Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Der Jahrmarkt von Rohany
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 367 - 368 (sequence 3)
- Language
- German
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367 Der Jahrmarkt von Rohany. 368 braune Stationsgebäude aus der morgendlichen Dämmerung auf, dahinter schlängelte sich der weißliche Bahndamm und im Hintergrunde ragte wie eine dunkelgrüne Mauer der mächtige, unabsehbare Tannenwald, In den Wipfeln tanzten rote und goldene Lichter der aufgehenden Morgenröte. Ringsum schien alles zu schlafen. Nur vor dem geöffneten Haustor machte sich der verschlafene Knecht etwas zu schaffen. Auf den herumliegenden Steinen waren einige schon früher angekommene Passagiere eingenickt. „Hu, seid Ihr aber früh aufgebrochen Menschen! Der Zug nach Rohany geht ja erst in einer Stunde oder zwei!" begrüßte der Hausknecht die Ankömmlinge. „Der Herr Stationsvorsteher schläft wohl noch, oder schläft er schon?" fragte der Bucklige. „Hat die ganze Nacht Karten gespielt", brummte der Knecht, ,,ist erst vor zwei Stunden ins Bett 'gekrochen". „Aber wann kommt der Zug?" schrie Labik ungeduldig. „Wie soll ich das wissen, Mensch? Nach einer oder zwei Stunden, vielleicht früher, vielleicht später". „Da muß ich doch beim Herrn Stationsvorsteher nachfragen." Mit einigen Sätzen war er im ersten Stockwerk und hämmerte mit beiden Fäusten an die Türe des Stationsvorstehers. Ein zerzauster Kopf kam durch den Türspalt zum Vorschein und eine schlaftrunkene Stimme rief verdrossen: „Lassen die Leute einen nicht ein Stündchen ruhig schlafen. Was willst du von mir, Labik? Es ist ja noch stockfinstere Nacht." ■ „Nacht ist es bei Ihnen im Kopf, Herr Stationsvorsteher. Draußen ist heller Tag... Wann kommt der Zug nach Rohany? Hundert Passagiere warten schon unten seit zwei Stunden!" „Wann der Zug kommt? Wie soll ich das wissen, mein Lieber? Bin ich der Herrgott? Er wird schon kommen, verlaß 'dich darauf. Das wirst du von der Ferne 'hören. Er wird pfeifen." ' „Aber wann soll er kommen? Er sollte doch eigentlich schon da sein, das sagen alle, die dort unten warten." „Wart ein wenig, ich will erst mal nachsehen.,. .'. Ho, ho, ho! Da müßt ihr euch aber noch eine 'gute Stunde gedulden. Legt euch ein wenig schlafen. Wenn er ankommt, wird er euch schon wecken; er wird von der Reise so müde sein, daß er hier ein Stündchen wird ausruhen müssen. Dann kauft ihr euch Fahrkarten und steigt gemächlich ein. Es hat 'doch keine Eile, Rohany und der Jahrmarkt laufen euch ja nicht weg. Jetzt aber trage deinen Buckel von dannen, und laß mich schlafen." Unten hatte inzwischen der Hausknecht den einzigen Wartesaal erster, zweiter1 und dritter Klasse geöffnet. Eine Anzahl Arbeiter waren angelangt, die mit der Bahn zu der großen Ziegelei einige Stationen weit reisen wollten, einige Bauernburschen und -mädchen in bunten Kopftüchern, die zum Heumachen auf eines der nahegelegenen Güter bestellt waren. Sie machten es sich bequem, holten ihre Schnapsflaschen und Mundvorräte hervor und nahmen unter Scherzen und Lachen einen Imbiß,. „Wir können uns mittlerweile ausschlafen, hat er gesagt," yerküjnidete Labik seinen harrenden Reisegefährten. „Ich bin nicht schläfrig, ich1 will ein paar Kapitel Thehillim*) sagen." Er holte . aus seinem Bündel, in welchem Thaliith' und Thephillin nebst etwas Reisezehrung lagen, ein kleines Psalmenbüchlein hervor. . „Eigentlich könnten wir Minjan machen", bemerkte der Glaser. „Wieviel sind wir unser?" „Minjan an einem Wochentag", sagte der . Viehhändler, „das habe ich schon seit Jahren nicht erlebt, außer wenn ich in der Stadt bin." , „Wir sind unser im ganzen acht Wenn man Josseis Tdeinen Sohn hinzurechnet..." „Aber der wird ja erst im Herbst Bar Mizwah, der zählt ja gar nicht," erwiderte der Vater. „Zur Not dürfte man ihn schon mitzählen," sagte der Getreidemakler, ,,das ist erlaubt, er steht ja schon im dreizehnten Jahre. Aber da fehlt ja immer noch einer." „Hersch, dich könnte man eigentlich für zwei rechnen", sagte Labik, „du bist einer, und der andere, den du immer bei dir hast, ist der zweite"., „Laß mich in Ruh, Schelm der du bist. Was für ein anderer?" „Na, deinen Lügner, meine ich, nur müßte man zuerst entscheiden, ob man ihn überhaupt mitzahlen darf." „Mach keine Witze, Labik. Wenn Steiner kömmt, ist das Minjan voll. Wird er wirklich kommen, Hersch? „Sag nein, dann kommt er sicher." ' „Er sagte mir gestern, daß er heute mit Tagesanbruch nach Rogi kommt, um von hier mit der Bahn nach Rohany zu fahren", beteuerte Hersch Lügner. „Er hat mir eine Menge Geld zu bezahlen, für das Schriftstück, die Eingabe an die Bezirkshauptmannschaft, sonst wäre ich ja gar nicht hergekommen, ich habe ja 'kein Reisegeld," fügte er jämmerlich, fast verzweifelt, hinzu. „Wenn er weiß, daß du da bist, kommt er ganz gewiß. Aber auch dann haben wir nichts davon. Solche großen Herren nehmen sich Zeit, und treffen auf der Bahn ein, wenn der Zug schon reisefertig ist. Dann heißt es gleich, einsteigen." *) Psalmen.