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Ost und West · 1918-08-01 · Heft 8 (August 1918) · p. Seite 267 - 268

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 8 (August 1918)
Article
Neue Bahnen in der hebräischen Sprachforschung
Date
1918-08-01
Page
Seite 267 - 268 (sequence 4)
Language
German
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267 Neue Bahnen in der hebräischen Sprachforschung. 268 Forderung Delitzschens, die veraltete Methode der Etymologie einer gründlichen Durchsicht und Umarbeitung zu unterziehen. Seine dahingehende These lautet: Das Hebräische muß inder Hauptsache durch das Hebräische selbst erklärt werden. An der Hand vieler Beispiele zeigt er in seiner neuesten Streitschrift, welche „haarsträubenden" Etymologien auf uns durch die bis jetzt übliche, arabisierende Methode gekommen sind. Aber auch die assyriologisierende läßt Delitzsch jetzt so ziemlich fallen. Dieser Standpunkt würde, wenn er zur Geltung kommen sollte, eine Revolution in der hebräischen Sprachforschung bedeuten. Und doch kann man sagen, daßi der Weg, den Delitzsch vorschlägt, ein durchaus richtiger wäre. Die Verwandtschaft des! Hebräischen mit andern semitischen Idiomen, zumal mit dem Assyrischen, braucht nicht dahin zu führen,, daß. jeder Wortstamm in allen Sprachen dieselbe Bedeutung oder dieselbe Färbung hat. Bei der Erklärung des Hebräischen muß. man, soweit dies angeht, andere Stellen, wo das behandelte Wort vorkommt, heranziehen und so den richtigen Sinn erfassen. Nur bei selten vorkommenden Worten, deren Sinn nicht leicht festgestellt werden kann, soll die Sprachvergleichung aushelfend dienen. Auch diese Methode ist bei den Juden von altersher in Uebung gewesen. Man findet sie nicht nur in den hebräischen Lexika, sondern auch viel früher in Talmud und Midrasch. Es' galt bei jüdischen Erklärern als selbstverständlich, daß eine Bibelstelle, die an sich nicht ganz klar erscheint, dadurch aufgehellt werden kann und muß, daß. man andere Bibelstellen, wo das etwas unverständliche Wort ebenfalls vorkommt, heranzieht. Auf solche Weise wurde man mit der Bedeutung des fraglichen Wortes in allen seinen Schattierungen vertraut. Ich brauche dafür keine Beispiele anzuführen, da man solche in unseren alten und neuen Bibelkommentaren und lexikalischen Werken auf jedem Blatt findet. Bei selten vorkommenden Worten wurde häufig, was man auch im Talmud findet, ein Wort aus dem arabischen oder einem andern semitischen Idiom zur Erklärung angeführt. Daß man in der älteren Zeit in der Sprachforschung nicht soweit gekommen war wie in der Gegenwart, braucht nicht erst gesagt zu werden. Sachlich mögen daher die älteren Erklärer oft irre gegangen sein, aber ihre Methode war jmmerhin die richtige. Im übrigen muß gesagt werden, daß sich in den jüdischen Kommentaren und lexikalischen Werken noch ein reiches exegetisches und philologisches1 Material iindet, das leider in der modernen Bibelforschung unbenutzt geblieben ist. Man nehme z. B. die Bibelübersetzung von Kautzsch zur Hand, in der häufig etwas dunkelklingende Bibelstellen in der Uebersetzäsgfortgelassen und durch Punkte als solche gekennzeichnet sind. Eine beträchtliche Anzahl solcher, den neueren Uebersetzern dunkel erscheinenden Stellen, finden ihre ausreichende, ja durchaus zutreffende Erklärung in der älteren aramäischen Uebersetzung, in dem sog. „Targum Jonathan". Während moderne Uebersetzer und Bibelerklärer die griechische Bibelübersetzung aufs genaueste durchforschen und ihren Lesearten auch dort folgen, wo sie durchaus unberechtigt sind, werden die alten Targumim und die mittelalterlichen Lexika, die sehr viel brauchbares enthalten, arg vernachlässigt. Auch bei dem bereits erwähnten Pinskcr, in seinem hebräisch geschriebenen „Likkute Kadmonioth" (wo er viel lexikalisches Material von karäischen Forschern bringt) und in seiner ebenfalls hebräisch geschriebenen „Einleitung in das assyrische Vokalisationssystem", wird man vieles finden, was Beachtung verdient. Dasselbe gilt in noch umfangreicherem Maße von den hebräisch geschriebenen Kommentaren Luzzattos zum Pentateucfo und zu den prophetischen Büchern „Jesaja, Jeremia und Ezechiel". Delitzsch meint auch; daßi man eine Zusammenstellung aller schwierigen biblischen Worte geben müsse, deren Unversfcändlichkeit auf die Verwechslung der im Hebräischen ähnlichen Buchstaben zurückzuführen sei, um so das sinnlose Emendieren, das heutzutage einen geradezu krankhaften Umfang angenommen hat, zu beseitigen. Aber auch dafür gibt es gute Vorarbeiten in hebräischer Sprache. So hat z. B. Luzzatto treffend nachgewiesen, daß. es nicht genügt, den jetzigen Schriftcharakter des Hebräischen zu berücksichtigen. Eine Anzahl Schwierigkeiten in der Behandlung des Bibeltextes läßt sich dadurch beseitigen, daß man die betreffenden Worte sich in den alt-hebräischen Schriftzeichen geschrieben vorstellt und die Möglichkeit der Verwechslung von ähnlichen Buchstaben in diesem Schriftenarakter in Betracht zieht. Dafür führt Luzzatto eine größere Zahl von Beispielen an. In der wissenschaftlichen Forschung darf es natürlich keine nationale Abgrenzung geben, und grade bei jüdischen Bibelerklärern wird man diesbezüglich einer weitgehenden Unbefangenheit begegnen. Sie führten dafür oft das Sprichwort an: Nimm die Wahrheit von jedermann an — gleichviel, wer sie ausgesprochen hat. Man sollte dies auch von der andern Seite beherzigen, zumal wo es sich um die Bibelkunde und um die Kennmis der hebräischen Sprache handelt. Wilhelm Geseniusf an dessen Namen sich der hier behandelte Streit knüpft, hat in seinem kurzen Abriß, der Geschichte der hebräischen Sprachforschung den lapidaren Satz niedergeschrieben, daß mit EliaLevita, dem bekannten Lehrer vieler christlicher Bibelforscher im 16. Jahrhundert, die hebräische Sprachforschung auf die Christen übergegangen sei.

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