Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 187 - 188 (sequence 8)
- Language
- German
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1S7 Rumänien und seine Juden. 188 geschehen, sondern nur in folgender Weise: es wird bestimmt, daß jedes in Rumänien geborenelndividuum, ohneUnterschied des Bekenntnisses, des Ai 11 e r s u n d Geschlechtes, dem die Behörde nicht nachweisen kann, daß es je einem ausländischen Staatsverband angehört hat, sofort in Rumänien heimatberechtigt wird. Die Pflicht des Nac'hw c i s e s muß den r u m änischen Behörden auferlegt werden. Es muß ferner 'unerschütterlich an dem Standpunkt: festgehalten werden, daß es sich hier nicht um die G e vvä h r u ng eines neuen Rechtes handelt, sondern um die Abschaffung eines gesetzlosen, ja gesetzw i d r i g e n , u n d W i c d e r h e r s t e 1 Ki n g e i n e s gesetzlichen Zustand es. Es gilt, den rumänischen Juden das Jus so Ii zurückzuerstatten, das ihnen jahrelang widerrechtlich vorenthalten wurde, das sie aber darum keineswegs eingebüßt haben. Dieses „Recht auf den Boden", welches in allen zivilisierten und halbzivilisierten Ländern gilt, bestimmt, daß jedermann, insofern er nicht als Bürger eines fremden Staates zur Welt gekommen ist, in dem Lande, in dem er geboren wurde, heimatberechtigt ist, und zwar ohne Rücksicht auf die Staatszugehörig'keit seiner Eltern. In bezugauf Einzelheiten bestehen Unterschiede in den Gesetzgebungen verschiedener Länder, aber das Prinzip ist überall anerkannt. Dieses Recht könnte einer bestimmten Kategorie von Menschen nur mittels eines ausdrücklichen Gesetzes abgesprochen werden. Ein solches Gesetz existiert aber in Rumänien nicht. Es wurde, zwar der Versuch gemacht, eines zu schaffen, aber wie wir gesehen, ist der Vorschlag von der Regierung a limine abigewiesen worden. Der gegenwärtige Zustand ist also gesetzwidrig"! Daran muß Unweigerlich festgehalten werden, — dies sei nochmals betont — weil, wenn ider gegenwärtige Zustand als zu Recht bestehend anerkannt wird, dann zu seiner Aenderung der Zusammentritt einer Konstituante gehört, und die Lösung der Frage sich ins Unendliche Innziehen kann. Ganz anders verhält sich's mit delm Ausm a ß von Rechten, die den Juden zu gewähren sind,' nachdem ihnen das natürliche Heimatrecht bestätigt worden ist. Die Ausnahmegesetze gegen sie fallen automatisch fort, denn diese waren sämtlich gegen die künstlich hergestellten „Aus- Länder ohne ausländischen Schutz" geschmiedet worden. Alle sog. bürgerliche n Rechte, wie Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, werden ihnen ebenfalls co ipso zufallen. Was dagegen die politischen Rechte anbetrifft (aktives und passives. Wahlrecht zu den autonomen Verwaltungs- und zu den gesetzgebenden Körperschaften, Zutritt zu den Staatsämtern usw.), so ist das schon eine rein innere Angelegenheit Rumäniens, in die sich kein ausländischer Faktor zu mengen hat, ebensowenig wie etwa in die Agrarreform, die für das Land von nicht geringerer Bedeutung ist, als die Judenfrage. Das1 müssen die rumänischen Juden mit der Nation, mit den Parteien und der Regierung ausmachen. Und je weniger sich das Ausland da hineinmengt, desto besser wird es für die Juden sein. Das wird alles von der Gestaltung der wirtschaftlichen und politischen Lage in den ersten Jahren nach dem Kriege abhängen. Den Juden wird es obliegen, ihre Pflicht dem schwergeprüften Lande gegenüber als treue iund nützliche Bürger zu erfüllen, zur Heilung seiner schweren Wunden nach Kräften beizutragen, an dem Gedeihen der heranwachsenden Generation zu arbeiten und im übrigen die Dingereifen zu lassen. Im jetzigen Moment aber erwächst d e n großen w e s t j ü d i s c h e n Organisationen eine bedeutsame Aufgabe ihren rumänischen Brüdern gegenüber. Sie sind verpflichtet zu ihnen zu sprechen: ,,Verlaßt euch nicht auf unsere Hilfe Wir vermögen nicht das geringste zu tun, um euch irgendwelche Rechte zu erkämpfen oder zu wahren. Wir würden euch täuschen, wollten wir euch vorspiegeln, daß; wir auf unsere diversen Regierungen irgendwelchen Einfluß haben. Unsere Regierungen lassen sich ausschließlich von den politischen und (wirtschaftlichen Interessen ihrer Länder leiten, für die ihnen kein Opfer zu gToß ist. Es wäre vergeblich und sogar frevelhaft, wenn wir ihnen zumuten würden, für euer Wohl Sorge zu tragen. Insofern von einem Einfluß die Rede sein kann, so haben umgekehrt, unsere Regierungen auf uns Einfluß., sie bedienen sich gern und mit Erfolg der von uns für rein jüdische Zwecke geschaffenen Organisationen, um ihre Ziele zu erreichen, aber das Gegenteil ist nie der Fall. Und euer eigenes Wohl erfordert es, daß wir uns in eure Streitigkeiten mit eurer Regierung und euren politischen Parteien nicht hineinmischen, denn so platonisch und rein theoretisch da;s ja immer geschieht, so gibt es doch nur euren heimischen Feinden neue Waffen wider euch in die Hand; es heißt gleich, che Juden konspirieren heimlich mit dem Ausland, rufen idie Intervention auswärtiger Mächte herbei, öffnen dem Feind die Tore des Vaterlandes. Wie habt ihr in den letzten zwei Jahren seit dem Eintritt Rumäniens in den Krieg zu leiden gehabt, lediglich, weil die ältere Generation unter euch Jüdisch spricht, das sich von der Ferne wie Deutsch anhört! Man verdächtigte euch als Verräter und Spione, die dem einrückende Feind heimlich Beihilfe zu leisten gesonnen seien. Man verjagte euch von einen Heimstätten, warf Tausende von euch wie überführte Verbrecher in die Kerker, Frauen, Kinde; und .Greise gingen massenhaft zugrunde. Hunderte wurden ermordet, niedergeknallt, gehenkt. Und das einzig, weil die ältere Generation unter euch ein Idiom spricht, welches ihre Vorfahren vor fünf- oder sechshundert Jahren redeten, ehe sie aus Deutschland ausgetrieben wurden. Wie wird dies erst werden, wenn wir heute oder in der nächsten Zukunft von hier aus für euch eintreten, öder auch nur versuchen würden, unsere. Regierung zu bewegen, auf euer Land zu euren Gunsten einen Druck auszuüben. Nein, wir sind ganz ohnmächtig, etwas für euch zu tun. . Verlaßt euch nicht auf uns . . .! Verlaßt euch aber auch nicht auf die westeuropäische Presse, die über euer Schicksal bittere Klagen führt und euch jeden Tag auf andere Weise von dem Uebel erlöst. Das sind alles rein abstrakte und literarische Ergüsse, ohne jede praktische Wirksamkeit. Ihr habt es ja in den letzten vierzig Jahren öfter erlebt; jedesmal, wenn Rumänien an die goldenen Pforten des Abendlandes pochte, erhob die Presse, die man bei uns gern — lucus a non lucendo — „Judenpresse" nennt, ein