mitte ein Tisch, mit einer schönen Decke darüber. Ein Kasten mit Büchern stand an der Wand, vom Balken hing ein neunarmiger Hängeleuchter herab. Das ganze sah aus, wie eine Minktursynagoge. In den schönen Sommermonaten kamen sie sogar am Freitag abend zusammen und hielten Gottesdienst. Aber in der stürmischen Winterzeit traf es sich, daß manche sogar am Sabbat morgens nicht hinkommen konnten, und dann gab es eben kein Minjan. Und nun! schon gar an einem gewöhnlichen Wochentage, da gehörte ein Minjan zu den größten Seltenheiten. Wenn einer Jahrzeit hatte, ließ er eine Woche zuvor die Nachbarn bitten, an diesem Tage sich bereit zu halten und bei ihm einzufinden. Jeder mußte ja seiner Beschäftigung nachgehen. Die Gelegenheit, an einem Wochentage Keduschah und. Borchu zu sagen, erschien ihnen wie etwas Festliches, wie ein merkwürdiges ausnehjmliches Ereignis. Sie gruppierten sich in einer Ecke, der Glaser rückte seinen Kasten beiseite und sprach: „Ob wir Minjan haben öder nicht, auf jeden Fall ist es gut, 'mit dem Dawenen*) hier fertig zu werden und etwas zu sich zu (nehmen. Wenin| man in der Stadt ist, hat man dann einen freien Kopf, und kann seinen Geschäften nachgehen." Hersch Lügner war der einzige, der Tallith und Thephillin nicht bei sich hatte. „Ich leihe dir die meinigen", sagte Jossei, der Schneider, „du machst es ja ohnehin schnell ab." Hersch Lügner nahm1 das Anerbieten an, aber er war heute sehr zerstreut und unruhig. Während er die Gebete murmelte, sah er unablässig zum Fenster hinaus. Es war nicht nur der Großgrundbesitzer Steüner, nach dem er ausschaute, keiner ahnte, daß er sich mit einem unheimlichen Plan trug, den er heute auszuführen gedachte. Es war ein Stück Papier, das er bei sich hatte, ein sauber geschriebener „Akt", wie er ihn als Winkelschreiber oft anzufertigen pflegte,... Eine Denunziation ... Hersch Lügner hatte mancherlei fragwürdige Dinge in seinem Leben verübt, an die er nicht gern zurückdenken möchte. Doch zum Denunzianten war *) Gebet. er noch nie geworden. Aber der Bezirkshauptmann von Rohany hatte ihn so, lange gequält und ihn Imit allerlei Versprechungen, gelockt ... Der Bezirkshauptmann hatte einen Groll auf den Schultheiß und seine beiden Assessoren in dem1' Dorfe, wo Hersch Lügner wohnte, das rührte noch von den letzten Wahlen her, aber. er konnte gegen die drei Bauern nichts ausrichten. Da. warf er ein Auge auf Hersch Lügner. „Wenn du mir diese drei Lümmel in die Hände lieferst, dann sollst du's gut haben, Herschko! Möchtest du eine Tabaktrafik auf Lebenszeit besitzen? Eine Schankkonzession? Na, wir wollen sehen... Nur schwarz auf weiß, mußt du's mir bringen... Es geht in deinem' Dorfe manches vor... .du kannst alles herausbekommen____ Die drei Lümmel können weder lesen noch schreiben... Du bist ein kluger Kopf. Herschko, paß nur gut auf, du wirst alles erfahren..." Im Dprfe ging nichts vor, aber Herschko strengte seinen guten Kopf an und paßte auf, und bald wurde ihm1 klar, daß der Herr Bezirkshauptmann um jeden Preis etwas schwarz auf weiß haben mußte, womit er es den drei widerspenstigen Bauernlümmeln eintränken konnte... Lange überlegte sich1 Hersch Lügner die Sache, aber am Ende, wer möchte nicht gern eine Tabaktrafik auf Lebenszeit oder eine Schankkonzession haben? ...Die drei Bauemlümmel konnten weder lesen noch schreiben. Und der Bezirkshauptmann war ein mächtiger Herr, gleich der nächste nach' dem1 Statthalter. Er mußte wohl wissen, wozu das alles gut war ... Endlich1 hatte Hersch Lügner das Papier in der Tasche. Drei Tage lang hatte er darüber geschwitzt. . . Der Herr Bezirkshauptmann würde vor Vergnügen mit der Zunge schnalzen, ihm zur Anerkennung einen Fußtritt versetzen und ausrufen: .„Schön, du Hundeblut, verdammtes! . .. Das hast du gut gemacht."... Er konnte nun auf eine Tabaktrafik oder eine Schankkonzession rechnen... Aber die ganze Zeit über verfolgte ihn der Gedanke, daß die drei Bauern heute ebenfalls mit demselben Zug von Rogi nach Rohany fahren konnten. Allmählich wurde es ihm1 zur Gewißheit, daß sie es tun müßten, sie konnten jeden Augenblick ankommen... Ha, Herschko, guten Morgen. Bist du auch hier? Fährst nach Rohany? Schön,'-wir reisen zusammen, du erzählst uns unteriwegö ein paar Geschichten,.. Das wird lustig werden... Ein Sch'näpschen gefällig!? Ich habe auch gebratene Eier bei mir, und Schwarzbrot, greif zu! Das ist dir doch' nicht verboten ... Dann würde Hersch Lügner nicht den Mut finden, die Denunziation zu überreichen ... Unmöglich'... Das brächte er nicht fertig. Die drei hatten ihm nie was zu Leid getan.*, oft etwas zu verdienen gegeben und" mit Lebensmitteln ausgeholfen. Wenn er ihnenins Gesicht blickt, dann ist es aus mit dem'

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