Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 9 (September 1918)
- Article
- Stimmen des Friedens
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 307 - 308 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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307 Stimmen des Friedens. 308 bemerkt Foerster: „Während die ganz Kulturwelt in Gefahr ist, von den Ueberhebungem und Uebertreibungen der Gemeinschaftsgestaltungen nationalen Charakters in tiefste Not und Unkultur gestürzt zu werden, wird von dem Volke, dem! die Menschheit für die Entwicklung einer höheren Gemeinschaftskultur des Erdenlebens Unvergeßliches verdankt, jetzt noch ein überschwengliches Ziel von eigner nationaler Begeisterung verkündet." Foerster weist .auf den Zionismus hin und ist eine Weile besorgt, daß dessen Bestrebungen der internationalen, allgemein-menschlichen Wirksamkeit des Judentums'Abbruch tun könnten. „Ihre (der Juden) bewährten intellektuellen Eigenschaften und die höheren Traditionen ihrer Vergangenheit werde der Menschheit immer unentbehrlicher werden für die so warm von der deutschen Volksseele ersehnte und verkündete, allein heilkräftige Genesung des Erdenlebens' durch die gemeinsame Verwaltung der Erde, nicht nur mit „freier" Konkurrenz, sondern in Weisheit, Großmut und Güte." Und darin beruhigt sich Foerster: eine Ansiedelung der Juden in Palästina könnte in dieser Richtung sehr förderlich für diese Landstriche sein. ,,Die gemeinsame föderative Verwaltung von Vorder-Asien, Syrien und Aegypten, von Arabien und Mesopotamien . . . wird eine schwierige, aber hochwichtige . . . Aufgabe bilden. Und hierfür bietet das Judentum auch auf den Gebieten der wirtschaftlichen Entwicklung für die ganze Erdenwelt so hoffnungsvolle Ausblicke dar." * Hat der Astronom die internationalen Leistungen der Juden vorwiegend in der Himmelskunde, Mathematik und Physik betrachtet, so berücksichtigt der Arzt in erster Reihe ihre Bedeutung für die Heilkunde. Aber auch er sendet seinen Blick weit hinaus über die Grenzen seines Gebietes und faßt die weltgeschichtliche Rolle des jüdischen Volkes ins Auge. Prof. Münzer, der hervorragende Mediziner, ist Numismatiker aus Liebhaberei, und diese führte ihn zu vertieften kulturgeschichtlichen Studien, zu denen auch das Interesse für die Geschichte der Medizin und für die sozial-ethischen' Fragen ihn hinleitete. Der Verfasser steht auf vollkommen freisinnigem, fast extrem bibelkritischen Standpunkte. Um so bedeutsamer ist die große Ehrfurcht, mit der er von der Bedeutung unserer heiligen Schriften für den ethischen Fortschritt der Menschheit spricht. Glänzend ist die Parallele zwischen der Strafgesetzgebung Hammurabis und der mosaischen. „Dem gewaltigen Geist und dem hohen sittlichen Ernst, der diesen Teil der Gesetzgebung Mosis durchzieht", widmet der Verfasser folgende Worte: „Der größte Prophet und der bescheidenste aller Menschen, Moses, der das Elend und die Sklaverei von der Nähe kennengelernt hat, und die Gesetze der alten Völker wohl kannte, erhebt einen Protest gegen diese Gesetze, in denen die Menschen nach Klassen und Kasten eingeordnet werden. Sein Protest ist bescheiden und gewaltig." Den Gedankengehalt der Lehre Mosis und der Propheten faßt er charakterisierend wie folgt zusammen: „Mitten unter durchwegs heidnischen Völkern lebend, haben die Hebräer die soziale Ethik zu einer Höhe entwickelt, daß ihnen der Dank der Menschheit hierfür für alle Zeiten gebührt." Dann: „So haben Moses und die Propheten den Gottesbegriff zur größten sittlichen Höhe entwickelt, und Anschauungen gelehrt, die bis auf den heutigen Tag gültig erscheinen; ja, wie1 der gerade jetzt tobende Völkerkampf zeigt, i ajt auch uns ere Zeit noch nicht reif für jene Gedanken, die Möses als ,, R i c h t er " u n d d i e Propheten geäußert haben." Zum frühen Mittelalter übergehend, schildert der Verfasser die-hervorragende Arbeit der Juden an der Erhaltung und Ueberlieferung der von der Antike übernommenen Wissensschätze, zählt die Werke großer jüdischer Aerzte auf, die bis ins 9. Jahrhundert hinein blühten, dann die Mitwirkung der Juden bei der Gründung der ersten Universitäten in Europa zu Salerno und Montpellier. „Um diese Zeit waren die Juden, abgesehen von den Arabern, die einzigen gut ausgebildeten Laienärzte, und so ist es verständlich, daß die einzige medizinische Arbeit eines Arztes dieser Zeit einen Juden zum Verfasser hat. Es ist das in hebräischer Sprache erschienene Antidotarium . des Sabbatai ben Abraham, auch Donnolo genannt, der um' die Zeit von 913 bis 965 in Unteritalien als Arzt tätig war." Der größte,, aber lange nicht der letzte dieser Reihe war M'oises ben Maimon, hervorragend als Arzt, aber noch mehr als Religionsphilosoph. Doch'auch in der Medizinbekundete er eine große Selbständigkeit, indem er die Rückkehr zu der nüchternen, objektiven Beobachtung des Hippokrates anbahnte, im Gegensatz zu seiner Zeit, die die Lehre des Galenus dogmatisiert und schabionisiert und dadurch den Fortschritt der Wissenschaft eingeengt hatte. Den Ueberblick über diese Zeit schließt Münzer mit einem Zitat aus dem spanischen Denker Ribeyra de Santos (1792): „Wir verdanken den Juden größtenteils die ersten Kenntnisse der Philosophie, der Botanik, der Medizin, der Astronomie und Kosmographie, ferner die Elemente der Grammatik und der heiligen Sprache sowie fast alle Studien zur biblischen Literatur." Es war für den Verfasser unvermeidlich, eine Polemik gegen eine Reihe, neuerer Autoren einzugeljen, die aus rassenpolitischen Motiven die Bedeutung des Judentums herabsetzen und die Bibel sowie das jüdische Volk sogar in den schwärzesten