Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 8 (August 1918)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 279 - 280 (sequence 6)
- Language
- German
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279 Rumänien und seine Juden. 280 allenfalls die Judenfrage in Gemeinsamkeit mit den anderen Garantiemäcliten beim Schlüsse der Friedensverträge vielleicht wieder aufrollen könne, daß. sie aber nicht in einen Sonderfriedensschlußl hineingehöre, den wir mit Rumänien zustandebrachten, und der den ausdrücklichen Charakter trägt, daß wir uns! nicht in innere rumänische! Angelegenheiten mischen wollen, wie dies bei der Königsfrage zum Ausdruck gekommen ist." * Einen viel größeren Raum nahm die Judenfrage in der Debatte vom! 4. Juli ein, als die zweite Beratung |über den Bukarester Vertrag stattfand. Tagszuvor war im! Hauptaussc'huß vertraulich über den Gegenstand verhandelt worden, und da fielen merkwürdige Aeußerungen, die in der öffentlichen Vollsitzung des1 Reichstages vom1 4. Juli zum geringen Teil bekannt geworden sind. Jetzt berührte die Judenfrage zuerst der Sozialdemokrat Noske: ,,Es sind Rumänien Verpflichtungen, auferlegt worden, den Juden staatsbürgerliche Gleichberechtigung zu gewähren. Manchen Herren von der Rechten, geht das zu weit, .sie sehen darin eine ungerechtfertigte Einmischung in innere rumänische Angelegenheiten.." (Sehr richtig! rechts.) „Eine Einmischung liegt zweifellos Vor." (Hört, hört! rechts.) „Tatsächlich soll aber nur versucht werden, daß Rumänien Verpflichtungen erfüllt, die es im Berliner Vertrag der siebziger Jahre auf sich genommen hat. . . Wenn Deutschland sich jetzt bemüht, den Juden in Rumänien; jzu helfen, sro ist das eine Kulturaufgabe und aller Ehren wert, aber es darf nicht verkannt werden, daß. Deutschland nicht dauernd in Rumänien eine Art von Gendarmeriediensten tun kanin und tun darf." Der Abgeordnete G o t h e i n Von der Freisinnigen Volkspartei ging bei seiner Behandlung, des Bukarester Vertrages von der Feststellung aus, daß Deutschland ein Interesse daran habe. Rumänien lebensfähig zu erhalten, „denn wir brauchen dieses Land auch in Zukunft als Absatzgebiet, und es kann insbesondere nach Jahren guter Ernte ein recht gutes Absatzgebiet sein".. . . Wenn sodann darüber geklagt Worden ist, daß wir uns in die Judenfrage in Rumänien eingemischt haben, so möchte auch ich betonen, daß es unsere Pflicht war, bei diesem Vertrage Rumänien zur Erfüllung der Verpflichtungen anzuhalten, die es im Berliner Vertrag von. 1878 übernommen hatte und um' die es sich in unerhörter Weise herumgedrückt hat. Das Verhalten Rumäniens1 war ein ständiger Verstoß (gegen Treu und Glauben und eine vollständige Entrechtung seiner jüdischen Bevölkerung, die es als staatenlos bezeichnete, obwohl bereits1 unter dem Fürsten Cusa, 1866, die Juden die vollständige Gleichberechtigung und Emanzipation, erhalten hatten und man sie erst hinterher zu Staatenlosen gemacht hat. Ich bedauere, daß. Herr Graf Praschnta gestern über die rumänischen Juden hier eine abfällige Aeußerung gemacht hat, 'die dem Staatsmann, der die Erfüllung dieser Verpflichtungen im Bukarester Vertrag übernommen hat, dies schwer machen muß." Redner konstatiert, daß; nicht die Landbevölkerung den Juden feindlich ist, wie von antisemitischer Seite behauptet wurde, sondern die nationalistischen sogenannten Intellektuellen