Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Der Jahrmarkt von Rohany
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 371 - 372 (sequence 5)
- Language
- German
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371 Der Jahrmarkt von Rohany. 372 ganzen Plan, die Tabaktrafik und die Schankkonzession sind für immer d^hin ... In seine ohnehin nicht ganz reine Seele war eine große Unruhe gekom'men, «und jetzt erwachten auf-einmal in ihm unangenehme Erinnerungen an allerlei Dinge, 'die er gesagt und getan, die er längst vergessen zu haben glaubte----Wenn er heute zum Denunzianten geworden ist, dann wird er freilich' für die Zukunft nicht mehr zu sorgen haben, aber ... aber... .Wenn nur die drei Bauern nicht kämen ... doch sie werden gewiß kommen ... Sie müissen kommen ... Hersch Lügner hatte sich in den Kopf gesetzt, daß die drei Bauern jeden Moment ankommen werden, und sah ihrem' Erscheinen mit Beklemmung entgegen. Er starrte fortwährend zum1'Fenster hinaus, und zuckte zusammen, so oft die Türe aufging... Wenn sie kämen, müßten sie schon längst da sein, tröstete er sich'. Bauern machen sich zum - Zug sehr frühzeitig auf... Indessen kamen immer neue Bauern aus der Umgegend, der Wartesaal füllte sich. Draußen war schon heller Tag geworden. Im Osten erblitzten die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Jetzt wurde ein lautes Peitschengeknalle vernehmbar. Von zwei prächtigen Rappen gezogen, rollte eine schöne, leicht gebaute Kutsche heran, so groß, daß eine ganze Familie darin Platz finden konnte. Aber es saß nur der Großgrundbesitzer allein darin. Der Lakai sprang vom Bock unidi fing an, die vielen Pakete aus dem Wagen heraus zu holen:! „Nun haben wir den zehnten zu Minjan", sagte der Getreidemakler, Hersch, geh hin und lad ihn ein." Hersch hatte sich1 beim Anblick des Wagens rasch des Tallith und der Thephillin entledigt. Er sagte etwas unsicher: „Ei, nein, das werde ich nicht, auf mich wird er nicht hören, ich muß von ihm das Geld herausbekommen, welches er mir schuldet." Der Großgrundbesitzer schimpfte inzwischen draußen laut mit dem "Lakai und dem Hausknecht, der ihm beim Abladen der Pakete behilflich war.. „Vorsicht, du verdammter Lümmel! Das ist das Fäßchen Butter für die gnädige Frau Bezirks- Hauptmann!... Dort ist der Käse!... Das da sind die Blumensträuße für die gnädigen Fräulein! Die schweren Sachen werden aufgegeben, die Blumen konimen ins Kupee! Paßt doch auf, ihr Strolche! Da sind zwei Speckseiten und Gläser mit eingemachten Früchten vom Vorjahre für die Klosterdamen, wenn ihr mir eins kaput macht, hau ich euch den Schädel entzwei, ihr Halunken!... Und du Schuft", wandte er sich an den Kutscher, „warum hast du noch immer nicht die Deckem hervorgeholt und die Pferde eingewickelt?... Siehst du nicht, wie-sie von Schweiß triefen? Willst du, sie sollein sich erkälten? Hurtig,. oder ich mache dich auf der Stelle zu Brei..." Se,ine stattliche Gestalt im leichten Reisemantel stand aufrecht mitten zwischen den vielen Sachen., noch frisch trotz des stark ergrauten, kurzgeschorenen Bartes. Das Schreien und Fluchen war nicht so schlimm gemeint, aber es gehörte zum: Lebensstil des Edelmannes, den er sich seit Jahrzehnten aneignete, damit verschaffte man sich Respekt beim gemeinen Volke und hielt es in angemessener Entfernung:. „Heda!" schrie er zum Lakai hinüber, ,,geh du hinein und kauf mir eine Fahrkarte. Ist der Schalter schon geöffnet?" Jetzt näherte sich ihm Labik mit bedächtigen Schritten, lüftete den alten Kastorhut, setzte ihn aber gleich wieder auf. „Guten Morgen, Herr Graf!" rief er Der Gutsbesitzer maß ihn mit einem erstaunten und geringschätzigen Blick. „Sieh da, was willst du hier, du buckliges Kamel?... Wie oft hab ich dir verboten, midi Graf zu titulieren. Ich bin kein Graf." „Aber Sie werden es noch, Herr Baron, das versichere ich Ihnen.. Wenn Sie es nicht werden, so wird es Ihr Herr Sohn ganz gewiß,. Der Herr von Brumicki ist auch erst vor kurzem zum Grafen gemacht worden, obwohl sein Vater Braunstein hieß und mit Pferden handelte. Ich hab ihn noch selber gekannt." „Du bist der frechste Schuft, der mir je vorgekommen (ist;.. aber was willst du von mir? Einen Gulden? Zwei?" Er steckte die Hand in die Tasche. „Gott soll behüiten, wozu brauch ich Ihr Geld? Ihre 3eele will ich, Ihre jüdische Seele. Wir sind nämlich ,unser gerade neun Juden hier und brauchen den zehnten zu Minjan." „Hast du Jahrzeit?" fragte der Gutsbesitzer schon etwas besänftigt: Vor einer Jahrzeit hatte er einen höllischen Respekt. „Nein", antwortete der Bucklige. „Nur so, wir sind unser gerade zehn, mit Ihnen zusammen, und wir möchten gern mit Minjan dawenen." Der Gutsbesitzer brach' halb ärgerlich, halb belustigt, in ein Lachen aus. „Hat man je eine solche freche Verrücktheit gehört? Mitten auf offener Straße fallen sie einen an. Minj.an ist ihnen in den Kopf gekommen! Habt Ihr keine anderen Sorgen? An' einem1 ganz gqwohnlichen Wochentage. Und sie haben nicht einmial Jahrzeit. Ich glaube, du bist von Sinnen, Mensch." (Schluß folgt.)