Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Erziehung zur frohmütigen Kraft
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 357 - 358 (sequence 12)
- Language
- German
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357 Erziehung zur frohmütigen Kraft. 358 lungen. Eine zweite Gefahr, die zu überwinden war, bestand darin, in fades, süßliches Moralisieren zu verfallen, das natürlich nicht nur den Zweck verfehlt, sondern das gerade Gegenteil von dem bewirkt, was beabsichtigt wird. Es ist ein ernster, strenger Mahner, der zu uns spricht, aber er ist zugleich ein großer Versteher des menschlichen Herzens, ein tiefer Kenner der Menschennatur, ihrer starken und ihrer schwachen Seiten, ein gerechter und zugleich milder ^Beurteiler, der seine unerbittlichen Forderungen mit so viel Güte und Frön-* lichkeit vorträgt, daß seine Worte zu Herzen dringen und den Sinn erobern werden. Beide Bücher ergänzen /einander. Das erstgenannte entwickelt sozusagen vdie theoretischen Grundlagen, auf denen sich die Anschauungen und Forderungen des Verfassers .aufbauen, das andere bringt die praktische Anwendung dieser Anschauungen auf das tägliche Leben. Hier schöpft der Verfasser aus der reichen und vollen Erfahrung seines Lebens, das ihm als Führer und Lehrer seines Volkes verflossen ist. Hier erinnert der Verfasser an die Rabbiner alten Schlages, die nicht nur an' bestimmten Sabbaten und bei Trauungen oder Leichenbegängnissen zu predigen sowie die Ritualien zu überwachen hatten, sondern vor allem als Richter in Zivil- und Ehesachen fungierteni Diese Rabbiner besaßen lange nicht jene formale theoretische Bildung, deren unsere heutigen Dok-i toren der Philosophie sich rühmen dürfen. Sie kannten keine syrische Grammatik, und den Koran lasen sie ebenso wenig wie Homer. Dafür abejr hatten sie einen tiefen Blick in die Herzen der Menschen getan, hatten Gelegenheit, sie bei Streitfällen um Mein und Dein, bei großen, langwierigen und verwickelten Prozessen zu beobachten, ebenso wie bei Familienstreitigkeiten, wie Ehescheidungen, Prozessen wegen Mißhelligkeiten zwischen Ehegatten oder nächsten Verwandten, wegen Erbschaften o. dgl. Diese praktische Seelenkenntnis, geschöpft aus unmittelbarer Beobachtung des warmen, gärenden Lebens, verlieh jenen alten Rabbinern eine ganz eigenartige Souveränität und Ueb erlegen he it in der Beurteilung der Menschen und im Verhalten gegenüber ihren Gemeinden. Jeder von ihnen hatte etwa/» von einem Herrscher an sich, aber nichts von einem Beamten. Sie waren nicht die Angestellten ihrer Gemeinde, sondern dex-en Führer und Meister. Ihre Stellung zu den Gemeinden war ungefähr die eines Republikspräsidenten auf Lebenszeit oder eines konstitutionellen Monarchen. Unter den vornehmsten Gemeindemitgliedern waren sie die primi inier pares und zugleich die berufenen Beschützer der Enterbten vor Unbill und Gewalt. Ihre Welt war enge, aber ihre Kenntnisse dieser Welt waren tief und durchgreifend. Die Responsen dfer alten Rabbiner, in denen ihre Lebenserfahrungen so nebenbei niedergelegt sind, bieten eine Fülle von praktischer Psychologie, einen Schatz von Menschenkenntnis, der noch zu heben ist. Es ist bedauerlich, daß djie; Forschung diesem ganzen so weit verzweigten Literaturgebiet noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit zugewendet hat. Es bietet eine reiche Ausbeute nicht nur für die Sittengeschichte, sondern auch für die angewandte Seelenkundie, die jene Rabbiner von Berufs wegen zu treiben genötigt waren, da ihr Beruf sie täglich' und stündlich mit lebendigen Menschen, nicht mit Büchern und Schemen zusammenbrachte. An jene alten Rabbiner erinnert die Lebensanschauung des Verfassers der vorliegenden Schriften, nur vereinigt er in sich mit dieser alten Art eine hohe vielseitige moderne Bildung, vielfache Kulturinteressen und Verständnis für die modernen Strömungen und Bedürfnisse, die er, auch wo er sie abweist oder den Stab über sie bricht, gerecht zu beurteilen bestrebt ist. Seine Weltanschauung ist nicht nur eine streng religiöse, sondern e;ine streng orthodoxe; er hält unentwegt und mit äußerster Schärfe und Konsequenz an diesem seinen Standpunkt fest. Hierbei lehnt er sich an die jLehren seines Meisters Samson Raphael Hirsch an, die namentlich in dem Horeb entwickelt sind. Die Hirschsche Orthodoxie hat bekanntlich innerhalb der deutschen Juden heit sehr begeisterte und stramm konsequente, aber wenig zahlreiche Anhänger gefunden. Allein das bezieht sich nur auf seine Anschauungen von der Unwandelbarkeit des Zeremonialgesetzes, sowie auf die Fragen der Organisation u. dgl. Was den Ausbau der Sittenlehre anbetrifft, kann man sagen, daß die Anschauungen des Frankfurter Begründers der Neu-Orthodoxie es verdienen, Gemeingut der Gesamtjudenheit zu werden. Er hat sich mit Erfolg bemüht, die unbeugsamen Lehren der Sirenggläubigkeit und des orthodoxen Ritualismus zu verinnerlichen, er hat sie zu einem Lebenssystem und einer Weltanschauung ausgebaut, die, fest im Buchstaben des „Gesetzes" wurzelnd, sich bis zu sehr hohen philosophischen Regionen erhebt und dabei von dem Schmelz einer sanften Mystik umhaucht ist. Im Mittelpunkte dieses Systems steht die „Selbstheiligung" des Menschen als eines Instrumentes zur Vollziehung des Willens Gottes auf Erden. Sämtliche Gebote der ,Thora sind Mittel zu dieser Selbstheiligung, die den Menschen eben zum Menschen machen und ihn über Tier und Pflanze emporheben, zum bewußten Instrument des göttlichen Willens. Sie sollen ihn mit Kraft und Frohmut erfüllen, damit er dieser Aufgabe gewachsen sei. Auf dieser Lehre fußend entwickelt Carlebach seine Anschauungen über Sittenreinheit, Liebe, Ehe, Kindererziehung und alle damit zusammenhängenden Probleme. Hier, was er über die Eheschließung sagt: „Der naturgemäße Weg ist der, den die Stimme des Herzens führt, diejenige Jungfrau als Gattin heimzuführen, zu der das Herz mit aller Macht, mit fast unwiderstehlicher Gewalt hinzieht, in deren Nähe, in deren Anblick man sich glücklich, überglücklich fühlt; die man liebt, in die man verliebt ist. Die Liebe ist die Gottesstimme, die aus unseren Sinnen spricht, ist dk Feuersäule, die uns den Weg zeigt, erleuchtet una erwärmt. Die Liebe ist blind, sie gibt sich keine Rechenschaft, sie fragt nicht nach Gründen, warum