Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 8 (August 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 253 - 254 (sequence 3)
- Language
- German
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253 Sein oder Nichtsein? 254 Benennung! (Diese Vorlesungen sind nach seinem Tode in tausenden von Exemplaren über die ganze Welt verbreitet worden.) Wollte man mit dem Wörterbuch in der Hand die Gefühls-, Vorstellungs- und Gewissenswelt der Völker erkunden, so käme man zu dem Schluß, daß die Deutschen z. B. keine Religion haben, des religiösen Gefühls unfähig seien, denn sie haben für Religion ein Fremdwort, welches überdies erst gegen Ausgang des Mittelalters in ihrer Sprache heimisch wurde; vordem hatten sie höchstens einen Glauben, ,also bloß die Fähigkeit, Dinge, ohne Beweis für wahr zu halten, aber nicht jene wunderbare Fülle von Nebentönen, Bindungen und zarten Vorstellungen, die den eigentlichen Inhalt der Religion ausmachen und sie zu dem erheben, was si.e ist. Nicht die Juden also, wie Chamberlain will, sondern die Deutschen wären dann „erstaunlich arm an religiösem Instinkt", wären dann das eigentlich religionslose Volk, ebenso wie die Romanen und Slawen keine Heimat hätten und unfähig wären, Heimweh zu empfinden. SPRACHE UND GEFUEHL. Dieses Kapitel vom Heimweh und von der Heimat ist besonders interessant. Keines der edleren und vornehmeren Gefühle wurde den Juden so beharrlich abgesprochen, wie die kindliche Anhänglichkeit an die Geburtsstätte, mit der bei jedem tiefer veranlagten Menschen die ersten und stärksten seelischen Erlebnisse für immer im Gedächtnis verknüpft bleiben, ein Gefühl, das einen so wichtigen Bestandteil der Vaterlandsliebe bildet. In der Bibel freilich kommt das' Heimweh vielfach in ergreifender Weise zum Ausdruck, aber die Professoren der Poesie (z. B. Kautzsch) hatten längst beschlossen, daß dieses Heimweh minderwertig sei, umgekehrt, nur von einer religiösen Engherzigkeit zeuge. Wie bei dem antiken Menschen überhaupt, verweben sich nämlich auch beim biblischen alle die tausend feinen Fäden, die ihn an die Heimat knüpfen, zu einer: einzigen Stimmung vorwiegend religiöser Natur. Man denke z. B. an das Verhältnis des griechischen Menschen zur Polis. Dieselben Professoren bezeichnen hingegen den großartigen Universalismus der Diaspora als „Allerweltsjudentum". Indessen deckt sich das hebräische „moledeth!" oder „erez moledeth" ebensowenig mit dem Begriffe Heimat, wie die betreffenden romanischen, slawischen und englischen Ausdrücke. Es ist nun sehr merkwürdig, daß Heimat und Pleimweh in der großen deutschen Poesie die allergeringste Rolle spielen. Goethes unerschöpfliche Lyrik hat wohl allen menschlichen Gefühlsregungen Ausdruck gegeben, aber an das Heimweh finden sich bei ihm nur leise Anklänge, und er hat nur Heimweh nach — Italien. Ergreifend klingt das Heimweh nach Deutschland bei — Heine und es verbindet sich bei ihm mit der Sehnsucht nach seiner Mutter; dieser Umstand hat bekanntlich zahlreiche Professoren und Literatur Wachtmeister veranlaßt, dem Dichter des Wintermärchens und des Atta Troll das „echte" Heimweh, gleich wie die „echte" Vaterlandsliebe abzusprechen. Obgleich also die Deutschen das wunderschöne, unvergleichlich zarte -Wort haben, so fehlt bei ihnen die Sache, das Gefühl war nicht so stark, um sich in einem bedeutenden Kunstwerk zu verkörpern. Dagegen fehlt in der polnischen Sprache das Wort, und sie muß sich m't einer weitläufigen Umschreibung oder einem Fremdwort behe'.fen, um das Gefühl des Heimwehs zu bezeichnen. Dafür hat dieses Gefühl in der Poesie und in der Novellistik der Polen vielfach im 19. Jahrhundert einen großartigen Ausdruck gefunden. Ihr großes Nationalepos ist hauptsächlich davon getragen, und einige das Pleimweh künstlerisch gestaltende Novellen mancher ihrer neueren Autoren sind unzählige Male in alle Kultursprachen übersetzt worden und haben geradezu Weltruf erlangt. Wer würde es nun wagen, auf Grund dieser Tatsachen zu entscheiden, welches von diesen beiden Völkern das Heimweh kennt, oder nicht kennt? Die Sprache an sich ist eben noch lange nicht der einzige und nicht der vollkommene Spiegel der Seele eines Volkes. Der Wortschatz einer Sprache stellt in engstem Zusammenhang mit ihrer morphologischen Beschaffenheit, ihrem grammatischen Bau. Der Gefühlsinhalt eines Volkes ist eine Funktion seiner historischen Schicksale. Die deutschen Auswanderer verließen ihre'Heimat freiwillig, um sich in der Fremde bessere Lebensbedingungen zu suchen, ihr Vaterland seufzte unter keinem Joch der Fremdherrschaft. Die Polen wurden vom siegreichen Eroberer gewaltsam nach Sibirien verschleppt oder aus der Heimat verbannt, sie trauerten um! ^dre in Ketten (schmachtende Mutter". Darum wurde das Heimweh bei ihnen zum tragischen Erlebnis, welches ihre große Poesie beherrschte, während bei den Deutschen dieses Gefühl erst gegen Ende des;1Q. Jahrhunderts in den sanften Dichtungen einiger Deutsch-Amerikaner sich kristallisiert hat. Fichte, neben seinen zwerghaften Nachfolgern Treitschke und Chamberlain, der jetzt - im feindlichen Auslande meistzitierte deutsche Autor, hat übrigens einmal sich der umgekehrten Methode bedient und aus dem Mangel eines eigenen Wortes mit apodiktischer Gewißheit auf das Vorhanden-