Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1918)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 243 - 244 (sequence 11)
- Language
- German
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243 Rumänien und seine Juden. erschienen, verteidigten in der Presse dhre- Forderungen, waren sogar bereit, ohne Scheu Straßenr- Umzüge zu veranstalten. Sie hatten offenbar keine allgemeine Volkswut, keine Unruhen zu befürchten. Merkwürdig ist es. wie weit die Forderungen der Juden und die der Großmächte auseinandergingen, ja einander schnurstracks' zuwiderliefen. Beide forderten die „Lösung der Judenfrage", aber jeder verstand etwas anderes1 darunter. Die1 Großmächte? forderten Abschaffung des Artikels 7 und dann noch die Naturalisation. einer Anzahl von ju:den, diese g-eforderte Anzahl wurde immer geringer. Um das Los der nichtnaturalisierten Juden kürnmerten sie, sich nicht im geringsten. Den Juden dagegen war die Zahl der zur Naturalisation Zugelassenen,- ja, 'die Naturalisation selber völlig gleichgültig. Ihnen war es1 in erster Reihe um die Wiederherstellung ihrer Heimatberechtigung und ihrer bürgerlichen Rechte zu tun, die ihnen seit der Thronbesteigung des Fürsten Carol geraubt wurden. Sie waren sogar bereit, auf die theoretische Wiederherstellung ihres Heimatrechtes zu verzichten, wenn nur 'die praktische AnerL kennung durch Abschaffung der Ausnahme- und Restriktionsgesetze erfolgt wäre. Die Großmächte kämpften um ihr Prestige: sie hatten in einem unbewachten Moment eine unbequeme Verpflichtung übernommen, deren sie inzwischen müde und überdrüssig geworden waren, und sie suchten sich auf;die wohlfeilste Weise aus1 äer Affäre zu' ziehen, ohneihr Ansehen, allzu empfindlich zu schädigen. Die Juden kämpften um ihr Dasein und ihre Zukunft, diese aber waren 'in den Händen der Großmächte zum Gegenstand eines diplomatischen Intrigenspiels geworden. i Wir hatten stets den Eindruck, daß die rumänischen Juden eine dumpfe, passive Masse bildeten, eine Horde gedrückter Sklaven, die selber nichts zu ihrer Befreiung unternahm, sondern träge nach den westeuropäischen Brüdern ausschauten, die für sie denken, reden, bandeln sollten. ■ Jetzt erblicken wir unter ihnen eine Anzahl durch Talent, Charakter und Stellung hervorragender Männer. die; mit größter -Uneigennützigkeit und Selbstverleugnung den Kampf für ihr Volk führen und die Massen vorzüglich zu organisieren und in Disziplin zu halten verstehen. Ueber die Niederlage, die Boerescos Tücke und Verlogenheit ihnen bereitet hat, braucht man sich viel weniger zu wundern, als über das große Fiasko, welches die westjüdische Diplomatie davontrug. Es-ist. ungerecht von Marcus, die Schuld auf Boeresco allein abzuwälzen. War dieser der Missetäter, so waren seine Ministerkolleg-en die Helfershelfer. Es war ein ganz gewöhnlicher Gaunerstreich, ein Rossetäuscherstücklein; mit dem die Juden, unter Bruch einer feierlichen Abmachung, um ihr Recht betrogen wurden. Marcus1 und seine ^Genossen haben einen Fehlet begangein, indem sie die Verpflichtungen Cogalniceanos tunid Bratianus nicht schriftlich fixierten und in der Presse yer1öffentlidhten. Aber das1 jüdische Aktionskomitee bestand nicht aus Berufspolitikern und Diplomaten, sondern aus einfachen Geschäftsleuten und Gewerbetreibenden, diese glaubten, in der Politik gelte die gleiche Pflicht, ein gegebenes Wort ejhrlioh einzuhalten, wje im Geschäfts-' und Erwerbsleben, und obgleich' sie genau wußten, was von der Gewissenhaftigkeit rumänischer Staatsmänner zu halten war, so meinten sie wohl, diese Staatsmänner, würden diesmal, da sie es mit ganz Europa zu tun hatten, nach anständigeren Grundsätzen handeln, als daheim. Das war ein schwerer Irrtum. Allein, est drängt sich die herbe Frage auf: wo wären in' jener Stunde die großen westjüdischen Organisationen geblieben, die die Sache der rumänischen Juden seit dem Jahre 1866 in der Hand, hielten? Warum erfahren wir aus! allen ihren Relationen kein Sterbenswörtchen über alle hier erzählten Vorgänge, nichts! von der Existenz eines jüdischen Aktionskomitees1 in Rumänien, nichts von der Tätigkeit eines SanieL Marcus? Nachdem sie das1 Gutachten von "Bluntschli publiziert, unternahmen die jüdischen Organisationen keinen'Schritt mehr bei der europäischen Oeffentlichkeit. Warum belehrten sie die Kabinette der Mächte, mit deren Ministern sie ununterbrochen im Verkehr standen, nicht über die wahren Bedürfnisse und Wünsche ihrer Schützlinge? Wußten sie nichts davon? Wir haben gesehen, daß das rumänische Aktionskomitee sich in Berlin und Paris Korrespondenten oder Delegierte hielt, bei denen man' sich wohl leicht hätte unterrichten können. Hatte man ein Jahr zuvor den schweren Fehler begangen, den Berliner Kongreß so mangelhaft und oberflächlich zu informieren, daß er für die rumänischen Juden das1 forderte, was ihnen nicht nützen konnte und das, .was ihnen Jn erster Reihe (rnottat; .gänzlich vernachlässigte, so war es Pflicht gewesen, in der zwölften Stunde das Versäumte nachzuholen und zu retten, was noch zu retten war. Warum wurden die Juden im letzten entscheidenden. Kampf ihrem Schicksal überlassen? Warum drang von ihren Verhandlungen mit der .Regierung und von dem an ihnen verübten Betrug kein Laut nach Europa? Warum? Ignoramus, ignorabimus. Im Verlauf dieser Erzählung werden sich uns noch viel herbere Fragen aufdrängen, auf die es noch schwieriger sein wird, eine. Antwort zu finden. — Rumänien und seine Juden Zeitgemäße Studien Von B.W.Segel Nibelungen Verlag, Berlin W Die von Oktober 1916 bis Oktober in „Ost und Wc s t" unter diesem Titel erschienenen Aufsätze sind gesammelt in Buchform erschienen und. zum Preise von Mfc* 7.— durch alle Buchhandhingen zu beziehen