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Ost und West · 1918-09-01 · Heft 9 (September 1918) · p. Seite 293 - 294

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 9 (September 1918)
Article
Sein oder Nichtsein?
Date
1918-09-01
Page
Seite 293 - 294 (sequence 3)
Language
German
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293 Sein oder Nichtsein? 294 ist nämlich etwas Wahres daran, daß der Judengeist zersetzend wirkt. Schon unser Ahnherr Abraham war, den alten Ueberlieferungen gemäß, „negativ hyperkritisch eingestellt", leugnete zersetzend die ganze Religion und die Weltanschauung seines Vaterhauses', zertrümmerte die Götzen, begründete einen neuen Glauben und entfaltete, unter Mitwirkung seiner Frau, für ihn. eine eifrige Propaganda. Was für gefährliche Zersetz er und negativ hyperkritisch, eingestellte Geister die Propheten Israels waren, isteht in jeder Zeile ihrer Bücher zu lesen. Sie bekamen es von den damaligen Hütern der Ordnung am eigenen Leibe bitter zu spüren. Die „zersetzende" Kraft ihrer Lehren wirkt bis auf den heutigen Tag nach. „II y a des pierres de Palestine dans les substructions' de nos societes nouvelles1). Manche Kapitel des Jesajas, Arnos oder Jeremia lesen sich noch heute wie die schärfste Kritik unserer gegenwärtigen Verhältnisse". Nur zögernd und tastend wagt es die moderne Gesellschaft, einzelne Forderungen der mosaischen Gesetzgebung einzuführen. — Und wie stand es um den Zimmermanns söhn von Nazareth, den Max Scheler doch gewiß als den letzten und größten der Propheten Israels verehrt? Die Christen rühmen ihn als „Zersetzer des Gesetzes"'. Gelungen ist ihm das Gesetz allerdings nur dort zu zersetzen, wo es überhaupt nicht vorhanden, war, bei den nichtjüdischen Völkern, für die es niemals verbindende Kraft hatte. Bei den. Juden, für die es, nach jüdischer Auffassung, allein verbindlich war, besteht es bis auf den heutigen Tag. Was er aber sicher und unwiederbringlich zersetzt hat, das war der Olymp und die Walhalla. Allein es wäre vergebliche Mühe, diesen z ersetz endqn Judengeist bannen zu wollen, durch Ausrottung der Juden. Er ist nun einmal in die Welt gestelzt und wird nicht aufhören, seine zersetzende Wirkung zu üben, einerlei, ob wir Juden fortfahren werden, uns zu ihm1 zu bekennen, oder ihn verleugnen, ob wir, in ihm lebend, fortexistieren oder sämtlich vom Erdboden verschwinden. LASSALLE UND MARX, DIE Allein, der „Judengeist" teilte diese Funktion des ewigen Zersetzens mit anderen Geistern. Seit dem Zeitalter der Reformation bis in das 19. Jahrhundert hinein blieben die Juden (wenn man etwa Spinoza Ausnimmt!} der direkten Tätigkeit des „Zersetzens'' ganz fern. Luther und die Seinen hatten ebenso wenig jüdische Mitstreiter wie Montesquieux, Diderot, Rousseau und Voltaire, die die französische Revolution vorbereitet, oder diejenigen, die sie ins Werk gesetzt haben. In diesen beiden Fällen wirkte nur der alte „Judengeist" mit, neben den Geistern der Antike, der Renaissance und der Wissenschaft und Philosophie des 17. Jahrhunderts. Erst vor achtzig oder neunzig Jahren fingen Männer jüdischer Herkunft an, tätig an der Entwicklung des modernen Geistes und der modernen Gesellschaft mitzuwirken. Gewiß haben sie da viel zum „Zersetzen" des Hergebrachten beigetragen. Allein, man müßte zuerst ausrechnen, wie viel Arbeit sie beim1 Aufbau des Besseren geleistet haben. Auch' Kant und Bismarck waren, jeder auf seinem Gebiete, furchtbare Zerstörer und „Zersetzer". Neues kann stets nur entstehen, indem es Aelteres beiseiteschiebt. Und man erlebt es nur zu häufig, daß der Zerstörer von heute morgen als Erneuerer und Erhalter gefeiert wird. Vor einem Vierteljahrhundert noch galten Marx und Lassalle in allen kleinbürgerlichen und sonstigen konservativ-antisemitischen Kreisen als die leibhaftigen Verkörperungen des „zersetzenden" jüdischen Geistes, vor denen jeder wahrhaft national und patriotisch Empfindende sich bekreuzigen. J) Lcmy-Beaulieu. „UNVERANTWORTLICHEN". mußte. Aber schon vor Jahrzehnten gab es auch unter den Konservativen, manche, die dahinter gekommen waren, daß diese beiden großen „Zersetzer" der bürgerlichen Ordnung „große deutsche Denker" gewesen; es gibt über beide zahlreiche Bücher und Abhandlungen, in denen ihre jüdische Herkunft schon völlig üb ersehen und vergessen ist. Las'salle wurde in dieser Kriegszeit sogar oft und oft als Begründer der nationalen Denkweise unter der Arbeiterschaft gefeiert, die sich jetzt so glänzend bewährt. Und als Marx, der Schöpfer der Internationale, in, den vierziger Jahren auf Bitten der preußischen Regierung aus Paris1 und dann aus Brüssel ausgewiesen wurde und nach England flüchten mußte, ahnte wohl kaum jemand, auf welche Weise die Norddeutsche Allgemeine Zeitung seinen, hundertsten Geburtstag feiern würde. Zum 5. Mai 1918 veröffentlichte nämlich dieses Blatt ein Kapitel aus dem Buch eines königlich preußischen ordentlichen, öffentlichen Professors und Geheimrates' über Marx, und hauchte zum Schluß, leise errötend: „Solche Männer brauchen wir!" Ja, solche Männer braucht heute die Norddeutsche. Aus dem gefährlichen Aufwiegler und Zersetzer, den man nicht fern genug von den Grenzen des Vaterlandes halten konnte, ist am Ende eine Stütze der Gesellschaft und des Staates jgeworden. Als Lassalle und Marx sich in der Vollkraft ihrer Wirksamkeit befanden, war die Theorie von den „zersetzenden" Eigenschaften des Judengeistes noch nicht ganz ausgebildet, als Schlagwort für die Massen war sie nicht zu gebrauchen. Aber wie oft mögen die

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