Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 201 - 202 (sequence 5)
- Language
- German
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201 Sein oder Nichtsein? 202 „Der nichtjüdische Kaufmann ärgert sich vielfach über den jüdischen, weil dieser bessere Geschäfte macht. Er möge sicli bei der politischen Entwicklungsgeschichte bedanken!" Vielleicht unwillkürlich hat hier 'der Verfasser eine der Hauptquellen des Antisemitismus bloßgelegt. Im gewöhnlichen Leben nennt man das Futterneid. Es ist natürlich zu viel gefordert, daß einer, der schlechte Geschäfte macht, fortwährend dasteht und sich bei der politischen Entwicklungsgeschichte bedankt, während sein Nachbar (wirklich oder vermeintlich) bessere Geschäfte macht. Da gibt es denn bei allen Pechvögeln vielerlei Aerger, der sich leicht in antisemitische Hetze umprägen läßt. Ist dies nicht vielleicht eine der Brillen, durch die gesehen, der Jude als lediglich vom mammonistischen Handelsgeist besessen erscheint? Dann fängt man an, bei der politischen Entwicklungsgeschichte sich zu bedanken, und kommt zu dem Schluß: „Da man die Juden zu fast keinem andern Beruf zuließ, erwarben sie sich im Laufe; dieser langen, langen Unterdrückungszeit spezielle kaufmännische, Handels- und Finanzkenntnisse, die ihnen nunmehr in Fleisch und Blut übergegangen sind, so daß wir Nichtjuden nur selten imstande sind, eine solche staunenswerte Kombinations-, sowie Spekulations- und Organisationsfähigkeit aufzuweisen." Mit diesen Worten des Verfassers kann jeder verunglückte Unternehmer seinen Mißerfolg im Vergleiche zu einen glücklicheren jüdischen Konkurrenten entschuldigen, er muß die Juden um ihre politische Entwicklungsgeschichte beneiden und diese müssen eigentlich für die lange, lange Unterdrückungszeit dankbar sein, sie müßten sich in ihrer Haut sehr wohl fühlen. Und obgleich der Verfasser versichert, daß ,,Deutschland der Hauptsitz des Antisemitismus ist", so hätten die Juden keinen Grund, es sich anders zu wünschen1. „Als eine einzige Kette von Leiden und Unterdrückungen stellt sich uns das Leben der Juden innerhalb der deutschen Nation dar." Diese Tatsache läßt ihn großmütig und nachsichtig* sein mit den Juden, deren Charakter unter dieser grausamen Behandlung gelitten habe. „Wenn man Menschen wegen ihrer exotischen Rasse und ihrer mosaischen Konfession fortgesetzt schlecht behandelt, war es da nicht eine ganz natürliche Folge, daß dieselben mißtrauisch, hinterlistig, rachsüchtig werden mußten?" Also, wir sind mißtrauisch, hinterlistig und rachsüchtig! Das widerspricht ziemlich stark der vorhin gehörten Versicherung des Verfassers, daß man hei den Juden die vornehme, echt christliche, großzügige Nächstenliebe, die Liebe des Verzeihens häufiger antreffe, als bei Christen. Wenn übrigens diese lange, lange Unterdrückungszeit solche unauslöschlichen Spuren an unserem Charakter hinterlassen haben sollte, dann müßte man über folgende Fragen etwas tiefer nachdenken. All die langen Jahrhunderte des Mittelalters hindurch bis in die neue Zeit hinein waren wir Juden nicht allein die Unterdrückten, es teilten mit uns diese» Los große Massen des christlichen Volkes, die Bauern und die Arjbeitcr und alle Besitzlosen. Und sie mußten diese Behandlung ungleich bitterer empfinden als die Juden, denn ihnen konnte man nicht vorwerfen, sie wären Fremde, von exotischer Rasse und anderem Glauben, sie waren das eigene Fleisch und Blut der Unterdrücker, ihre Religionsgenossen, „erlöst durch den Tod desselben Gottes", man konnte ihnen auch nicht vorwerfen, ihre Vorfahren hätten den Heiland gekreuzigt, oder sie schlachteten christliche Kinder' zum Osterfest und quälten von Zeit zu Zeit ein paar geweihte Hostien. Müßten da nicht die Nachkommen aller unterdrückten Volksschichten, also alle Bauern, Handwerker und Arbeitdr, bis auf den heutigen Tag mindestens in gleichem Grade wie die Juden mißtrauisch, hinterlistig, rachsüchtig geblieben sein? Ferner: bekanntlich verdirbt die Unterdrückung nicht nur den Charakter des Unterdrückten, sondern auch des Unterdrückers; diesen macht s:.e hartherzig, gewalttätig, grausam, habsüchtig, fühllos, rechthaberisch, hoffärtig. Müßten da nicht alle Nachkommen der kleinen Schicht der Unterdrücker von ehemals, also der ganze christliche Adel, die Sprößlinge der Raubritter, das ganze städtische Patriziertum alle diese unschönen Eigenschaften bis auf den heutigen Tag mit sich herumtragen? Es scheint, daß der Graf Trützschler von Falkenstein die geistige Natur des Menschen doch ein wenig zu düster beurteilt, wenn eir annimmt, daß das Böse ihr seine Merkmale für ewige Zeiten unauslöschlich einprägt, gleich wie man Pferden oder Hunden einen bestimmten Rasscincharaktcr unausrottbar anzüchten kann. Es dürfte auch nicht ganz stimmen, wenn der Graf Trützschler versichert: „Der Jude pflegt in der modernen Nation unterzukriechen, sein Leben ist kein primäres, sondern ein sekundäres." Nun, wir haben doch schon gelebt, ein paar; Jahrtausende ehe die modernen Nationen aus dem Ei gekrochen waren, wir hatten Könige, Staatsmänner, Propheten, Märtyrer, Gesetzgeber und Feldherren zu einer Zeit, als die Vorfahren der modernen Nationen sich noch mit den Ebern im Walde um die Eicheln balgten. Und wenn, was der fromme Christ Trützschler von Falkenstein doch sicher glaubt, das wahre Leben ein« Leben in Gott ist, so haben die modernen Nationen die Anweisung hierzu erst