Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
- Article
- Zum Gedächtnis Eduard Glasers
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 169 - 170 (sequence 3)
- Language
- German
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169 Zum Gedächtnis Eduard Glasers. 170 Abdallahs, der Prager. Biräka oder Braka (sprich »Braga«) ließ er eine Insel im Meere sein, von der er den Leuten allerlei Wunderbares zu erzählen wußte. Der Kadi el?Bräki oder Fekih Husein el? Bräki ist denn auch in der Tat sehr lange eine in ganz Südarabien wohlbekannte Persönlichkeit ge? wesen. Selbstverständlich mußte der Fekih auch verheiratet sein und Kinder haben. In Märib kann man nicht wie in Paris als Gar?on leben oder sich nur als solcher aus? geben. Der Fekih ließ also seine bessere Hälfte den wohlriechenden Namen Zafarän führen und nannte seine beiden Töchter Fätima und Zahrä, während sein einziges teures Söhnchen sich mit dem nicht un* gewöhnlichen Namen Mohamed begnügen mußte. (Ich habe dies etwas ausführlicher geschildert, weil auch Glasers Humor dabei hervor* tritt, der vielfach seine Schreib? weise ziert). Auf dieser Reise nach Märib mußte der deutsch? österreichische Gelehrte oft seine Beschlagenheit in mohammedani? sehen religiösen Gebräuchen er? härten. Einmal wäre er fast in Lebensgefahr gekommen, als er, um sich vor dem Mittagsgebet in einer kleinen Moschee, also in der Oeffentlichkeit, zu drücken, Müdigkeit vorgeschützt hatte und scheinbar eingeschlafen lag. Da hörte er, wie sich Reisegenossen und Einwohner in sehr ungünstiger Weise über seinen Schlummer zur Gebetszeit äußerten. Einer der? selben, der ihn genauer fixiert hatte und seine weiße Farbe, seinen nicht ganz kurz gescho? renen Schnurbart in seiner Weise auslegte, meinte: »O, meine Brüder, das ist aber das reinste Käfirge? sieht!« (Käfir Nichtmoslem). Für Glaser war es aber durchaus nicht gleichgültig, daß er, nachdem er schon als Türke beinahe erschlagen worden wäre, nun auch noch als Käfir (Christ oder Jude) skalpiert zu werden bedroht war. Er sprang deshalb auf, rieb sich die schein? bar verschlafenen Augen und rief seinem Diener mit lauter Stimme zu, ihm Wasser zu bringen und seinen Gebetsteppich auf die Ter? asse zu tragen, wo er das Mittagsgebet zu ver? richten wünschte. Ein Blick auf die Uhr ge? stattete ihm die ebenfalls laute Bemerkung, daß er beinahe das Mittagsgebet und auch das Asrgebet (Nachmittagsgebet) verschlafen hätte und daß er infolgedessen beide Gebete auf einmal verrichten würde. Nun sahen seine munkelnden Widersacher beschämt ein, daß sie dem Fekih ein gewaltiges Unrecht getan, zumal sie auch sahen, wie inbrünstig er seine Stirn zu Boden senkte und mit welcher Erbauung er das »Allahu akbar« rief Hatte man das Recht, die Verkleidung und die äußere Annahme des mohammedanischen Glau? bens auf diesen Reisen dem Gelehrten übel zu Grabdenkmal des nehmen? Gewiß nicht. * Denn sonst hat er sein Judentum niemals verleugnet, und wenn er auch nicht als gläubiger Jude lebte, so hat er doch so? wohl durch sein Auftreten der Judenheit wie durch seine wissenschaftlichen Arbeiten der Geschichts? Schreibung des Judentums wie der jüdischen Religion bedeutende Dienste geleistet. An dieser Stelle (»Ost und West«, Oktober? November 1905) lasen wir seine vortreffliche Ar? beit »Zum altbiblischen Gebot der Nächstenliebe«, worin er den Be? weis führt, daß das jüdische Sitten? gesetz »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« nicht auf die Ange? hörigen des eigenen Volkes be? schränkt ist. Glaser war als Jude ein Individualist. Als jüdischer Mann wirkte er durch seine Per? sönlichkeit und seinen aus Stolz, und Bescheidenheit gepaarten Cha? rakter, auch seine öfter in seinen Schriften bezeugte Gottgläubigkeit. Seine Wissenschaft hat für die Bibelkunde unendiiehe Fortschritte gebracht. Denn Sabäistik und Bibelkunde hängen engstens zu? sammen. Gerade seine »Reise nach Märib« beginnt mit der be? zaubernd schlichten und doch zu? gleich märchenhaften Schilderung der Nordlandreise der Königin von Saba zu Salomö, also mit der Erzählung 1 Könige Kap. X. Wich? tige Studien hat er u. ä. über das Goldland Ophir, über den Palast der Könige Bilkis, über Midiah, über Priesterkleidung, über die jemenischen Juden u. a. m. ver? öffentlicht, die ganz direkt mit der Bibelkunde oder dem jüdi? sehen Volkstum zusammenhängen. Wir haben in diesem Gedächt? nisaufsatz für den verstorbenen Ge? lehrten Eduard Glaser absichtlich alles Biographische weggelassen; denn dafür können wir die Leser dieser Zeitschrift auf die ganz vor? treffliche Schilderung von Glasers Leben undWirken, Art und Cha? rakter verweisen, die Regierungs? rat Siegfried Lichtenstädter in München, sein bester und ver? Dr. Eduard Glaser trautester Freund in den letzten 5 Jahren der 13?jährigen Mün? chener Periode, in dem, den Lesern dieser Zeitschrift nahestehenden »Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 1909« Seite 135—179 entworfen hat. Hier tritt uns der edle und treue, stolz bescheidene, herzensgute und für jedes einzelne Menschenleid warm mitfühlende Gelehrte lebensfrisch entgegen. Seine vielen großen Vorzüge und die wenigen, aus seiner Hyperemp? findlichkeit geflossener Fehler sind hier von Freim? deshand, aber doch nicht kritiklos, zu einem ab? geschlossenen Menschenbild vereinigt. Wenn wir, die wissenschaftliche Bedeutung Eduard Glasers zusammenfassen, müssen wir die in seinem Aufwachsen dafür gegebenen Voraus? Setzungen noch hervorheben. Von seinen ersten