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Ost und West · 1918-07-01 · Heft 7 (Juli 1918) · p. Seite 203 - 204

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 7 (Juli 1918)
Article
Sein oder Nichtsein?
Date
1918-07-01
Page
Seite 203 - 204 (sequence 6)
Language
German
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203 Sein öder Nichtsein? 204 aus unserer, Hand erhalten, während 'wir es aus erster Quelle schöpfen durften, und die ununterbrochene Tradition und Erinnerung daran bis1 auf den heutigen Tag1 lebendig erhalten. Was1 aber das Unterkriechen anbetrifft, so ist das eine höchst persönliche Sache. Es gibt manche, 'die1 kriechen, und* manch .andere, die sehr aufrecht, erhobenen Hauptes1 einherschreiten. Das ist Sache deo* individuellen Veranlagung und der Erziehung. Kann man behaupten, ' daß etwa Moses Mendels1sohn in Berlin untergekrochen war, der kleine) bucklige Kommis, der Sohn des armen Dessauer Thorarollenschreibers, 'der an den Toren dejr Hauptstadt noch den Leibzoll entrichten mußte, gleich dem lieben Vieh? Es dauerte gar nicht lange), und er gehörte! zu den geistigen Führeirn der deutschen Nation, geehrt und geliebt von den Besten seiner Zeit. War1 an ihm ieiine Spur von Rachsucht, Hinterlist oder Argwohn, obgleich er alle! Bitternisse und Demütigungen ausgekostet hatte, die keinem Juden dazumal erspart blieben? Er war eine innerlich ausgeglichene, harmonische, abgeklärte Natur, obschon er auf 'der Schnittlinie zweier Zeitalter stand, noch ganz mit Herz und! Geist im alten Judentum wurzelte, und eine neue Epoche heraufführen half. DER LETZTE GANG. Der Verfasser behauptet: „Die deutschen Juden sagen: „Das Majorisieren muß aufhören; wir stehen daneben und sehen zu, wie andere aus den Staatsnäpfen fressen. Deutschland ist der Hort der Reaktion, das Land der Unfreiheit!'' Er aber versichert, und 'das können wir ihm heilig glauben:;}Aiaä Nächstenliebe Und Liebe zu den Juden als Menschen, aus reinem Mitgefühl und Um der Gerechtigkeit willen habe ich mich' entschlossen, zu der Lösung der Judenfrage beizutragen'*. Und dann spricht er: „Es kommt auf die Amalgamierung, auf die As'similierung der Juden an. Christen sollen sie werden! 'Dann fallen a^e Vorwürfe von selber weg, und dem Zionismus wird das Wasser abgegraben. Die Klugheit des Staates erfordert, daß man diejenigen Juden, deren Geist und Gesinnung reif dazu ist" (nämlich, die sich getauft haben) „zu den Staatsnäpfen zuläßt". Immer wieder die Staatsnäpfe. Der Verfasser stellt sich offenbar Vor, daß die deutschen Juden furchtbar vergrämt in einem Schmollwinkel stehen und ihrem Vaterlande jbitter grollen, weil dieses sie nicht zur Staatsk'rippe zuläßt. In Wirklichkeit wissen die deutschen Juden sehr wohl, daß der „Racker von Staat" (wie sich Bismarck einmal ausdrückte) allzeit sehr gern aus ihren Näpfen fraß. In früheren Jahrhunderten fraß er sogar den Napf mitsamt dem Inhalt. Aber rein äußerlich, auf eine kurze Formel gebracht, für jedermann aus'- dem Volke verständlich, drückt sich die bürgerliche Gleichberechtigung einer Klasse darin aus, daß ihre Angehörigen Zutritt zu den Staatsämtern haben. In allen modernen Staatsverfassungen wird dieses gleiche Recht allen Bürgern feierlichst gewährleistet. Wenn nun die deutschen Juden sich beklagen, daß ihre Gleichberechtigung nur auf dem Papier stehe, heben sie kurzweg hervor, daß namentlich in Preußen ein Ungetaüfter Jude gemeinhin nicht nur nicht Staatssekretär, sondern auch nicht . Postsekretär werden könne. Für den Außenstehenden gewinnt es den Anschein, als wären sämtliche deutsche Juden Streber, 'die nach einer Versorgung durch den Staat lechzen. ' In Wirklichkeit tragen diejenigen Juden, die einen UelDerschuß von Kraft in sich fühlen, Verlangen, diese Kraft dem Staate zu widmen, um auf die beste Weise der Allgemeinheit, dem Vaterlande zu dienen, ihm zu helfen, es zu fördern, nicht aber, um sich von ihm ernähren, versorgen zu lassen. Und überdies wissen sie nur zu gut, daß heute noch das alte Verslein gilt: Kommt Not: bitte, nur herein, Jude! Ist Not vorbei, marsch 'raus aus .'der Bude! Wenn der Staat den Juden braucht, dann sieht er ihm gnädigst das baßchen Weihwasser nach!, das ihn zum Aüch-Christen mächen soll. Der Verfasser selber zählt eine ganze Reihe von hervorragenden Juden auf, denen man im jetzigen Kriege wichtige Funktionen anvertraut hat, wichtigere, als1 die manch leitenden Ministers1: „Solch fähige Köpfe haben zusammengewirkt mit vielen anderen jüdischen Finanzgrößen Deutschlands, ganz gewiß zum Segen des' Vaterlandes. .Warum rief man sie sonst? Man brauchte sie!" Friedrich' der Große hatte bekanntlich im 'siebenjährigen Kriege eine ganze Anzahl Bürgerlicher in das1 Offizierskorps aufgenohimen. Nachher stieß er sie rücksichtslos aus. Der Mohr hätte seine Schuldigkeit getan. Also: Christen müssen sie werden. „Jüdische Gliristen"1 sagt der Verfasser, denn er ist kein Antisemit, verwirft den Antisemitismus sogar aufs schärfste. „Aus messianischer Liebe, Und von dem Gedanken einer heilig-Teligiös-menschlichen Mission erfüllt, ersehne ich die Amalgamierung des mit Ausnahme ides' Edeljuden h'eilungsbedürftigen jüdischen Geistes mit dem christlichen deutschen Geist herbei. Alsidann herrscht endlich auch1 in diesem Punkte innerpolitisch-soziale, religiöse Harmonie. Nur durch die Großzügigkeit dieses freimütigen', edlen Umschwunges des jüdischen Geistes ist die Judenfrage im Deutschen Reiche zu lösen. Nur so wird

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