Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1918)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 241 - 242 (sequence 10)
- Language
- German
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241 Rumänien und seine Juden. 242 DER TREUBRUCH DES KABINETTS BRATIANU. Allein es gab viele, denen eine solche« Wegschaffung der Judenfrage nicht paßte. Zunächst der Fürst: er hätte* eines der wichtigsten Regierungsinstrumente aus1 der Hand gegeben, lein Mittel, die Parteien gegeneinander zu hetzen und auszuspielen, jedesmal von neuem! als. Retter des Vaterlandes vor der furchtbaren Judengefahr sich zu erweisen, und schließlich seine Machtgelüste, das Bedürfnis', zu-peinigen und,-zu unterdrücken, welches bei mancher Herrschernatur so lebhaft ist, auf die wohlfeilste und ungefährlichste Weise zu befriedigen. Aus ähnlichen Gründen hätten die meisten Parteiführer aller Schattierungen das Verschwinden der Judenfrage schmerzlich empfunden. Die Bureaukratie aller Grade, vom untersten Polizeibeamten bis zum Minister hinauf wäre untröstlich gewesen über den Verlusjt einer Quetlle von Einnahmen, die ihre regulären Bezüge oft weit übertrafen. Schließlich gab es weit im Westen und hinter den Kulissen in Rumänien sehr mächtige Faktoren, die ein sehr, bedeutendes, millionejnschweres Interesse daran hatten, daß die Judenfrage ungelöst blieb. Boeresco machte sich zum Exponenten aller dieser geheimen Wünsche) und Befürchtungen, und gab den Dingen eine andere Wendung. Nach langen Verhandlungen mit der;Opposition war am 18. Oktober die neue Fassung des Artikels 7 festgelegt worden, die, wie erinnerlich, die Juden im Prinzip als Ausländer erklärt, denen nur die individuelle Naturalisation zugänglich ist. Wie aus einer Notiz des Fürsten hervorgeht, stand es fest, daß der Entwurf in der Kammer mit 133 gegen 9 Stimmen angenommen werden würde. Einige Tage darauf notiert der Fürst: ,,Die ersten Nachrichten treffen ein, wie weinig zufrieden die Staatsmänner des Auslandes mit der Lösung dieser Frage in dieser Form sind; so telegraphiert Callimaki-Catargiu aus Paris, daß zur Verwischung des schlechten Eindruckes die Kammern sofort einer beträchtlichen Anzahl von Juden das Bürgerrecht verleihen müßten." Aber die Juden waren beruhigt. Auf Grund der feierlichen Abmachungen mit der Regierung waren sie sicher, daß noch bevor es zur Abstimmung über den neuen Artikel 7 kommt, Bratianu sich 'erheben und im Namen der Regierung erklären würde, daß den niehtnaturalisierten Juden die gesamten bürgerlichen Rechte zurückzugeben seien; dann würde ihm das Aktionskomitee die von den allein hierzu befugten Gemeinden eingesammelten dreitausend Naturalisationsgesuche übergeben, worauf die sämtlichen Gesuchsteller und außerdem noch!die gedienten Soldaten von den Revis'ionskammern naturalisiert würden. /Ulein, es kam anders, ganz anders'. Am 24. Oktober wurde die neue Fassung des Artikels 7 mit der vorausgesagten Majorität angenommen, ohne daß Bratianu den Mund zu der vereinbarten Erklärung aufgemacht hat. Gleich darauf wurden die Revisionskammern durch fürstliche Botschaft zu gewöhnlichen in außerordentlicher Session einberufenen Kammern erklärt. Diese — und nicht die Konstituante! — erteilte 838 gedienten jüdischen Soldaten kumulativ und außerdem fünfzig — sage und schreibe: fünfzig! — jüdischen Zivilpersonen auf deren individuelle Gesuche hin die Einzelnaturalisation! Um das jüdische Aktionskomitee und seine dreitausend individuellen Naturalisationsgesuche kümmerte sich kein Mensch . . . Was war geschehen? „Allen Vorsichtsmaßregeln zum Trotz", klagt Saniel Marcus, ,.und entgegen allen liberalen Versicherungen des ganzen Kabinetts', wurden wir aufs schändlichste betrogen. Die feierlich vereinbarten Abmachungen wurden aufs schnödeste mißachtet, gerade, als sie zur Ausführung gebracht werden sollten. Diese Nichtswürdigkeit hat die Schurkerei (fourberie) Boerescos fertiggebracht." Boeresco schickte nämlich kurz vor der entscheidenden Abstimmung sein Faktotum heimlich nach Jassy, dieses wußte dort mit Hilfe eines jüdischen Advokaturkandidaten fünfzig moralisch minderwertige jüdische Individuen zu bestimmen, individuelle Naturalisationsgesuche zu unterzeichnen und sie ihm zu übergeben, entgegen der Abmachung, daß die zu naturalisierenden Persönlichkeiten von dem Gemeinden ausgewählt und die Gesuche dem Aktionskomitee eingesandt werden sollten. Boeresco hatte nun die begehrte Anzahl von jüdischen Zivilpersonen, mit deren Naturalisation er der europäischen Diplomatie den Mund stopfen konnte. Sie gehörten nicht zur moralischen Auslese, sie waren nicht die gebildetsten noch die fähigsten, wie Bratianu verlangte, aber die europäische Diplomatie gab sich zufrieden!. . . „Wir erfuhren von diesem betrügerischen Vorgänge erst, nachdem der Streich geführt war. Wir wurden von dieser betrübenden Kunde just in dem Moment überrascht, als wir über die Weisungen berieten, die den Gemeinden betreffs der Auswahl der Gesuchsteller erteilt werden sollten. Unsere Enttäuschung war sehr schmerzlich und wir mußten uns sagen, daß die jüdischen Volksmassen, die sich in ihrem dunklen Drange gegen jedes Paktieren mit der Regierung aufgelehnt, einen sicheren Instinkt bekundet hatten, als wir Führer. Hätten wir unerschütterlich auf die Anerkennung unserer Rechte und Eigenschaft als Eingeborene bestanden und uns in keülerljsft Verhandlungen mit der Regierung eingelassen, unsere Gagner wären, von den Großmächten zur Erfüllung des Berliner Vertrages gedrängt, gezwungen gewesen, nachzugeben." 1 Diese Vorgänge sind erst durch die Darstellung von Marcus, 22 Jahre nachdem sie sich abgespielt, in Westeuropa bekannt worden, haben aber bis auf den heutigen Tag keine tiefere 'Beachtung gefunden. Sie werfen indessen ein eigenartiges Licht auf die ganze Behandlung der Judenfrage und sind auch für die Gegenwart wichtig und lehrreich. Zunächst beleuchten sie das Verhältnis der Juden zur christlichen Bevölkerung. Aus den Memoiren des Fürsten Carol (gewinnt man den Eindruck, daß die Juden all die Zeit von einem wütenden Volkshaß umtobt waren, er versichert, daß er jeden Augenblick für ihr Leben zitterte, nicht müde wurde, seine Minister zu beschwören, Vorkehrungen gegen Unruhen zu treffen, die bald da, bald .dort auszubrechen drohten, ei erinnert sie unaufhörlich an ihre große Verantwortlichkeit. In Wirklichkeit verkehrten die Juden mit den Ministern und Parteiführern auf gemütliche und freundschaftliche Weise, veranstalteten öffentliche Versammlungen, zu denen auch Christen