Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 8 (August 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 251 - 252 (sequence 2)
- Language
- German
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'251 Sein oder Nichtsein? 252 müßten, so haben sie es von ihren jetzigen Verbündeten gelernt. „Tuer" kommt vom deutschen „töten", aber im Deutschen ist es wie im Französischen, vom lateinischen „tutari" abgeleitet. Daraus würde sich ergeben, daß die Deutschen ebensowenig wie die Franzosen das Töten kannten, bevor sie mit den Römern, mit der lateinischen Sprache, der Mutter aller romanischen, in Berührung gekommen sind. „Frankreich hat der deutschen Sprache alles entnomm'en, was es selber sich schämte zu denken, zu tun oder zu sagten." So oft ein Franzose das Bedürfnis1 empfand, etwas Derartiges zu denken, zu tun, oder zu sagten, ritt er schleunigst nach Deutsichland hinüber und holte sich von dort Sache und Wort. Ein wahres Glück, daß es ziemlich schwer fiele, die Juden für die Schöpfung der deutschen Sprache verantwortlich zu machen. Wie mächtig hätten si>e sonst dazu beigetragen, den Geist der Franzosen zu verderben und zu zersetzen, und dadurch den Deutschenhaß zu schüren. „Sale, salete et salir, et tout ce qui s'en suit", stammt aus Deutschland. Nun ist das französische „sale" (schmutzig) allerdings das altdeutsche „salo", aber wenn die Franzosen das Schmutzigsein erst von Ben alten Deutschen gelernt haben sollen, dann haben sie es aber gründlich gelernt, so daß sie ihre Meister gewaltig übertreffen. Man braucht nur das Aussehen einer deutschen mit dem einer französischen Kleinstadt zu vergleichen. Suares hätte sich hierüber von seinem Landsmann Jules H u r e t unterrichten lassen mögen. Und kurz vor Ausbruch des Krieges riet ein Amerikaner den Franzosen ironisch, über die Portale ihrer öffentlichen Gebäude, neben liberte, £galite, fraternite, auch proprete* zu setzen ... Guerre stammt aus dem Altdeutschen. Sollten die Franzosen Krieg und Kriegskunst, Tapferkeit und alle anderen Kriegertugenden, Ritterlichkeit, Sinn für Gloire et tout ce qui s''en suit erst von den Deutschen gelernt haben? Sollte das alles bei ihnen etwas Angelerntes, Nachgeahmtes, nicht Ursprüngliches sein? Nicht einmal der schlimmste Feind der Franzosen möchte das behaupten. Allein nicht nur im positiven Sinne ist nach Suares 'das Wort der Spiegel der Volksseele, sondern auch im negativen. Wofür eine Sprache keine eigene Bezeichnung hat, dafür fehlt dem1 Volk das Gefühl o;der die Vorstellung. „Die Deutschen haben ein Wort, das man ins Französische nicht einmal übersetzen kann: Schadenfreude". Und Suares, der Sohn eines Volkes, dessen Angehörige niemals Schadenfreude zu empfinden imstande gewesen sind, muß sich dieses häßliche-deutsche Wort erst durch umständliche Umschreibung begreiflich machen: „cela veut dire: la joie qu'on prend au mal d'autrui". Es ist rührend. Der Franzose in dieser .Seelennot pflegt sich (was Suares vergißt) mit dem Worte joie maligne zu behelfen, woraus das hübsche maligneux gebildet wird. Allein unser Forscher vergißt noch etwas: im Französischen gibt es kein Wort für Sehnsucht, man gebraucht dafür das vieldeutige und plumpe desir, oder ähnliche Notbehelfe. Sollte ein Franzose niemals fähig gewesen sein, Sehnsucht zu empfinden? Es kommt aber noch schlimmer. Das Französische hat kein Wort für Heimweh, und bedient sich hierfür gewöhnlich des griechischen (nicht einmal lateinischen) nostalgie, das eigentlich eine pathologische Nebenbedeutung hat. Sollte kein Franzose jemals diesem zarten und edlen Gefühl zugängliah gewesen sein? Ach, nicht einmal für Heimat hat das Französische eine Bezeichnung, und muß sich, gleich wie die anderen romanischen Sprachen, mit weitläufigen Umschreibungen behelfen. (Sudermanns Rührstück ,,Heimat" wurde von der Duse italienisch unter dem Titel „Casa paterna" gespielt, Was eigentlich „Väterliche Hütte" bedeutet.) Dieses Schicksal teilen diese Sprachen mit den slawischen. Demnach müssen Romanen wie Slawen keine Heimat kennen; was Wunder, daß ihnen das Gefühl des Heimwehs völlig fremd ist, und daß sie hierfür kein eigenes Wort geprägt haben? Diese merkwürdige Sprachpsychologie ist oft und oft gegen die Juden, namentlich gegen die Bibel angewandt worden. Aus' den zahlreichen Beispielen, die eine ganze kleine Bibliothek ergeben würden, sei nur eines der markantesten hervorgehoben. Treitschkie lehrt in seinen Vorlesungen über Politik: der Jude habe kein Gewissen; Beweis: in der Bibel kommt das Wort Gewissen nicht vor. Es hieße natürlich die Bibel lästern, wollte man sich über das Sachliche der Frage in eine Polemik mit Treitschke einlassen, seine hebräischen Kenntnisse waren ebenso groß wie seine Wahrheitsliebe. Aber bei einigem ernstlichen Nachsinnen müßte man sich sagen: in -der Bibel kommt kein Wort für Lunge vor. Das ist um so auffälliger, als' ün der Bibel mannigfache Bezeichnungen innerer Bestandteile des Tierkörpers genannt werden. Sollten die alten Hebräer keine Lungen gehabt haben? Auch ihre Haustiere nicht? Sonst müßten sie doch wenigstens von den Opferpriestern und Hausfrauen wahrgenommen worden sein. Erst einige Jahrhunderte nach Esra, in der Entstehungszeit der Mischnah, müssen ihnen und ihren Tieren Lungen gewachsten sein! . . . Man bedenke aber, was das heißt, wenn ein Mann wie Treitschke ein Menschenalter hindurch, Jahr aus, Jahr ein, in seinen Vorlesungen über Politik vor Tausenden und aber Tausenden Studenten, Inländern imd Ausländern, mit seiner pathetischen Beredsamkeit hinausdonnerte: Der Jude hat kein Gewissen, denn in der BiNel gibt es1 für diesen Begriff keine