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Ost und West · 1918-09-01 · Heft 9 (September 1918) · p. Seite 295 - 296

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 9 (September 1918)
Article
Sein oder Nichtsein?
Date
1918-09-01
Page
Seite 295 - 296 (sequence 4)
Language
German
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295 Sein oder Nichtsein? 296 Schelers von dazumal zähneknirschend ausgerufen haben: „Ach, diese Juden! Sie zersetzen die Gesellschaftsordnung. Nichts ist,ihnen, heilig 1" Und wie oft mag mancher Jude sich ob ihres revolutionären Treibens geschämt, undes in tiefsten Seele bedauert haben, daßi dem jüdischen Stamm1 diese beiden Zweige entsprossen waren. Mancher flüchtete sich wohl zu der anderen Gattung von Juden, wie Stahl oder Simson, und hielt sie sich als Beweis vor, daß! die Seele des jüdischen Stammes doch nicht ganz dem Verderben anheimgefallen sei. Und am .Ende braucht heute die Norddeutsche Allgemeine. Zeitung nicht Männer wie Stahl und Simson, an solchen ist offenbar kein Mangel, sondern wie Marx und Lassalle. Das Schicksal dieser beiden ist auch in anderer Beziehung lehrreich. . Keiner von beiden, fühlte sich als Jude, keiner von beiden widmete auch nur ein Fünkchen seiner. Kraft dem jüdischen Stamme, der ja damals allenthalben im .schweren Kampfe um seine Befreiung rang. Ihre ganze Arbeit war dem christlichen Proletariat gewidmet. Lassalle, der nie förmlich aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschiedenwar- und als - Sechzehnjähriger sogar „zionistische". Anwandlungen hatte2), sagte später: „Nichts1 in ,der Welt hasse ich so sehr, wie Juden und Journalisten, und doch bin ich beides." Marx, .der . als sechsjähriger Knabe getauft wurde, hätte keinerlei Beziehungen zu jüdischem Leben und jüdischer Lehre. Später veröffentlichte er sogar eine furchtbar gehässige Schrift gegen die Juden ("der. einzige Fleck auf seinem sonst kristallreinen: Charakter), was um so unritterlicher war, als diese damals um ihre bürgerliche Emanzipation kämpften. Aber das hinderte nicht, daß; ihre Gegner ihre revolutionären „Missetaten" auf das Schuldkonto des „Judengeistes" schrieben, während ihre Bewunderer ihnen den Judengeist" nachsehen. Indessen haben nur ihre Gegner recht, denn im innersten Kern ihrer Natur waren beide Juden. Das Unbewußte an ihnen, war jüdisch, Begabung, Temperament und Neigungen bekamen beide mit als Erbteil des jüdischen Stammes und der tausendljährigen Tradition des jüdischen Volkes. Sie waren Juden wider Willen. Und wer wird es wagen zu leugnen, daß sie als Vorkämpfer der geknechteten Massen das Istolze und erhabene Gebot der Bibel erfüllten: „Gedenke stets, daß du ein Knecht warst im Lande Aegypten?" Sie repräsentierten in der Tat eine Erscheinungsform des Judengeistes, dem die Hegeische Philosophie und die Zeitlage Inhalt und Richtung gegeben. Daßi beide, aus dem Judentum hervorgegangen, aus ihm auch hinausgegangen sind, daß sie so gar nichts übrig hatten für 2) Vergleiche seiu Tagebuch herausgegeben von Franz Pfemfert, Verlag „Die Aktion". Berlin 1917. die'Kämpfe ,und Leiden derer, zu denen sie dem Fleische, und dem Geiste nach, gehörten, ist nicht ganz ohne unsere Schuld; im wesentlichen aber gehört es mit zu der Tragik des jüdischen Volkes, das in so vielen Fällen von sich sagen kann: „Sic nos non nobis;. . ." Aber an Lassalle, und Marx kann man auch die Erfolglosigkeit der : vorgeschlagenen Mittel zur Vernichtung des „Juderigeistes" feststellen. „Christen sollen die. Juden werden!" ruft ihnen der Graf Trütz schier zu. Nun, Marx ist in einem viel früheren Zeitpunkte. seines . Lebens Christ geworden als Stahl und Simson. Der Heilige Geist, der bekanntlich beim Akt der Taufe sich auf den Täufling niederläßt; hat viel' längere Zeit gehabt, sich iri ihm auszuwirken und ihm den vertrackten Jüdengeist auszutreiben, als bei den beiden anderen. Und dennoch sind diese brave, ehrsame Stützen des Staates geworden, und er hat sich zum argen Revolutionär "entwickelt. Der Heilige Geist scheint so seine Launen zu haben. Wass können wir Juden dafür? Wer bürgt euch, daß die heute im zartesten Alter zu „Christen" gemachten Knäblein nicht als revolutionäre Jünglinge sich entpuppen werden, voll des „zersetzenden. Judengeistes", wenngleich dem Judentum, völlig, entfremdet?. . . „Macht sie zu Verantwortlichen!" rät Max Scheler. Wenn sie erst Verantwortliche sind, werden sie aufhören, zu „zersetzen". Nun denkt euch, bitte, Marx; und Lassalle als „verantwortliche" Ministerialsekretäre oder vortragende Räte, mit der Aktentasche unterm Arm, vor; Sr. Exzellenz in Gehorsam ersterbend und der höheren Weisungen gewärtig! . . . Freilich, was besonders Marx anbetrifft, mag wohl mancher Verantwortliche nachher bedauert haben, daß man ihn seinerzeit wegen seiner radikalen Anschauungen nicht zur Dozentur zugelassen. „Wäre er bei uns1 geblieben, ein anständiger, ordentlicher, öffentlicher, wohlbestallter Professor, der pünktlich seine Kollegien liest und sein Honorar einstreicht, nie hätte ihn der radikale Teufel besessen und der Revolution in die Arme getrieben. Er hätte auch nicht nötig gehabt, ein Dasein voll Kummer und Not zu führen. Es war ein verfehltes Leben." So mochte wohl mancher Verantwortliche gedacht haben. Allein auch vom Standpunkte der Schwiegermütter und der Tanten war das Leben Karl Marxens' verfehlt. Trotz seiner hohen Begabung und seiner unersättlichen Arbeitswut hat er es zu nichts1 geu bracht. Zeit seines Lebens kämpfte er gegen bitterste. Armut, konnte nur mit Mühe und Not Frau und Kinder kümmerlich ernähren. Nur die heldenmütige Entbehrungskunst seiner tapferen Frau Jenny und die unermüdliche Hilfsbereitschaft seines Freundes Friedrich Engels, der zu ihm1 wie zu einem höheren Wesen emporschaute, hielt ihn

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