Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1918)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 227 - 228 (sequence 3)
- Language
- German
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227 Rumänien und seine Juden. 228 sollten." Man versteht nur nicht, woher die vielen Unterschriften kamen und woher auf einmal ein so reges politisches Interesse unter diesen Massen, von denen 90°/o Analphabeten, und die ganz von allen politischen Rechten ausgeschlossen »waren. Allein der Fürst fährt fort: „Mit Ernennung des Fusionskabinettes und dem Bekanntwerden seines Programms, das die Opposition verblüffte, legte sich der Sturm und trat Ruhe ein." Boeresco änderte nämlich sogleich seine Taktik und erklärte, daß er ebenfalls die Kategorienprojekte verwerfe und sieh zum Grundsatz der Individualnaturalisation bekenne. Damit hatte er sich zu dem von der Opposition hartnäckig verfochtenen Standpunkt bekannt, daß die Juden Fremde sein. „Damit waren aber die Schwierigkeiten dem Auslande gegenüber nicht nur nicht beseitigt, sondern noch bedeutend vergrößert", schreibt der Fürst. Gleichzeitig vertagten sich die Kammern auf einen Monat, was die Unzufriedenheit der Mächte steigerte, da sie' hierin nur den erneuerten Versuch einer Verschleppung sahen. „Boeresco instruierte sofort unsere Vertreter, den Kabinetten den Ministerwechsel und die Vertagung der Kammern mitzuteilen und sie gleichzeitig zu bitten, bevor sie einen Entschluß faßten, unsere Erklärungen abzuwarten." Der Fürst hatte nämlich die Mitglieder der -Opposition zu sich berufen, ihnen das Heikle der Lage auseinandergesetzt und von ihnen verlangt, sie sollten „für die Judenfrage eine Lösung finden, die vor allem' die ökonomischen Interessen des Landes wahrte, und den Großmächten die Möglichkeit verschaffte, sich zufrieden zu erklären- W e n n wir mit der Naturalisation eines einzigen Juden die K r i - si s beschwören könnten, so würde ich am glücklichsten darüber sein." Mit anderen Worten: der Fürst bestärkte die Gegner seiner Regierung in der Opposition, forderte sie auf, „die ökonomischen Interessen des Landes zu wahren", nämlich bei dem Prinzip zu beharren, daß die Juden als Ausländer zu be- Jiandeln seien, nur mußten sie einen Ausweg finden helfen, schandenhalber ein paar Juden zu naturalisieren, damit die Großmächte die Möglichkeit hätten, sich zufrieden zu erklären, er' verbürgte sic]j_ schon dafür, daß ihrer nicht allzu viele des Glückes der Naturalisation teilhaftig werden sollten. Doch mußten um jeden Preis ein paar Juden in den Staats verband aufgenommen werden, damit „ein loyaler Anfang gemacht würde, das Prinzip zur Anwendung zu bringen". So weit war man übereingekommen, daß die überlebenden Soldaten, die im letzten 'Kriege unter den Fahnen gedient, durch ein einmaliges Gesetz kumulativ in den Staatsverband aufgenommen werden sollten. Allein, das war so selbstverständlich, daß Europa sich unsterblich lächerlich gemacht hätte, wenn es sich damit begnügt haben würde, als mit einer Erfüllung des Artikels 44. Es mußten außerdem noch ein paar Juden, die. nicht gedient, naturalisiert werden. Das Kategorienprojekt hatte Boeresco fallen lassen, der Opposition zuliebe, dafür warf er den. Juden einen Köder aus, in der Form von Listen. Diese Listen sollten die Namen aller jener Juden enthalten, die in die geplant gewesenen Kategorien hineingehörten. Materiell war die Wirkung ganz dieselbe, allein, wenn diese Glücklichen auf Grund der Kategorien naturalisüert worden wären, z. B. als Besitzer eines akademischen Grades, entsprechend einem bestimmten Zensus, oder als Anerkennung für gewisse kulturelle und gemeinnützige Leistungen, so wäre dadurch für die Zukunft ein Präjudiz geschaffen worden, denn es' konnten . nachher alle, die die gleichen Eigenschaften aufzuweisen hatten, die Naturalisation beanspruchen. Die „Listen" dagegen hatten den Charakter p.iner persönlichen Vergünstigung, die nur einmal einem bestimmten Menschen zuteil wurde, und nicht " wiederholt werden durfte. Sie kam also im wesentlichen der Individualnaturalisation gleich, und riß keine Lücke in dem Grundsatz, daß, die Juden sämtlich Ausländer seien. Die Kabinette merkten diese schlaue List Boerescos nicht, oder taten, als ob sie sie nicht merkten. So weit wärralles gut gewesen. Allein die Opposition beharrte unerschütterlich darauf, daß auch die in die „Listen" aufzunehmenden Juden nicht von den Revisionskammern kumulativ naturalisiert werden, sondern daß sie, wie jeder Ausländer, an die ordentlichen Kammern Einzelgesuche überreichen sollten, damit aufs nachdrücklichste dokumentiert würde, daß das Gesetz nach wie ivor alle Juden als Ausländer behandelte, und keine Ausnahme zuließ. - Aber die Juden Rumäniens weigerten sich ebenso unerschütterlich, auch nur ein, einziges derart ig es Gesuch zu überreichen! Der vom Fürsten so sehnsüchtig erwartete einzige Jude, wollte sich nicht melden. Die Regierung befand sich in einer Lage ohne Ausweg. Die Mächte beharrten darauf, daß wenigstens einige Juden (außer den gedienten Soldaten) naturalisiert würden. Die Opposition wollte die Naturalisation nur zulassen, wenn die Juden Gesuche überreichten (und ohne die Opposition konnte die erforderliche Zweidrittelmajorität nicht Zustandekommen). Die Juden weigerten sich beharrlich, die geforderten Gesuche zu überreichen. Was tun? Der listenreiche Boeresco begab sich ins Ausland — es war schon die dritte Garnitur von ' rundreisenden rumänischen Diplomaten —, und knüpfte zugleich Verhandlungen mit dem jüdischen Aktionskomitee an. SANIEL MARCUS UND DAS JUEDISCHE AKTIONSKOMITEE. richten merkwürdigerweise nicht die leiseste Spur zu entdecken ist. Saniel (Nathaniel) Marcus war ein bedeutender Geschäftsmann, dabei ein Mann von umfassender Bildung und regen geistigen Interessen; er verfolgte lebhaft die kulturellen Strömungen unter den Juden des Westens, besonders Dieses jüdische Aktionskomitee und sein tätigstes energischstes Mitglied Saniel Marcus treten uns jetzt zum erstenmal entgegen. Allein das Komitee bestand, seit zwei Jahren und entfaltete eine rege Tätigkeit im Lande, von der jedoch in den westeuropäischen Quellen und Be-