Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Der Jahrmarkt von Rohany
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 365 - 366 (sequence 2)
- Language
- German
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36.5 Der Jahrmarkt von Rohany. 366 „aber er will mir nichts mitteilen, seinen ganzen Vorrat hebt-er für ,den Jahrmarkt auf. Alles, was er mir sagt, ist die reinste Wahrheit, ich glaubs ihm' gern. Er hat keinen Heller in der Tasche und grübelt, von wem1 er sich heute das Geld für eine Fahrkarte nach Rohany borgen könnt«." „Mach' keine Spaße, Labik", versetzte Mersch Lügner pikiert. „Ich' habe dir kein Wort davon gesagt". „Seht ihr, wie recht ich' hjabe", rief der Bucklige. „Er spricht wirklich vorläufig nur die Wahrheit. Gesagt hat er's mir nicht, aber seid sicher, er denkt an nichts anderes. Hab ich" recht, Hersch Lügner?" „Nein, du Lästermaul, ich brauche mir bei keinem von euch' das Reisegeld zu borgen. Der Gutsbesitzer Steiner von Piliza fährt heute ebenfalls nach Rohany; er wird in seiner Kutsclhe zur Station Wommen; der schuldet mir eine Menge Geld für ein Schriftstück, welches ich' für ihn abgefaßt habe, eine Eingabe an die Bezirkshauptmannschaft." „Er fängt schon jetzt an, auszupacken", bemerkte Labik trocken. „Aber wenn Steiner kommt, so wirst du schon dein Reisegeld haben, das ist sicher." „Die einzige jüdische Ader, welche dieser Steiner noch in sich hat, er sagt keinem1 ab, der ihn um etwas bittet," bemerkte der Glaser. „Das ist wahr; das wird ihn auf der anderen Welt aus der Holle herausreißen. Keine Sünde, die in der Thbra steht, hat er unterlassen, aber ein gutes Herz hat er und eine offene Hand." „Ach ja, auch wenn es gilt, Ohrfeigen auszuteilen. Davon wissen seine Knechte und die Bauern auf seinen Gütern was zu erzählen." „Das hat er von seinen Gutsnachbarn, iden christlichen Ede!leuten, gelernt. Ein Jude hat gar nicht das Herz dazu." „Und schreien und schimpfen kann er! Wenn er den Mund auftut, glaubt m'an, sein Großvater und Urgroßvater wären schön als Herren auf Piliza gesessen. Aber viele haben ihn selber noch gekannt, als er in Tarnopol ein kleiner Viehhändler war." „Und heute fährt er vierspännig und besitzt drei große Güter. Aber von Jüdisch'keit will er nichts mehr wissen. Gerade am Sabbath läßt er sich den Schimmel satteln und reitet hinaus, um die Arbeiten im' Felde zu beaufsichtigen. Und daß es einen Unterschied zwischen Trephe und Koscher gibt, hat man in seinem1 Hause längst vergessen." „Basjk'a, die Köchin, ist bei ihm Schochet für Geflügel", bemerkte der Bucklige, „und die Schweine für seinen Hausbedarf schlachtet Danilo, der Stallknecht." „Manchmal erwacht in ihm doch' noch! ein Funke", .sagte Berl. „Im vorigen Sommer hatte der Arendar*) seines Dorfes Grabow Jahrzeit nach der Mutter und war verhindert, an diesem1 Tag in die Stadt zu fahren, wie er es sonst immer tat, um in der Synagoge Kaddisch zu sagen. Was war da zu machen. Es kamen aus der Umgegend alle Erwachsenen zusammen, um ein Minjan zu bilden. Aber an Wochentagen ist es ja schwer, zehn Männer des Morgens zu versammeln. Neun waren ihrer da, man wartete vergebens auf den zehnten, die Zeit rückte vor, der Arendar war verzweifelt, denn er fürchtete, daß es ihm nicht mehr gelingen würde, diesmal Jahrzeit abzuhalten. Da reitet gerade Steiner mitten in einer ganzen Gesellschaft von Damen und Herren vorbei. Mein Arendar faßt sich ein Herz, tritt hinaus, lüftet die Mütze, und bittet den Großgrundbesitzer zu Minjan. Und was denkt ihr euch? Der Herr Steiner steigt vom Pferd, wirft die Zügel einem' Reitknecht zu und kommt in die Stube hinein, um das Minjan voll zu machen. Geschimpft hat er freilich' auf die dumm!en Juden und ihre lästigen Bräuche, aber er blieb eine ganze Stunde da, natürlich hatte er Thaliith und Thephillin nicht an, aber er betete mit, antwortete Amen, Keduschah und Borchu, ganz wie wir andern alle." „Eine jüdische Seele und einen gojischen Magen kann man nie ergründen," meinte Labik, der Bucklige. Ein Wlagengerassel wurde hörbar. Aber es wiar nicht der Gutsbesitzer Steiner, sondern Jossei, der Dorfschneider, der auf einer Bauernfuhre daherkam; er wollte mit seinem kranken Sohn, einem zwölfjährigen Knaben, zur Station fahren, um1 den Stadtarzt in Rohany aufzusuchen. „Wenn wir nur den Zug nicht verfehlen", sagte der besorgte Vater. „Ich' muß langsam fahren, der Junge verträgt das Schütteln nicht. „Eher wird der Zug uns verfehlen", erwiderte der Glaser. „Wenn er sich auf der Station viel zu lange ausruht, so müssen wir die Beine auf die Schultern nehtnen und marschieren, wir kommen immer noch' früher <an, als er." „Paß nur auf, daß er dir nicht vor der Nase davonläuft, wenn er einmal keine Zeit hat, wie mir das neulich passiert ist. Er sollte mit dem Glockenschlag dreiviertel auf acht abdampfen. Ich laufe, was mich' die Beine tragen, und bin pünktlich eine halbe Stunde früher zur Stelle. Mein Zug steht schon auf dem Gleis und pfaucht und1 pustet, ich stürze atemlos an den Schalter, und während ich das Geld zähle und mir die Fahrkarte eingehändigt wird, ■ — ein Pfiff, und weg ist er. Ich habe vergebens nachgeschrien, daß er warten sollte. Er machte sich nichts darausi." Jetzt tauchte auf einer Anhöhe das hübsche hell- *) Wirtshaus- und Schankpächter.