und das Kleinbürgertum1, „die durch eine systematische antisemitische Bewegung verhetzt worden sind". Auf die „abfällige Aeußerung" des Grafen Praschma, deren voller Wortlaut nicht bekannt geworden ist, twerfen die Ausführungen Gotheins einiges Licht. Er glaubt, die rumänischen Juden entschuldigen zu müssen, „daß sie keine übergroße Anhänglichkeit an ihr Vaterland haben": sie seien nämlich „derart entrechtet und um ihr gutes altes Recht gekommen. . . haben in einer Weise gelitten, wie kaum' irgendein Volksstamm in einem anderen Lande. . . das Vaterland erkennt sie nicht als seine Kinder an". . . . „Immerhin haben die dortigen Juden in ihrer großen. Ueberzahl ihre Verpflichtungen auch als Soldaten in weitestem Umfange erfüllt." — Redner drückt das Vertrauen in die Eigenart und den Charakter Marg hil omans aus, „daßj das, was in diesem Vertrage vorgesehen war, nun endlich gerecht und ohne Hinterhalt durchgeführt wird. . . Man wird sich in Rumänien auch sagen müssen, daß! es durch die Art und Weise, wie es sich ständig den Verpflichtungen des Berliner Vertrages entzogein bat, sich bei allen zivilisierten Nationen um den Kredit gebracht hat, und daß; es diesen Kredit nur wieder gewinnt, wenn es die übernommenen Verpflichtungen ehrlich erfüllt". Der Leser, der die Geschichte der Judenfrage in Rumänien kennt, hat bereits gemerkt, wie oberflächlich unterrichtet die Redner, Freunde wie Feinde, über die einfachsten Tatsachen waren.. Das gilt in einem1 noch viel höheren Grade von dem' Abgeordneten Dr. C o h n - Nordhausen (Unabhängiger Sozialdemokrat), der einen beträchtlichen Teil seiner eingehenden. Rede der Judenfrage widmete. Seine Ausführungen sind von warmer Anteilnahme und einem aufrichtigen Willen zur Gerechtigkeit getragen, wimmeln aber von krassen Irrtümern, unrichtigen Angaben und schiefen Auffassungen. Die wichtigsten Sätze seien hier wiedergegeben: „Als der spätere König Carol noch der junge Fürst war, der Europa über die Nützlichkeit seiner Mission in Rumänien, aufklären oder hinters Licht führen wollte, wurde auf seine Veranlassung hin in dem Verfassungsentwurf . von 1866 eine Bestimmung über die Rechtslage der rumänischen Juden vorgeschlagen, die weit über das' hinaus ging, was später schließlich Rechtens wurde. Aber, meine Herren, verhindert wurde dieser liberalisierende Vorschlag damals durch d i e Kräfte im rumänischen Staat, die bis zuletzt die Gegner der rumänischen Juden waren, durch das Bojarentum, das als Grundbesitzer und nach seiner historischen Stellung die stärkste soziale und Rechtsmacht im Staate war. Diese Klasse hintertrieb die liberalisierende Verfassung von 1866 und seitdem ist der Antisemitismus geradezu zur Staatseinrichtung geworden. . . Die Bojaren und ihnen nach die rumänische Regierung, die von den Bojaren, beherrscht war, benutzten, igenau 'wie in Rußland, regelmäßig die Juden als das Mittel, um drohende Störungen der Bojarenherrschaft zu verhindern, die Wut des ausgebeuteten, entrechteten Bauerntums von den Bojaren auf die Juden abzulenken. . . Genau wie in Rußland wurden in, Rumänien die Juden immer benutzt, um! die Volksbewegungen, die sich als1 revolutionäre, als Klassenbewegüngen, gerichtet gegen die Klassenherrschaft der Bojaren, kennzeichnete, mit ihren Leibern aufzufangen. Deswegen mußten die Juden schwach und rechtlos gehalten werden, weil sie ja sonst von den Bo-