Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Erziehung zur frohmütigen Kraft
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 355 - 356 (sequence 11)
- Language
- German
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355 Erziehung zur frohmütigen Kraft. 356 von Almosen verwendet. Nichts weist auf den Meister oder die Fabrik, die es geschaffen haben, hin. * * * All dieses emsige Streben und Schaffen, all dieses rege sittliche und geistige Wirken und Leben, gehört nunmehr einem vergangenen Zeitabschnitte an. Als das Edikt von 1812 rdie inländischen Juden zu Staatsbürgern machte, stand die Zülzer Gemeinde mit ihren 1096 Seelen wohl auf der höch- Abb. 28 sten Höhe ihrer Entwicklung. Die Gesetze über die Gewerbefreiheit und Freizügigkeit gelwährten auch den Juden die Möglichkeit, ihre geistigen und wirtschaftlichen Kräfte frei zu entfalten. Immer mehr strebte das nachwachsende Geschlecht hinaus aus der Enge des1 abseits1 von allem Weltverkehr] gelegenen Oertchens, das erst vor wenigen Jahren eine Nebenbahn erhalten hat. Beim Tode Friedrich Wilhelms III. zählte man noch 755, im1 Jahre 1849 noch' 539, 1858 noch 411, 1871 noch: 248, 1880 noch 129, 1895 noch 36 und 1910 nur noch 20 jüdische Seelen am Orte. Durch Verfügung Vom 15. August 1914 hat die Regierung zu Oppeln diese älteste Gemeinde Oberschlesiens aufgelöst und ihre Bestände der Synagogen-Gemeinde zu Neustadt überwiesen, wo ihre Altertümer einer aufmerksamen Pflege und Fürsorge sicher sind. A n m' e r k u ,rig e n. 1) Vergl. meine Geschichte der Juden in Schlesien S. 4 f. 201. 206 und meinen Aufsatz über den neuen Grabsteinfund in Breslau im laufenden Jahrgang der Monatsschrift f. Gesch. u. "Wissensch. d. Judentums S. 106 f. 2) Gesch. d. Juden in Schlesien, S. 189. 3) Zimmermann, Geschichte und Verfassung der Juden in Schlesien, S. 59 f. 4) Brann, Gesch. des Landrabbinats in Schlesien, S. A. S. 6 f. 5) Ueber alles dieses und das folgende vergl. die soeben erschienene Geschichte von Zülz von Joh. Ch.rzq.szcz in der Zeitschr. „Oberscnlesische Heimat", S. 64. 69. 151. 6) Für die verschwindende Minderheit, die in unserer Mitte der hebräischen Sprache noch nicht oder — sagen wir: nicht mehr ganz mächtig ist, sei hier in Kürze angemerkt, daß der hebräische Buchstabe Zade, der dem Deutschen z entspricht, am Anfang und in der Mitte eines Wortes eine gekrümmte oder krumme, am Ende eines Wortes aber eine gerade, gestreckte, „schlechte", d. h. schlichte Form hat, und daß im Volksmunde der Name des Buchstaben Zaddik gespiochen und mit dem gleichlautenden Eigenschaftswort, das „gerecht, achtbar, tugendhaft" bedeutet, indentifiziert worden ist. Kulturgeschichtlich interessant ist dabei, daß heute unter uns jeder, der den im Text angedeuteten und damals jedermann verständlichen Witz ohne meine Erläuterung versteht, gewiß bereits vielen als ein halber Gelehrter gilt. 7) Die Gegenstände, von denen Zeichnungen nicht vorliegen, sind in Z ü 1 z für die dort abzuhaltenden Gottesdienste zurückgeblieben. Die Reste der aus dem Beth ha Midrasch stammenden Bücher-Sammlung sind der Bibliothek des jüdischtheologischen Seminars in Breslau, die alten Akten dem Gesamtarchiv der deutschen Juden in Berlin, einige Thorarollen und Gebetbücher dem Ausschuß zur Wiederherstellung der Gemeinden in Ostpreußen überwiesen worden. ERZIEHUNG ZUR FROHMUETIOEN KRAFT. Es war längst schon nötig geworden, der jetzigen Generation etwas kräftig ins Gewissen zu reden. Seit einem Menschenalter haben die alten jüdischen Begriffe von Sittenreinheit und Keuschheit immer mehr gelitten. Im Dunst des modernen großstädtischen Treibens verblich allmählich der stille Glanz und die Weihe des trauten jüdiischen Familienlebens. Gewisse literarische Modeströmungen und Schlagworte taten das ihrige, um' in den Köpfen und den Herzen der Zeitgenossen Verwirrung zu stiften betreffs der wichtigsten Grundlagen des Daseins. Jenseits von Gut und Böse, Sichausleben, Moralinfreiheit, schrankenloses Uebermenschentum und alle anderen hochtönenden Phrasen eines philosophisch verbrämten genußsüchtigen Kraftmeiertums boten dem Laster einen pseudo-wissenschaftlichen Freibrief und lullten die Gewissen ein. Nun kam der Weltkrieg und lockerte in weitesten Kreisen aller Volksschichten die hergebrachten Moralbegriffe. Wir stehen an der Schwelle einer Epoche, in der es nötig sein wird, alle Kraft zusammen zu nehmen, um die Menschen vor völliger Verwilderung zu bewahren. Darum kommen zwei Bücher, die diesen heiklen Gegenstand mutig und aufrichtig anfassen, sehr zu rechter Zeit und werden in allen jüdischen Kreisen äußerst willkommen sein. Es sind das<: „Sittenreinheit. Ein Mahnwort an Israels Söhne und Töchter, Väter und Mütter" von Rabbiner Dr. Salomon Carlebach, und: „Ratgeber für das jüdische Haus", von demselben. (Verlag Hausfreund, Berlin.) Der Verfasser hat sich eine schwere Aufgabe gestellt. Es galt, von Dingen zu reden, bei denen man leicht in Prüderie* und Ziererei verfällt, wenn man sich hütet, die; Dinge beim rechten Namen zu nennen. Es gehört ein sehr hohes Maß von erlesenem' Takt, verbunden mit sittlichem Ernst und Tapferkeit des Herzens dazu, um in derlei Fragen den richtigen Ton zu finden, Das ist dem'Verfasser in hohem Grade ge-