Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 199 - 200 (sequence 4)
- Language
- German
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199 Sein oder Nichtsein? 200 rotten, oder wenigstens austreiben, nach Sibirien, nach Amerika, wohin immer: in seiner mildesten Form erstrebt er eine Aufhebung1 oder doch erhebliche Beschränkungihrer bürgerlichen Gleichberechtigung, oder gar Zurückweisung in ein Ghetto, um den deutschen Geist vor der Ansteckung durch sie zu schützen. Auf jeden Fall will er durch fortwährenden, unerbittlichen Kampf gegen die Juden in der Presse, der Literatur,' in den parlamentarischen Körperschaften und Volksversammlungen, das Gewissen des deutschen Volkes stets wach halten. Man hat geglaubt, der Weltkrieg würde den Antisemitismus zum Schweigen 'bringen, oder gar verschwinden machen. Das war ein schwerer Irrtum. Unser Verfasser, ein Eingeweihter, bekundet, daß der Antisemitismus in Deutschland gewaltig gestärkt ans dem Krieg hervorzugehen scheint. (In Deutsch-Oesterreich hat er *in den letzten zwei Jahren einen geradezu riesigen Aufschwung genommen.) „Man kündigt schon jetzt eine Vertiefung des wissenschaftlichen Antisemitismus an, tum den „orientalischen Fremdgeist" auch aus Kirnst, Literatur und Wissenschaft zu vertreiben. Die Fichte-Gesellschaft unter Mitarbeit des Alldeutschen Verbandes ist als eine „Nationale Sammelstelle für völkische Verbände" gedacht. Die Zeitschrift „Bühne und AVeit" und die „Norddeutschen Monatshefte" sind die publizistischen Organe diese* Kreise.'' Hier ist offenbar nur ein kleiner Zipfel des' Schleiers gelüftet worden. Erwägt man, daß die bestehenden antisemitischen Organe und Vereinigungen trotz des Burgfriedens an Heftigkeit und Schärfe des Tones beträchtlich zugenommen, daß die letzten Jahre Zündstoff in Fülle an allen Ecken und Enden angehäuft haben, so kommt man zu dem Schluß, daß wir uns auf einen J u d e n k r i e g nach dem Kriege gefaßt machen müssen, der an Erbitterung alles übertreffen wird, was wir in den achtziger und neunziger Jähren erlebt haben! Um so anerkennenswerter ist es, daß unser Verfasser, im Gegensatz zur erdrückenden Mehrheit seiner Standesgenossen, den Antisemitismus m i t a 11 e r Schroffheit abweist. Er findet scharfe ,,heilig-ernstgemeinte Worte gegen die Unduldsamkeit und die unmenschliche Härte, welche tatsächlich mehr in den Nichtjudcn als in den Juden steckt." „Wohin führt denn diese antisemitische Verhetzung? Notwendigerweise doch immer zu schärferen Gegenströmungen und somit zu Störungen des inneren Friedens im deutschen Volk." ,,Wenn Antisemiten reden über ,,große Gefahr", ,,schlimmsten Feind", ,,Befreiungskampf vom jüdischen Joch", vom „Geist des Orients*'', „Wuchererrasse", „Unfähigkeit., monarchisch zu denken", so sind das alles kritische Auslassungen, meist mit vorgefaßter Meinung, also parteiisch, und nicht objektiv geäußert". „Der Antisemitismus ist meiner Meinung nach etwas sehr Unvornehmes. Ein Philosoph, ein geistig hochstehender Mensch wird niemals Antisemit sein können. Das Wort ..anti" ist an und für sich etwas Negatives und somit kein Dauerzustand. Es1 ist eines religiösen Kulturmenschen unwürdig', dauernd zu protestieren, änzufehden, niederdrücken zu wollen". Diese beiden Wege, Zionismus und Antisemitismus, sind also ungangbar. Dagegen weist der Verfasser einen dritten Weg, der zu demselben Ziele hinführt, aber auf ungleich mildere, vornehmere Art. „Seien wir human!" ruft er aus. ,,Der Philosoph und jeder das Gute erstrebende Edelmensch soll aufbauend und ausbauend wirken. Man muß das Jüdische zunächst in sich auflösen, um dann erst zu einer Gesundung bringenden Synthese in Liebe und Einsicht überzugehen." Kurz und bündig: die Juden sollen aufhören, Juden zu sein, und Christen werden. Dann gibt es keine Juden mehr, der Mammonismus und der Handelsgeist sind verschwunden, Deutschland ist außer Gefahr, die Judenfrage im Deutschen Reich ist gelöst. Nichts ist einfacher. Der Gedankengang des Verfassers ist folgender: der mammonistische Handelsgeist der Juden ist nicht etwas ihnen innerlich und ewig anhaftendes, er ist im Verlaufe der Jahrhunderte entstanden, als' Folge der Behandlung, die den .Juden von sciten des Staates und der Gesellschaft widerfuhr. Da ihnen alle Berufsarten, namentlich 'die des Offiziers und Staatsbeamten, verschlossen waren, ^mußten sie sich aufs Geldverdienen und den Handel verlegen; wenn ihnen nun der Staat diese beiden Berufsarten öffnet, so werden sie sich schleunigst den Handel und das Gcldverdienen abgewöhnen, und um ihren Mammonismus ist es geschehen, der wird, auch wenn die Juden zur Presse gehen, diese nicht mehr vergiften. Warum weigert sich aber der Staat in seiner Weisheit, dies zu tun? Die Rasse der Juden kann nicht der Grund hierfür sein, denn Jesus und seine Mutter sowie die Apostel Petrus und Paulus gehörten ja auch der jüdischen Rasse an. Das Hindernis besteht offenbar nur in der jüdischen Religion. Wenn nun die Juden auf einmal dieses Hindernis beseitigen, indem sie sich taufen lassen, ist vor ihnen die Bahn frei. Sie können alles werden. Und beide Teile haben den größten Vorteil davon. Die Juden werden ihre sekuläre Zurücksetzung los Und der Staat den ihn bedrohenden ma mmonistischen Handelsgeist. Man kann diesen Gedankengängen eine gewisse erfrischende, herzgewinnende Naivität nicht absprechen. Sie werden noch interessanter, "wenn man sie im einzelnen betrachtet.