Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
- Article
- Zum Gedächtnis Eduard Glasers
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 167 - 168 (sequence 2)
- Language
- German
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167 Zum Gedächtnis Eduard Glasers. 168 Glasers Maximen der Behandlung der Türken sollten von allen denen angenommen werden, die die westlichen Mächte bei unseren östlichen Ver* bündeten vertreten. In der »Reise nach Märib« sagt er u. a.: »Seit meiner ersten Reise in Temen, wo ich allerdings anfangs infolge des tollkühnen Benehmens eines Vorgängers Schwierigkeiten fand, konnte ich nur konstatieren, dass alle vier türkischen Statthalter in Jemen, mit denen ich zu tun hatte, sich meinen wissenschaftlichen Unternehmungen stets freundlich und förderlich erwiesen. Ich kann sagen, daß ich von ihnen wohlwollende Förderung er* langte; und das gereicht den genannten Herren sicher* lieh nicht zur Unehre. Ich glaube sogar, daß dieses die vier Generalgouverneure nur ehrende Verhalten auch die Türkei ehrt, der man mit Unrecht den Vorwurf macht, sie sei wissenschaftlichen Bestreu bungen abhold. Wer die Landesrechte und Ge* bräuche respektiert, wer die Türken als Menschen wie andere Menschen betrachtet und behandelt und in ihnen nicht eine wilde Horde erblickt, die man »zivilisieren«, zum mindesten aber hintergehen und betrügen muß, der wird stets auf ihre loyale Unter* Stützung rechnen können. Von dem, europäischen Ministern, Statthaltern und Beamten eigentümlichen Selbstbewußtsein und der damit zusammenhängenden Unnahbarkeit wird er bei türkischen Beamten vom höchstenbis zum niedrigsten keine Spur entdecken.« —. Wie verständnisvoll seine Ratschläge für die Tür* kei selbst waren, zeigt eine andere Stelle im gleichen Werke: »Die Hebung Märibs fällt gegenwärtig naturgemäß den Türken zu. Ich habe nichts unter* lassen, um den maßgebenden Persönlichkeiten in Sana und in Konstantin opel die Vorteile vor Augen zu führen, welche der Wiederaufbau des in uralter Zeit, etwa 1000—700 vor Christus, begonnenen und im 5. Jahrhundert nach Christus erstmalig gebrochenen Dammes von Märib, mit sich bringen würde. (Dieser Dammbruch war so berühmt, daß Mohammed in der 34. Sura des Korans dieses Bauwerkes aus* drücklich gedenkt, um an demselben die Schrecken des Strafgerichtes Gottes zu demonstrieren.) Hier mag und kann die Türkei zeigen, daß der Vorwurf, sie sauge die Länder nur aus, unbegründet ist. In Märib kann sie der ganzen mohammedanischen Welt, in Sonderheit aber der ihr abholden arabischen Halbinsel, beweisen, daß ihr das Gedeihen der von Mohammedanern bewohnten Länder am Herzen liegt, und niemand besser als das türkische Element weiß es, daß es über kurz oder lang der Zuneigung der Einwohner gerade der arabischen Halbinsel, speziell aber der fruchtbaren Provinzen ganz Süd* arabiens, nicht wird entraten können. Sieht die Türkei dies nicht rechtzeitig ein — die Kosten des Dammbaues sind ein Pappenstiel —-, dann mag sie bedenken, daß England mit ihr in Süd* arabien rivalisiert und sie gerade infolge ihrer Tatenlosigkeit mit Leichtigkeit aus dem Felde schlagen wird. Ich wünsche im Interesse der Zivilisation von ganzem Herzen, daß die Türkei die ihr zufallende Aufgabe erkenne; denn nur die Türkei vermag eine gewisse Gesittung unter die ihr religionsverwandten Araber zu bringen. Ich Würde es daher bedauern, wenn England die Ober* hand gewänne; denn England hat während seines fast 50*jährigen Besitzes von Aden.nicht bewiesen, daß ihm das Wohl des Landes oder nur das der Araber am Herzen liege. Durch ein Kopieren der anglo* indischen Politik hat es selbst in unmittel* barer Nähe von Aden Zustände geschaffen, die man fast mit Zentralafrika vergleichen kann. Das indische System, den Häuptlingen und Fürsten eine fast völlige Selbständigkeit einzuräumen und sie obendrein zu bezahlen, kann in Arabien nur die Verwilderung steigern.