Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1918)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 237 - 238 (sequence 8)
- Language
- German
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237 Rumänien und seine Juden. 238 die Ausnahms- und Unterdrückungsgesetze abgeschafft werden." Nach, einer langen erregten Diskussion beschloß die Versammlung, auf den V/orschlagJ Heraclidis1 einzugehen. Der frühere Beschluß wurde rückgängig gemacht, den Juden w u r d e i,m Prinzip erlaubt, individuelle Naturalisationsgesuche zu . überreichen, doch wurde die Abmachung getroffen, daß zuvor die Regierung befragt werden müssie, ob sie die Vorschläge Heraclidis annehme, damit es nicht aussehe, als1 hätten die Juden der Opposition nachgegeben, ferner müßten folgende Bedingungen im Einvernehmen mit dem Ministerium festgelegt werden: 1. Die eingeborenen Juden, denen vorläufig der Rang des Vollbürgers und somit idie po.lii tische Gleichberechtigung noch vorenthalten bleibt, werden in den Genuß der bürgerlichen Rechte wieder eingesetzt, sie 'werden überall wohnen, Grundstücke und Weingärten erwerben dürfen, mit Ausnahme von ländlichem Großgrundbesitz, dessen Erwerb an dem Besitz der politischen Rechte geknüpf t b 1 e i b t. 2. Sie werden überall frei und uneingeschränkt Handel und Industrie aller Art betreiben, jedes Gewerbe ausüben dürfen, sie werden zur Advokatur zugelassen werden, zur Bekleidung aller Aemter befähigt sein, (entsprechend dem Artikel 46 «d e r Pariser Konvention von 1858). 3. Alle bestehenden Ausnahme- und Einschränkungsgesetze werden aufgehoben, und es wird fortab keine gesetzliche oder administrative Verfügung getroffen Werden dürfen, die nicht allgemeine Geltung hat und nur gegen die Juden allein angewendet wird. 4. Die dreitausend Juden, die auf Grund individueller Gesuche naturalisiert und somit zur vollen politischen Gleichberechtigung zugelassen werden sollen, werden von den einzelnen Gemeinden im Verhältnis' zu deren Mitglieder zahl ausgewählt. 5. Außer diesen dreitausend Juden werden sämtliche jüdische Soldaten, die am Kriege gegen die Türkei teilgenommen, als Vollbürger anerkannt. Hierauf ernannte die. Notabeln-Versammlung eine Kommission von fünf Mitgliedern, zu denen auch Saniel Marcus gehörte, die der Regierung die Beschlüsse zur Kenntnis bringen Und mit ihr die Abmachungen vereinbaren sollte. Tags darauf wurde die Kommission, der sich auch der Deputierte Heraclidi anschloß, vom Minister des Innern "Cogalniceano empfangen. Dieser rief beim Eintritt der Deputation aus': „Quae mutatio temporum et morum! Der Judenfeind Seite an Seite mit den Juden! Die Bewegigründe Ihrer Handlungsweise sind mir imbekannt", sagte er, zu Heraclidi gewendet, „aber wenn auch jüdisches Geld Sie zu diesem 'Schritt veranlaßt hätte, so leisten Sie dem Vaterlande einen großen Dienst, denn Land und Regierung sind in eine gefährliche Sackgasse geraten." Der Minister setzte nun der Deputation auseinander, daß er noch vor dem Kriege seine Kollegen ermahnt habe, die Judenfrage durch Wiederaufnahme der Reformen des Fürsten Cusa von 1864 einer fortschrittlichen Lösung zuzuführen und ihre Emanzipation vorzubereiten, „bevor sie uns, als einem Barbarenvolke, von Europa aufgedrängt würde". Doch Bratianu habe dies1 verhindert, (mit die Motivierung, Europa würde wichtigere Dinge zu tun haben, als1 sich mit der rumänischen Judenfrage zu befassen, nun stelle sich heraus, daß Bratianu sich geirrt habe, und er, Cogalniceano, recht behalte. (Wir wissen jetzt, daß in Wirklichkeit gerade das Gegenteil der Fall war.) Die Deputation gab dem Minister die Beschlüsse der Notabeln-Versammlüng und das Uebereinkommen mit Heraclidi bekannt, und Marcus fügte hinzu, daß ,,did Juden das schmerzliche' Opfer, in einer so wichtigen prinzipiellen Frage kapituliert und eingewilligt zu haben, 'wie Ausländer behandelt zu werden, nicht dem Feinde, der Opposition, sondern der Regierung darbringen wollten, und zwar unter der Bedingung, daß die fünf Punkte der Resulotion vom Ministerium angenommen werden". Cogalniceano erwiderte, die Regierung sei bereit, nicht 3000, sondern dreimal so viel Juden zu naturalisieren, wenn nur die Opposition (ohne deren Zustimmung die erforderliche Zweidrittelmajorität nicht zustande kam) sich hierzu bereit erklärte. „Aber als rumänischer Minister werde ich nie und nimmer zulassen, daß jüdische Soldaten verpflichtet sein sollen, um die Naturalisation nachzusuchen. Nein, eine derartige Nichtswürdigkeit (vilenie) werde ich niemals dulden. Wer die rumänische Uniform getragen, wer unter unseren Fahnen gedient, für die Ehre und Unabhängigkeit des1 Vaterlandes gekämpft hat, der braucht nicht um die Naturalisation zu betteln, er ist von Rechts wegen rumänischer Bürger, er ist mehr Rumäne als ich und die Deputierten der Opposition." Ferner warnte der Minister die Juden, sich von Heraclidi und seinem Anhang nicht hinters Licht führen zu lassen, und darauf zu beharren, daß die Opposition' sich verpflichte, die Naturalisationen zugleich mit der Revision des Artikels 7 vorzunehmen, wenn nämlich die beiden Fragen getrennt würden, so bestand die Gefahr, „daß diese Herren von der Opposition nachher ihre Zusagen verleugnen und ihre Zustimmung verweigern". Was die künftige Stellung der. Nichtnaturalisierten anbetraf, so erklärte Cogalniceano, „daß die Regierung sich verpflichtet, vom Parlament die Aufhebung oder Abänderung aller jener Gesetze zu verlangen, welche mit den Forderungen der Juden nicht übereinstimmten, so daß ihre eingeborenen Glaubensgenossen, die keinem ausländischen Staatsverband angehören, obgleich nicht im Besitz der politischen Rechte, gleichwohl die bürgerlichen Rechte im vollen Umfange genießen werden". Es wurden nun bezüglich der vorzunehmenden dreitausend Naturalisationen (abgesehen von den gedienten Soldaten) zwischen de: jüdischen Kommission und dem Minister des Innern Cogalniceano im' Beisein des Oppositionsführers Heraclidi folgende Abmachungen 'vereinbart: ( 1. In jedem Bezirk werden Lokalkomicees eingesetzt, welche die einzelnen Naturalisationsgesuche der von den Gemeinden zu bezeichnenden Pers'onen einsammeln und an das jüdsche Aktionskomitee in Bukarest einsenden.