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Ost und West · 1918-08-01 · Heft 8 (August 1918) · p. Seite 281 - 282

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 8 (August 1918)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1918-08-01
Page
Seite 281 - 282 (sequence 7)
Language
German
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281 Rumänien und seine Juden. 282 jaren nicht hätten als Schutzsdhild vorgeschoben werden können." Soviel Sätze, soviel Unrichtigkeiten. „Die rumänische Regierung entdeckte aber plötzlich (nämlich nach dem Berliner Vertrag von 1878), daßj sie überhaupt im Lande keine Juden habe, sondern sie sagte, es se^en Fremde, und Fremde unterständen, nicht dem1 Artikel 44. . . Vergeblich haben damals England und Frankreich gegen diese Auslegung protestiert. . . Die rumänische Regierung schrieb vor, daß; die „Fremden" nur naturalisiert werden dürfen., nicht, wie der Kongreß wollte, durch einheitlichen Staatsakt, sondern nur von Fall zu Fall, durch einen besonderen Akt des Parlamentes, in Ueberekiistimmung mit der Regierung, d. h. durch einen Akt der Gesetzgebung." Redner schildert dann flüchtig die weitere Entwicklung der Judenfrage in Rumänien, verweilt einen Augenblick bei den grausamen Verfolgungen der Juden während des Krieges, spendet den Luzzatti und Clemenceau Dank für ihr (durchaus platonisches und wirkungsloses) Eintreten zugunsten der Juden und schließt: „Es ist ein billiger, aber Deutschland nicht entlastender Rat, den Graf Praschma erteilt hat, indem er die Ententestaaten aufforderte, nach dem allgemeinen Frieden auf Rumänien zur Verbesserung der Rechte der Juden einzuwirken. Das wäre eben jetzt Deutschlands Sache gewesen und seiner Verbündeten, Oesterreich-Ungarn usw." ZWEI ZEITALTER. Vergleicht man diese Verhandlungen, zwischen denen ein Zeitraum von1 46 Jahren liegt, so kann man sich eines schmerzlichen Gefühls tiefster Enttäuschung nicht erwehren. In der Debatte vom Jahre 1872 zeigten sich alle Redner zunächst über den Gegenstand vorzüglich unterrichtet, sodann waren .alle von den wärmsten Gefühlen, der Anteilnahme für die Verfolgten beseelt, dabei von einem hohen Verantwortlichkeitsbewußtsein durchdrungen. Bezeichnend ist die fast ängstliche Scheu, mit der alle Redner damaljs1 die Frage der Einmischung in die inneren Verhältnisse Rumäniens behandelten, das dazumal ein Vasallenstaat war. Sie hatten alle tiefe Ehrfurcht vor dem1 Rechte des Schwachen, das anzutasten sie für frevlerisch hielten. Ebenso lebhaft aber empfanden sie die Pflicht des Starken, den noch Schwächeren zu schützen. Das Deutsche Reich hatte keinen staatsrechtlichen Vertrag mit Rumänien geschlossen, aber alle Redner ohne Aus1nahme betonten die moralische Pflicht des1 mächtigen Staates, zugunsten der Verfolgten und Gequälten im fernen Lande seine Stimme zu erheben. Die Anregung war von dem Redakteur eines hebräischen Wochenblattes ausgegangen, dessen Namen sicher kaum ein Abgeordneter gehört hatte, die Petition war von einer der kleinsten, jüdischen Gemeinden überreicht worden. Und die einmütige Ansicht des Reichstags tat auch gründlich ihre Wirkung, obgleich der diplomatische Vertreter Deutschlands in Bukarest dies1 nach Kräften zu verhindern strebte. Der Fürst Carol berichtet nämlich unterm 30. Mai 1872: „Der deutsche Gerent in Bukarest, Herr von Thiel au, spricht sein Bedauern aus, daß England der Judenfrage so große Proportionen gegeben habe, und glaubt nicht, daßi Fürst Bismarck sich den englischen Vorstellungen anschließen werde." Danach hat also der diplomatische Vertreter Deutschlands den Beschluß des Deutschen Reichstags zu hintertreiben versucht! In wieweit man den Versicherungen des Fürsten Garol Glauben schenken darf, ist allerdings sehr zweifelhaft. Wir haben genug der Proben seiner Wahrheitsliebe gesellen. Anläßlich dieser Debatte im Reichstage gibt er wieder eine. B'u n s e n hatte, wie erinnerlich, irrtümlicherweise behauptet, die Judenverfolgungen in Rumänien (die 1866 begannen.) wären 1868 eingestellt worden. Der Fürst Carol berichtet am 22. Mai darüber. Was macht er nun aus1 der Behauptung Bunsens? Er schreibt: „Bunsen weist nach, daß, von 1866 bis 1872 keine Judenverfolgungen stattgefunden haben!" Der Fürst rechnet in seiner Treuherzigkeit darauf, daß; die Leser seiner Erinnerungen ja nicht gleich die dicken Bände der Sitzungsberichte des Reichstages bei der Hand haben, um1 nachzuschlagen und festzustellen, was Bunsen wirklich gesagt hat. Er macht also aus der Zahl 1868 mittels einer unscheinbaren Fälschung 18661 In diesem Jahre ist er aulf den Thron gekommen, der Leser muß also den Eindruck gewinnen, daß seit seinem Regierungsantritt die Judenverfolgungen aufgehört haben. Stattgefunden hatten sie in fernen Zeiten, unter der Regierung seines weggejagten Vorgängers Cusa! Mit ihm aber, dem! Fürsten Carol, kehrte Ordnung und Ruhe in Rumänien ein, die Juden erfreuten sich 'seines väterlichen Schutzes'. Int Wirklichkeit begann seit dem Jahre 1866 die systematische Verfolgung der Juden durch die Regierung, von 1867 bis Anfang 1870 dauerten die „Schreckensjahre" an, dann ruhten, die Pogrome bis 1872. Daßj nach den in der ReichstagsH debatte gebrandmarkten Ereignissen wiederum Ruhe leintrat und, von unbedeutenden Zwischenfällen abgesehen, bis1 zu Beginn der achtziger Jahre andauerte, verdankten die Juden eben der einmütigen und energischen Meinungsäußerung des Deutschen Reichstages, der sich den anderen Parlamenten anschloß, und das Gebaren, der Regierung und der Parteien Rumäniens verdammte. Die Worte Laskers und Windhorsts bewährten sich, und die öffentliche Meinung der zivilisierten Staaten Europas hielt die rumänische Regierung und die Parteiführer im! Zaum — trotz der diplomatischen Winkelzüge des Herrn v. T h i e 1 a u. * Ob die neuesten Verhandlungen über den Bukarester Vertrag in dem! gleichen Sinne erzieherisch auf die Machtfaktoren in Rumänien wirken, werden, darf stark bezweifelt werden. Zunächst fällt die große Gehässigkeit auf, mit der mehrere Redner die Judenfrage behandelten. Der Herr Graf Westarp mißgönnt den Juden Rumäniens „das Maß der Gleichberechtigung, das ihnen durch den Vertrag verschafft wurde". Dieses Maß der Gleichberechtigung ist gleich null. Aber während der konservative Redner es bemängelt, daß; die, deutsche Diplomatie nicht auf die Entfernung der herrschenden Dynastie drang, nenint er es eine Einmischung in die inneren Verhältnisse Rumäniens, daß die Staatenlosigkeit der Juden wenigstens zum Teil aufgehoben werden soll. Das ist

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