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Ost und West · 1918-10-01 · Heft 10 (Oktober 1918) · p. Seite 359 - 360

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 10 (Oktober 1918)
Article
Erziehung zur frohmütigen Kraft
Date
1918-10-01
Page
Seite 359 - 360 (sequence 13)
Language
German
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359 Erziehung zur frohmütigen Kraft. 360 gerade die und keine andere. Die Liebe ist ein Geheimnis, ein Zug des Innern, der keine Erklärung verlangt und keine verträgt. So wie man bei der Berufswahl diejenige Laufbahn einschlägt, zu der das Herz treibt, ohne zu fragen nach den Vorteilen oder Nachteilen dieser Lebensstellung, so wie bei Freundschaften weniger der Verstand, die Ueberlegung entscheidet, als vielmehr das Herz, so wie bei der Erstrebung der Lebensgenüsse und der Lebensgüter der Geschmack den Ausschlag gibt, der so unendlich verschieden, und über den nicht zu streiten ist, so ist auch die Liebe nicht kontrollierbar." Aber er übersieht keineswegs, daß der Liebesrausch nicht das ausschließliche Führerrecht zum Eheglück für sich in Anspruch nehmen darf: „Es gibt zahllose Veranlassungen, die das Eheglück beeinträchtigen oder in das Gegenteil verwandeln können, die bei. ruhiger Ueberlegung hätten herausgefunden oder das später wahrscheinlich Eintretende hätte vorausgesagt werden können, die aber von dem jungen, lebensunkundigen, durch die Liebe berauschten und verblendeten Sohn übersehen werden, so daß es gar nicht zu den Seltenheiten gehört, daß die vor und während' des Brautstandes und der Flitterwochen so verliebten undl glücklichen Menschen später ein gar wenig glückliches Ehepaar bilden." Wahrhaft heilig und segensvoll ist für den Verfasser jene Liebe, die nicht der Verlobung und der Ehe vorangeht, sondern im Brautstande und in der Ehe geboren wird. Diese Liebe allein trägt in sich die Gewähr der Ewigkeit. Es ist schwer, sich etwas Gescheiteres und Gütigeres zu denken, als was der Verfasser über das Verhältnis der Eltern zu dem neuvermählten Paar sagt: „Fortab soll das junge Paar seine eigenen Wege gehen, sein eigener Führer sein. Der Rat und der Beistand der Eltern wird ihnen ihr Leben lang bleiben, so oft und wo immer sie danach verlangen. Aber auch nur dann! Denn vernünftige Eltern mischen sich in die Angelegenheiten ihrer verheirateten Kinder nicht ein, nicht der Vater und nicht der Schwiegervater, nicht die Mutter und nicht die Schwiegermutter, nicht in ihre ehelichen, nicht in ihre geschäftlichen, nicht in ihre gesellschaftlichen Angelegenheiten, nicht befehlend, nicht anordnend und nicht einmal ratend, wenn sie nicht um Rat gefragt werden. Die jungen Menschen haben andere Ansichten und andere Auffassungen als die , alten. Sie sind mündig und müssen sehen, wie sie allein fertig werden. Die Alten werden manches sehen, was ihnen nicht gefällt, und manches hören, was nicht ihren Beifall findet. Sind sie vernünftig, dann schweigen sie und tun, als ob sie nichts gehört und nichts gesehen hätten. Sie tun damit sich selbst einen Gefallen, und stören nicht das Glück ihrer Kinder. Die junge Frau will selbst Herrin in ihrem Hause sein, so wie es die Mutter und die Schwiegermutter und die Großmutter, als sie jung waren, ihrerseits auch gewünscht hatten. Das Haus der Kinder sei den Alten gewissermaßen ein ganz fremdes Haus, in dem sie nicht mehr zu gebieten haben, nicht mehr Rechte beanspruchen als jeder andere Gast. Jeder Mensch liebt die Freiheit, findet die Bevormundung lästig, selbst die liebevolle, aber »neistens unangebrachte Bevormundung der Eltern. Es wäre schlimm, wenn deine verheirateten Kinder noch dieser Führung und Anweisung bedürften! Hast du sie sorgsam und hingebend erzogen, solange sie unter deiner Obhut standen, dann lasse sie nach ihrer Fasson ihre Seligkeit suchen, d. h. ihr Nestchen bauen, wenn sie flügge geworden sind und deines Schutzes nicht mehr bedlürfen und nicht mehr danach verlangen." Eingehend bespricht der Verfasser die Einzelheiten der Familiengründung, Ehevermittlung, Verlobung, Mitgift, Brautstand. Ueberall merkt man den gewiegten Menschenkenner mit der reichen Beobachtung aller Schichten der Gesellschaft. Er steht über allen und beurteilt alle mit väterlicher Güte, Nachsicht und Milde, aber zugleich mit weiser Gerechtigkeit und nach sehr strengen und hohen Grundsätzen, denn er ist überzeugt, daß •alle zu Flohem berufen sind,;und er will, daß jeder nach Kräften bemüht sei, alles aus sich herauszuholen, was der Schöpfer in ihn an geistigen und sittlichen Werten gelegt hat. — Besonders wertvoll sind die Sittenschilderungen, diie der Verfasser von den einzelnen jüdischen Familienfesten und Feierlichkeiten bietet. Hier findet sich manches Kabinettstückchen feinster Kleinmalerei. Das Kapitel über die Pflichten des Ehemannes sei in dieser Zeit, da der männermordendie Krieg die Männer, die ihn doch zum größten Teil verschuldet haben, so hochmütig gemacht hat, den Herren der Schöpfung besonders warm empfohlen. — Die ganze Lebensanschauung des Verfassers ist von einem sonnigen Optimismus getragen, der sich aus seiner jüdischen Weltanschauung ergibt. Keuschheit und Sittenreinheit sind die Grundlage und die Bedingung des Familienglückes, die Familie aber nicht nur die Keimzelle des Volkes, die Basis der Staaten und Nationen, sondern vor allem die Pflanzstätte der edlen Persönlichkeit, des Menschen, „an dem Gott Freude hat", weil er seinen Willen tut, in Frohmut und mit ganzer Kraft. L e c t o r.

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