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Ost und West · 1918-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1918) · p. Seite 161 - 162

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
Article
Sein oder Nichtsein?
Date
1918-05-01
Page
Seite 161 - 162 (sequence 12)
Language
German
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161 Sein oder Nichtsein? 162 tet gewesen, sich bei Drumont zu. erkundigen, warum .: dieser „zersetzende jüdische Geist" nicht auch die Franzosen in der. ganzen Welt verhaßt gemacht habe. Dabei ist diese ganze These vom „zersetzenden jüdischen Geist" von Drumont aus der Rüstkammer des deutschen Antisemitismus ins Französische übertragen und auf mehr als 1000 enggedruckten Seiten breitgetreteii worden. In Deutschland vertrat diese~ These besonders Treitschke mit großer, feierlicher Beredsamkeit, aber auch er hatte sie nicht erdacht, sondern aus dem Arsenal der Waffen herübergenommen, die seinerzeit gegen Heine und Börne geschwungen wurden. Aber damals war das ein zersetzender französischjüdischer Geist gewesen: Die Juden Heine, Börne und ihre kleineren Genossen hatten den frivolen, spottsichtigen, zersetzenden französischen Geist aus Paris nach der Heimat gebracht und die deutsche Volksseele damit vergiftet. Auf der Wanderung nach Frankreich ist das Französische von diesem „zersetzenden peist" abgefallen und nun kehrt er Ivon dort nach seinem Ursprungsland als1 spezifisch „jüdischer" Geist zurück. Diese Lehre von der zersetzenden Kraft, die dem jüdischen Geist angeblich innewohnt, ist äo oft und mit so viel Bitterkeit und Nachdruck wiederholt worden, daß! die Juden selber schon daran glauben, und1 unter der jüngeren Generation jüdischer Literaten gibt es eine ganze Anzahl, die, davon angesteckt, sich als dämonisch, als Besitzer einer furchtbar zerstörenden Kraft fühlen, und diese kostbare Gabe in " ohnmächtigen, verzweifelten Uebertreibungen „literarisch zu verwerten" bemüht sind. Sie haben nicht ein Fünkchen jüdischen Empfindens, wahrhaft jüdischen Geistes in sich, aber an dem „Zersetzenden" sollt ihr sie erkennen, und nur zu oft richten sie esi gegen das Judentum. ANALYSE DES Es ist schwer, mittels einer geschichtlichen Analyse festzustellen, was eigentlich unter diesem „Zersetzenden" des jüdischen Geistes zu verstehen ist. Meist jammern darüber die, welche von der Ironie und dem Spott eines jüdischen Schriftstellers getroffen werden und nicht dagegen aufkommen können. Ironie und Spott waren in der: Tat eine furchtbare Waffe in den Händen besonders Heines und Börnes. Ist das eine inhärente Eigenschaft des jüdischen Geistes? In der Bibel findet man kaum leise Spuren der Ironie beim Propheten Eliäh und bei Jesajas. In der aggadischen Literatur findet sich viel Humor aber fast gar keine Satire und die Ironie tritt äußerst selten auf. Der Talmud lehrt , ausdrücklich: jede Art von Spott ist verboten, nur der Spottgegen den Götzendienst' ist erlaubt. Noch heute hat das hebräische Wort „Lez"' (Spötter) - im jüdischen Volksmünd, wie in den Psalmen, die- Nebenbedeutung von etwas Frevelhaftem. Sokrate's war es, der die Ironie großen Stils in die Polemik einführte, und der Vater aller Spötter Aristophane's' war, man möchte fast sägen : leider> auch kein Jude. In Ider ganzen polemischen Literatur des'jüdischen Hellenismus findet sich *•■ keine nennenswerte Satire. Auch in der mittelalterlichen hebräischen Literatur "tritt" wohl die Humoreske auf, aber wir finden kaum Anläufe zur Satire. Erst im .19. Jahrhundert entwickelt sich die jüdische Spottlust und Ironie zu einer literarischen /Macht; Ironie und' Spottv sind die Waffen des physisch- und numerisch- Schwachen) mit denen , er die brutale Gewalt wehrlos macht, indem' er sie der Lächerlichkeit preisgibt. ' Die brutale" Gewalt rächt sich und schimpft ihn „zersetzend", damit glaubt sie seine überlegene Kritik gebrandmarkt und unschädlich gemacht zu haben. Nun soll der „zersetzende" jüdische Geist, nach Seheler, für den Deutsehenhaßi mit verantwortlich gemacht werden. Die alldeutsch-antisemitische Presse hat mit besonderem Nachdruck und Behagen diese Versicherung Schelers betont. Nur ist folgendes1 unbegreiflich: Die Engländer haben eine große Anzahl deutscher Bücher ins Englische übersetzen lassen und in Millionen' Exemplaren (über Amerika und Australien verbreitet, um der Welt zu beweisen, wie hassenswert;der deutsche Geist in allen . seinen Erscheinungsformen, sei. Warum haben sie dazu gerade 'die Bücher von Treitschke, Bernhardi, Chamberlain und von einer Anzahl alldeutscher Schriftsteller gewählt, und nicht lieber die Schriften von Heine und Börne, in denen sich angeblich der „zersetzende jüdische Geist" am stärksten offenbart? Umgekehrt, E d u a r d B e r n - stein, der England aus langjährigem Aufenthalt ungleich besser kennt, als Seheler, versichert uns: „Heine hat dem Ausland nicfit nur Verständnis für das Wesen der Deutschen im- ..allgemeinen vermittelt, er hat ihm auch die. Großtaten-, der deutschen Philosophie in meisterhafter Weise verständlich gemacht." Und. er zitiert das Wort eines hervorragenden deutschfreundlichen Engländers: „Wem verdanken wir die-stille Vorliebe, zu der die meisten vonuns, sich. für. das vorbismarcksche Deutschland bekennen würden? Es ist angebracht, von Kant, Goethe und Beethoven zu reden. Aber wir haben den Verdacht, daß. es tatsächlich ■ die Spöttereien und. Scherze, die Empfindungsweise und das Heimweh, des .Exulanten Heine sind, nach denen die meisten von uns sich

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