Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 205 - 206 (sequence 7)
- Language
- German
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205 Sein oder Nichtsein? 206 die Bahn frei auch für alle tüchtigen und intelligenten Juden." Auch für den tüchtigen, intelligenten Juden wird die Bahn fjfei — zur Staatskriüppe, dieser höchsten Seligkeit der Menschenkinder im Himmel und auf Erden. Nur stehen diesem begehrenswerten Ziel zwei Hindernisse im Wege. Erstens ist der Jude „viel zu sehr realistisch, auf rein logischem Wege denkend, so daß er die intuitiv glaubende religio sie Denkweise des Christen schwer verstehen kann". „Die Flügel seiner Phantasie sind doch sehr beischnitten." „Der Jude s[tößt sich an den idealistischen Glaubenssätzen des Christentums, welche ihm reichlich phantastisch erscheinen. Die Lehren Jesu (hält er für (übertrieben, z. B. die Dreieinigkeit." Die Dreieinigkeit ist, nebenher gesagt, gar nicht die Lehre Jesu. Sonst stimmt alles, was der Verfasser hier sagt. Der Jude1, (begreift eis nicht, warum der einig einzige Gott, der Vater und der König, in seiner Allmacht nicht aHein das Menschengeschlecht erlösen und beseligen könne, wozu er noch einen Sohn, eine MuttergolteS und dein ganzen Olymp von Halbgöttern und Heiligen dazu brauchen sollte. Es will dem Juden auch nicht einleuchten, daß diese Lehren, an denen er sich stößt, „idealistisch" seien, er hält 'sie für derb realistisch, echt heidnisch. Und wenn er tiefer nachdenkt, kommt er zu der Ueberzeugung, daß im Christentum ihm' sein eigenes altes Judentum entgegentritt, nur in stark getrübter, herabgeminderter Form, den geistigen Bedürfnissen der großen Masse der Heidenvölker angepaßt. Dejr Jude meint, daß man sehr bedeutende wesentliche Konzessionen damals1 an diese Völker hätte machen müssen, damit ihnen der jüdische Gottesgedankei zugänglich wurde. Die Phantasie dieser Völker war wohl reichlich beflügelt, aber ihre religiöse Empfänglichkeit und Fassungskraft waren noch sehr lahm. Da mußte denn das Judentum um viele Stufen hinabgeschraubt werden, damit eis ihnen faßlich gemacht wurde. Und dann glaubt der Jude fest, daß. es [für das Heil des Menschengeschlechtes gar nicht vom Uebel sein kann, wenn er iseine reine Lehre, die er anderthalb Jahrtausende früher empfangen und bekannt, in ihrer ungetrübten Reinheit und vollen Höhe bewahrt, und ihr. zuliebe auf alle Staatsnäpfe der Welt, die er sonst in reichem Maße hätte erlangen können, verzichtet, mitunter sogar auf Ruhe, Sicherheit und Leben. „Es wäre ein großer Segen für die Juden, wenn sie ihren eigenwilligen Trotz aufgeben würden", versichert der Verfasser; allein, „sie haben das Bewußtsein, in ihrer jüdischen Lehre etwas Lebenswertes zu besitzen, um dessen willen sie sich erhalten." Und das ist das andere Hindernis. Nämlich nicht bloß in dogmatischer, sondern auch in' ethischer Beziehung vermögen sie nicht einzusehen, daß, wie der Verfasser versichert, „es sich hier um eine geistige Hebung handle", daß „der Jude etwas aufgibt, um in etwas Höherlem aufzugehen". Es ist also kein Wunder, daß „sie gern die tragischen Folgen, die Inferiorität und Zurücksetzung auf sich nehmen, und auf ihr Messias-Reich hoffen". Es dürfte also schwer sein, sie zu überzeugen, daß „die christliche! Nächstenliebe der jüdischen Morallehre gegenüber einen religiösen, kulturellen, geistigen Fortschritt bedeutet". Diese Frage wird ja noch im besonderen ausführlich zu behandeln sein. Aber der Verfasser hätte sich sagen müssen: Wenn das wahr ist, wozu brauche ich die Juden auch noch mit materiellen Vorteilen zu locken, denen sie sich sieit>2000 Jahren unzugänglich erwiesen haben? — Er hält in der einen Hand die höhere christliche Ethik und in der anderen die Staatskrippe und ködert dip Juden herbei. Dieser Wink mit dem Staatsnäpf verdirbt das ganze idealistische Programm und macht ein gewöhnliches geschäftliches Angebot daraus. Die Juden könnten ja eben dem Mammon auf keine nichtswürdigere Weise dienen, als wenn sie ihre Religion verleugneten, um sich an die vollgefüllte Staatskrippe setzen zu dürfen. Soll das die „geistige Hebung" sein, die er den Juden verspricht? — An sich hätten die Ausführungen desi Verfassers vielleicht keine so eingehende Analyse nötig gemacht. Allein sie spiegeln die Anschauungen kleiner aber sehr einflußre-icher Krejise wider, wenigstens tut dies der kritische Teil dieser Ausführungen. Ueberdies haben sie ein Echo geweckt, das seinerseits, wie des weiteren dargelegt werden wirld, gehört zu werden verdieint. Inzwischen wird es sich empfehlen, noch' einmal einen kurzen Rückblick auf Scheler und seine Kronzeugen zu werfen.