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Ost und West · 1918-10-01 · Heft 10 (Oktober 1918) · p. Seite 327 - 328

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 10 (Oktober 1918)
Article
Hundert Jahre Wissenschaft des Judentums
Date
1918-10-01
Page
Seite 327 - 328 (sequence 2)
Language
German
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327 Hundert Jahre Wissenschaft des Judentums. 328 veröffentlichte Leopold Zunz eine kleine Schrift, „Etwas über die rabbinische Literatur" betitelt, an die man vielfach die Gründung der .Wissenschaft des Judentums knüpft. Dieser. Ansicht bin ich freilich, weil ich sie für unbegründet halte, schon einige Male entgegengetreten; die Wissenschaft des Judentums ist zweifellos viel älter, und ihre hervorragenden Pfleger im 19. Jahrhundert: Krochmal, Rapoport, Jost, Zunz, Luzzatto, Frankel, Geiger, Michael Sachs, Steinschneider, Graetz usw. haben nie behauptet und die Meinung auch1 nicht aufkommen lassen, daß sie diese Wissenschaft etwa „erfunden" und begründet hätten. Sie haben im Gegenteil oft geklagt, daß die Wissenschaft des Judentums!, die in früheren Jahrhunderten in hoher Blüte gestanden hatte, nunmehr wenig beachtet darniederläge. Es'war auf diesem Gebiete ein Stillstand eingetreten. Das jüdische Volk hatte kein Mittelalter im gewöhnlichen Sinne unserer geschichtlichen Periodeneinteilung. Aber seit dem 16. Jahrhundert, seitdem es in der Außenwelt zu tagen begann, zeigte es sich durch' die vielen Leiden und Plackereien ermüdet und in seiner schöpferischen Kraft erlahmt. Ganz aufgehört hat beim jüdischen Volk die wissenschaftliche Arbeit auch seitdem nicht. Man braucht nur auf das geniale kritische Werk „Meor enajim" des Assarja dei Rossi hinzuweisen, idas bis! auf den heutigen Tag seinen würdigen Platz in der Wissenschaft behauptet und dazu noch den Vorzug aufzuweisen hat, daß es nicht etwa aus Lesefrüchten, aus1 mühselig zusammengesuchten Zitaten besteht, sondern aus dem reichen Quell des vielseitigen Wissens geschöpft erscheint. Was seit einem Jahrhundert geschehen ist, zeichnet sich hauptsächlich nach zwei Seiten aus. Einmal wurde die Arbeit, die seit einiger Zeit ungef ordert dalag, mit neuen Kräften wieder aufgenommen. Außerdem schwebte einem Teil der Forscher, vornehmlich Jost, Zunz, Frankel, Geiger usw., der klare Plan vor Augen, auch die Wissenschaft des Judentums vom Ghetto zu befreien und sie zu einem Zweig der allgemeinen Wissenschaft, des allgemeinen Kulturlebens, zu machen. Insbesondere Zunz hat diesen Gedanken wiederholt ausgesprochen. Die Emanzipation des jüdischen Volkes, für die sich' namentlich die deutschen Juden in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts lebhaft eingesetzt haben, konnte nach seiner Anschauung ohne die vorhergehende Emanzipation der Wissenschaft des Judentums nicht erreicht werden. Die Erstlingsarbeit von Zunz — er war bei deren Veröffentlichung erst 24 Jahre alt — ist nicht bedeutend, und sie hat auch nicht große Beachtung gefunden. Aber der junge Privatgelehrte fuhr in seiner Forschertätigkeit fort und bereitete sich zu seinem großen Werk vor. Sein Jugend- und Schülgenosse J. M. Jost hatte den Mut, im Jahre 1822 mit dem ersten Band einer großangelegten „Geschichte der Israeliten" hervorzutreten, die bis zum Jahre 1829 in neun Bänden abgeschlossen war (später folgte diesem Werk die „Neuere Geschichte der Israeliten von 1815—1845" in drei Bänden). Diese erste moderne Geschichte der Juden fand auch in nicht jüdischen Kreisen weitgehende Beachtung. Da man 'sich1 damals viel mit dem Problem1 der bürgerlichen Gleichstellung der Juden befaßte, mußte man sich auch mit ihrer geschichtlichen Vergangenheit vertraut machen. Zunz,. der sich ebenfalls mit dem Plan einer modernen wissenschaftlichen Geschichte der Juden getragen hatte, glaubte nicht, daß die Zeit zu dessen Verwirklichung schon gekommen sei, da es noch an den nötigen Vorarbeiten fehlte. Jost hat es übrigens später selbst zugestanden und damit die nicht wegzuleugnenden Mängel seiner Geschichte entschuldigt. Unterdessen hatten zwei Männer in Ga- Iizien, die von Zunz noch gar nichts wußten, die Wissenschaft des Judentums an einem andern Punkt aufgenommen. Der eine war Nach m a n K r o c h m a 1 (geb. 1785 in Brody, später lebte er im kleinen Städtchen Zolkiew), ein tiefer Denker aus der Hegelschen Schule, Religions¬ und Geschichtsphilosoph und ein scharfsinniger Kritiker, der die Hegelsche Geschichtsphilosophie viel ungezwungener als bei Hegels Geschichtsbetrachtung selbst auf die geistige Geschichte des jüdischen Volkes anzuwenden verstand. Der zweite war sein Jünger und Freund Salomo Juda Loeb Rapoport (geb. 1790 in Lemberg), der mehr ins einzelne ging und sicfr zuerst hauptsächlich auf die Erforschung der mittelalterlichen Epoche beschränkte. Beide schrieben hebräisch, wobei Krochmal bei seinem gediegenen Wissen eine fast unüberwindliche Scheu vor der Oeffentlichkeit hegte und nur äußerst spärlich mit Wissenschäftlic'hen Arbeiten hervortrat. Ueberdies war er in der Darstellung sehr knapp, und" man mußte aus ihr mehr raten als sie zu lesen gab. Sein Hauptwerk'wurde erst nach seinem Tode durch Zunz veröffentlicht und ist leider in seiner Gedankentiefe bis auf den heutigen Tag noch nicht völlig ausgeschöpft. Selten hat ein Gelehrter in wenigen Worten so viel gesagt und noch mehr angedeutet, wie es Krochmal in den wenigen bei Lebzeiten veröffentlichten Abhandlungen und in seinem nachgelassenen Werk getan hat. Rapoport hingegen war der ruhige Altertumsforscher, der mit viel Scharfsinn jede geschichtliche Reminiszenz aufzuspüren, in ihrer Bedeutung zu erkennen und wissenschaftlich zu verwerten verstand. Er hat damit Schule gemacht und gezeigt, welches äußerst wertvolle geschichtliche Material im talmudischen und rabbinischen Schrifttum zu finden war. Zunz, der die Veröffentlichungen Rapoports mit großer Aufmerksamkeit verfolgt hatte, schritt nunmehr zur Abfassung seines epochemachenden Werkes: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, historisch entwickelt", das im Jahre 1832 erschien und als1 eine wissenschaftliche Tat von Bedeutung bezeichnet wer-

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