« Ist es nicht merkwürdig, daß an der Erforschung Südarabiens, des unzugänglichsten aller historischen Länder, neben Glaser noch zwei weitere Juden her* vorragenden Anteil nahmen? Wenn wir von dem jüdischen Antiquar Schapira aus Jerusalem, der im Jahre 1879, und von Hermann Borchardt aus Berlin, der im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrh. (ermordet 1910) Südarabien bereist hat, gänzlich absehen, so wäre noch der Oesterreicher Siegfried Langer zu nennen, der neue Inschriften entdeckte, aber nach kurzem Eindringen von Aden aus auf dem Wege nach Hadramaut etwa 90 Kilometer nördlich von Aden am Wadi Bana von räuberischen Beduinen ermordet worden ist. Der bedeutendste Vorgänger Glasers überhaupt aber ist Joseph Halevy, von dem ebenfalls eine neue Aera für die südarabische For* schung heraufgeführt wurde. Auf einer denkwür* digen Reise, die er von Paris aus am Ende des Jahres 1869 ins Werk setzte, war es ihm gelungen, fast 700 zum Teil umfangreiche arabische Texte zu kopieren. Er reiste als armer Jerusalemer Jude ver* kleidet, weil er allein dadurch erhoffen durfte, ohne allzugroße Gefahr für sein Leben seine Absichten zu verwirklichen. Und in der Tat hatte er auch staunenswerte Erfolge erzielt. Er ist bis heute der einzige Europäer geblieben, dem es gelungen ist, nördlich bis Negran und dem oberen Djof, dem Gebiet des alten Minäerreichs, vorzudringen. Mit dieser relativen Sicherheit, die Halevy dadurch ge* wann, daß er als armer Jude seine Reise unternahm, waren aber große Demütigungen verbunden und auch die Unmöglichkeit z.B. in Märib, wo seit ge* raumer Zeit kein Jude geduldet war, Wissenschaft* lieh etwas zu erreichen. Das Schlimmste, was für den in Südarabien reisenden Juden zu erwarten war und was auch heute noch passieren würde, war eine gehörige Tracht Prügel. Zu weitergehenden Gewalttätigkeiten gegen Juden schreitet man in jenen Gegenden nur äußerst selten. Daß aber Halevy am Arbeiten verhindert wurde, versteht sich von selbst. Halevy, der in Begleitung eines echten jemenischen Juden aus Sana reiste, wurde samt seinem Begleiter nach wenigen Stunden aus Märib verjagt und als man ihn in Sirwah beim Kopieren einer Inschrift ertappte, hatte er sehr pein* liehe Erfahrungen zu machen. Glaser aber, der dennoch Halevys Reise eine der denkwürdigsten und erfolgreichsten Touren, die jemals in Arabien ausgeführt wurde, nennt, machte seine gefährliche Reise nach Märib in der Verkleidung eines moham* medanischen Gelehrten und lud dadurch nur um so größere Gefahren in diesem Lande auf sich, das an empörender Wildheit von keinem anderen Di* strikte des gesamten Erdballs übertroffen wird. Was eine derartige Verkleidung in dem fanatischsten aller mohammedanischen Länder bedeutete, zeigt die »Reise nach Märib«. Als Araber konnte er sich natürlich gleich von vornherein nicht ausgeben; denn sein Typus, seine weiße Hautfarbe und trotz seiner Fertigkeit im Arabischen, auch seine Sprache würden ihn sofort verraten haben. Er begnügte sich mit dem Namen eines Fekih Husein ben Ab* dallah el*Biräki d. h. Pater (Doktor) Husein,. Sohn