Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 8 (August 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 255 - 256 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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255 Sein oder Nichtsein? 256 LEO KATZ WIEN Komposition (Oelgemälde) sein, ja auf den Alleinbesitz der betreffenden Eigenschaft geschlossen. Charakter ist ein griechisches Wort; der Deutsche hat keine eigene Bezeichnung dafür geprägt. Das hatte er aber auch nicht nötig, schließt Fichte, deutsch sein, beißt Charakter haben, wenn man ein Deutscher ist, hat man eo ipso Charakter und braucht kein eigenes Wort hierfür. (Dabei vergaß Fichte die Kleinigkeit, daß jedes europäische Volk das gleiche von sich auch sagen könnte, denn Charakter kommt in allen europäischen Kultursprachen als Lehnwort aus dem Griechischen vor.) Würde sich in den Adern Fichtes ein Tröpfchen semitischen Blutes nachweisen lassen, so wäre das sehr hübsch, dann könnte man nämlich mit einer beliebten Wendung diese seine Beweisführung „talmudisch<' nennen. Und sie ist es in der Tat. In den alten talmudischen Hochschulen pflegten nämlich die Jünger zu Purim oder bei ähnlichen heiteren Anlässen eine belustigende Derascha (Lehrvortrag) abzufassen, in welcher die verstiegene und verdrehte Pilpulistik persiffliert wurde. In diesen „talmudis'chen" Lehrvorträgen kämen Deduktionen vor, die der Fichteschen betreffend den Charakter wie ein Ei dem andern ähnlich sahen. Auf jeden Fall sehen wir gemeinen Sterblichen, was für ein schönes Ding Philosophie und Wissenschaft sein können. Das eine Mal beweist eine Sache in ihren Händen, daß etwas so ist, das andere Mal beweist dieselbe Sache, daß dasselbe Etwas ganz was anderes ist. Es würde sich empfehlen, die beiden Methoden, die Fichtesche und die Treitschke-Suaressche, zu kombinieren und sie wechselweise anzuwenden, je nachdem es sich um uns oder um unserie Feinde handelt, und je nachdem es begehrenswerte und löbliche oder verwerfliche Eigenschaften anbetrifft. Wir werden sehen, daß diese kombinierte Methode in bezug auf den „zersetzenden" Judengeist mit Erfolg gehandhabt wurde. Mittlerweile aber wollen wir die Abwehrmittel betrachten, die zum .Schutze vor diesem Geist vorgeschlagen wurden.