Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1918)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 233 - 234 (sequence 6)
- Language
- German
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233 Rumänien und seine Juden. 234 weiterhin durch die Willkür der Verwaltungaus' den Dorfgemeinden ausgetrieben werden? Werden die Präfekten und Unterpräfekten fortfahren, auf sie wie auf Freiwild Jagd 'zti machen? Boeresco: Äch nein! Wo den-, ken Sie hin? Sobald der Artikel 7 im Sinne des1 Berliner Vertrages abgeändert ist lind es feststeht, daß nach der Verfassung das Religionsbekenntnis grundsätzlich kein Hindernis bei [der Ausübung der bürgerlichen und politischen Rechte mehr bilden darf, werden alle diese abscheulichen lind verfassungswidrigen; Gesetze von selber fortfallen. Die nicht naturalisierten Juden werden also nicht mehr daran gehindert werden können, die bürgerlichen Rechte auszuüben, ebensowenig, wie ihre naturalisier-, tcn Glaubensgenossen nicht mehr werden gehindert werden können, ihre politischen Rechte zu betätigen. Der Dialog endete damit, daß Marcus sich erbötig machte, in dem von Boeresco gewünschten Sinne, unter Beifügung des Gespräches mit ihm, nach Berlin und Paris zu schreiben. Darauf trat der Minister seine Rundreise an. Für!uns heutigen, die wir die Tagebücher Carols I. kennen, ist es nicht ohne Pikanterie, festzustellen, daß diese ganze Reise ein abgekartetes Spiel zwischen Bratianu und den europäischen Kabinetten war, offenbar, um der Welt Sand in die Augen zai streuen und Boerescos Eitelkeit zu befriedigen. Fürst Carol schreibt: „Bratianu war der Ansicht, Boeresco möge sich selber von den Schwierigkeiten und dem festen Wil- -len Europas überzeugen, woran er als Oppositionsmitglied gezweifelt hatte, und widersetzte sich nicht dieser diplomatischen Promenade unseres Ministers des Aeußern, die besser unterblieben wäre."- Und der Vater des' Fürsten bemerkt: „Es' ist interessant, wie die gesamte Presse im Dunklen tappt und der Mission Boeresco eine Wichtigkeit beilegt, die sie gar nicht gehabt hat.'' Der rumänische Staatsmann spielte offenbar ein doppeltes Spiel. Er ermutigte die Opposition und ermutigte die Judein, bii.s er das Heft in die Hand bekam. All das konnte Marcus damals nicht wissen, ebensowenig, wie er ahnen konnte, daß Sturdz:aa Reise nicht erfolglos gewesen war. Boeresco kehrte unverrichteter Ding'e nach Bukarest heim. Obgleich der Fürst gleich nach seiner Abreise schrieb, er zweifle nicht daran, daß die Mission gelingen würde, denn „die Großmächte .sind dieser Angelegenheit müde und durch all die Aufschübe und Schwierigkeit ein weniger anspruchsvoll geworden", — ulnd obgleich der Vater des Fürsten eiinige Wochen darauf versicherte, aus der ganzein politischen Situation gehe hervor, daß jede einzeline Macht froh wäre, wenn sie den strengen Konsequenzen des eignen Berliner Machwerkes enthoben würde. — In Paris und London machte man die ,,größten S. LABOSCHIN BRESLAU „Einsamkeit" (Abazzia) (Radierung) Schwierigkeiten". „In Wien und Berlin sagte man Boeresco, daß man auf dem Prinzip bestehe, welches sofort für eine gewisse Anzahl von Juden zur Anwendung kommen müsse; der Modus1 sei unsere Sache." Es ist nicht recht klar, worin die „größten Schwierigkeiten" bestanden, die England bereitete, wir haben je gesehen, daß man in London sich mit der Naturalisation einiger Juden begnügen wollte. Am 6. Oktober notiert der Fürst: „In der Judenfrage hat Deutschland seine Ansprüche nicht gemildert." Indessen hatte die Regierung bereits^ am 24. September den Kammern den Entwurf zur Revision des Artikels 7 unterbreitet. Darin wurde das Prinzip der individuellen Naturalisation auf Grund eines jeweiligen Spezialgesetzes' festge/- halten, doch sollte diese „allen Fremden ohne Unterschied des Bekenntnisses sowie den rumänischen Untertanen (ressortissants), die nicht als' V o '11 b ü r g e r (citoyens') anerkannt sind, zu-, gänglich sein". Praktisch blieb also alles beim alten, nur theoretisch wurde die Naturalisation vom Religionsbekenntnis unabhängig gemacht.