Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 8 (August 1918)
- Article
- Neue Bahnen in der hebräischen Sprachforschung
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 269 - 270 (sequence 5)
- Language
- German
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269 Rumänien und seine Juden. 270 Also Juden hätten seitdem die Sprache ihres Heiligem Schrifttums nicht mehr gepflegt. Als Gesenius diese Worte schrieb, scheint er nichts von den Arbeiten des bereits erwähnten Juda Loeb ben Seeb gewußt zu haben. Dieser hatte in hebräischer Sprache eine gediegene hebräische Grammatik („Talmud leschon ibri", 1. Auflage Breslau 1796, und seitdem öfter gedruckt) geschrieben, die auch eine gute Syntaxlehre und eine Art hebräische Poetik enthält. Sie steht der hebräischen Grammatik des Gesenius in ihren Anfängen in nichts nach. Von seinem hebräischen Lexikon ist bereits oben die Rede gewesen. Vieles, was Delitzsch jetzt fordert, findet in diesem Lexikon Berücksichtigung. Nun mag ja sein, daß Gesenius die Arbeiten ben Seebs nicht gekannt hat. Aber Litzzatto hat er wohl gekannt, und so hätten wenigstens in den jüngeren Auflagen seines Abrisses die Worte weggelassen werden müssen, daß. die hebräische Sprachforschung gänzlich auf die Christen übergegangen sei. Einer solchen Behauptung wird man jetzt allerdings nicht mehr begegnen, da man die Arbeiten eines Halevy, Müller, Barth, und vieler anderer nicht als bedeutungslos ansehen kann. Aber zum großen Schaden der Wissenschaft nimmt man nicht genügend Kenntnis von dem, was jüdische Gelehrte in früheren Jahrhunderten in hebräischer Sprache geschaffen haben. Man glaubt mit der Nennung der Namen Raschi, Ibn-Esra und Kimchi alles getan zu haben, ohne sich sonst um die reichlichen Schätze zu kümmern, die in hebräischen Schriften verborgen liegen. Delitzsch kündigt am Schluß seiner jüngsten Streitschrift das Erscheinen eines neuen, von ihm geschaffenen biblischen Wörterbuchs an. Dieser Arbeit können wir mit großem Interesse entgegensehen. Aber der Wissenschaft dürfte damit noch mehr gedient sein, wenn sich dieser verdiente Forscher nach den Leistungen älterer jüdischer Gelehrter, die Hebräisch geschrieben haben, umsehen wollte. Er wird seine Mühe reichlich belohnt finden. RUMAENIEN UND SEINE JUDEN. Von Dr. S. Schiffer. XIV. VERHANDLUNGEN UEBER DIE RUMAEN1SCHE JUDENFRAGE IM DEUTSCHEN REICHSTAG EINST UND JETZT. Am 22. Mai 1872 fand im Deutschen Reichstag eine große, die ganze Sitzung ausfüllende Debatte über die Judenfrage in Rumänien statt. Gegenstand war idie Petition „einer ganz kleinen, den wenigsten bekannten Gemeinde", nämlich der jüdischen Gemeinde in Lyck (Ostpreußen), vom 16. April, in der der Reichstag gebeten .wurde, „dahin wirken zu wollen, daß das Deutsche Reich seinen Einfluß: in Rumänien geltend mache, den unaufhörlichen. Verfolgungen dortselbst ein Ende zu setzen." Anlaß dazu hatte der Prozeß, von Buzeu gegeben, dessen Vorgeschichte, Verlauf und Urteilsfällung an das tiefe Mittelalter erinnerten und in der ganzen Welt die größte Empörung hervorriefen. (Ausführliches darüber siehe „Rumänien und seine Juden", Buchausgabe, S. 114 ff.) Die jüdische Gemeinde in Stettin hatte sich kurz zuvor an den F ürsten Bismarck in dieser Angelegenheit gewandt, aber da die Antwort d^s Reichskanzlers nur die Anschauungen der Regierung wiedergab, galt es, „die Stimme d er V ertr!et er d es deutschen Volke s" zu hören. Elieser Lippmann Silber mann, der Herausgeber der damals1 unter den Juden der ganzen Welt verbreiteten hebräischen Wochenschrift „Hammaggid" in Lyck, regte eine Petition an den Reichstag an, die von sämtlichen Großjgemeinden unterzeichnet werden sollte, aber da sich die Sache etwas verzögerte und die Vertagung des Reichstages bevorstand, beschloß: idie kleine Gemeinde, auf eigene Faust zu handeln. Die Petition erinnerte kurz an die Verfolgungen seit 1866. „In manchen Fällen haben die dortigen Vertreter auswärtiger Mächte mit anerkennenswerter Humanität sich zwarder Unglücklichen angenommen, die Vorstellungen reichten, jedoch nur aus, leiner größeren Ausdehnung der Exzesse augenblicklich vorzubeugen, nicht aber, entschiedene Abhilfe zu schaffen. . .. Den Anstoß zu den jüngsten Greuelszenen gab das Gerücht, daß ein aus Rußland desertierter getaufter Jude einen Diebstahl in einer Kirche verübt haben soll. Wenn nun auch der Diebstahl von einem Juden verübt wäre, kann die ganze Nation für die Handlung eines Einzelnen verantwortlich gemacht werden und darunter leiden? Geschieht dies bei anderen Konfessionen,? Man könnte nun meinen, daß diese Verfolgungen vom Pöbel ausgehen, aber leider ist dieser nur das blinde Werkzeug der höheren Klassen. Die höchsten Beamten des Landes. Präfekten und Bürgermeister, spielen bei diesen Dramen die Hauptrolle." Die Unterzeichneten flehten nun für ihre fernen Glaubensgenossen die Hilfe des Deutschen Reiches an: „Das Deutsche Reich, geeint im1 Innern und mächtig nach außen., vermag durch seinen Einfluß, moralischen wie politischen, den Greueln in Rumänien ein Ende zu machen. Es handelt sich nichjt um eine innere A n g e 1 e g e n h e it, Emanzipation oder d g 1., sondern um die gröbliche Verletzung der allgemeinen Menschenrechte, welche zu schützen nach den unbestrittenen Grundsätzen des Völkerrechtes jeder zivilisierte Staat ebenso das Recht wie die Pflicht hat....." Kein geringerer als Eduard Las'ker brachte die Petition ein. Die Petitionskommission ernannte zum Referenten den, Abg. Dr. von B u n s le n, leinen der hervorragendsten. Parlamentarier seiner Zeit, der einen ausführlichen