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Ost und West · 1918-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1918) · p. Seite 163 - 164

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
Article
Sein oder Nichtsein?
Date
1918-05-01
Page
Seite 163 - 164 (sequence 13)
Language
German
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163 Sein oder Nichtsein? i64 ihr geistiges Bild: vom romantischen Deutschland zurechtgemacht haben. Per erste Jude in :der europäischen Literatur, der es wagte, er selbst zu sein, entdeckte er die Idee Deutschlands, wo andere nur versucht hatten, Deutsche zu sein." Der Ausländer fühlt offenbar aus Heines Ironie nur die tiefe, schmerzliche, sehnsüchtige Liebe zu Deutschland heraus, „zersetzend" fanden diese Ironie nur diejenigen, die sich von ihr getroffen fühlten. Und derselbe Verhaeren, den ScheleT als Kronzeuge anruft, erhebt gegen die „preußischen Erzieher" des deutschen Volkes den Vorwurf, sie hätten diesem „nicht den Geist Heines! oder Schillers", sondern den Ostwalds und Berhardis eingeflößt. Es ist übrigens tief zu bedauern, daß Verhaeren sich nicht mehr überzeugen kann, wie der von ihm als Vorkämpferin der deutschen Uebermacht verlästerten „Judenpresse" jetzt der Vorwurf gemacht wird, - sie befürworte einen schwächlichen Verzichtfrieden, lähme den Siegeswillen des deutschen Volkes und wolle es um die Früchte seiner herrlichen Waffentaten bringen! Auch mit dem anderen Kronzeugen, Andre' Suares, der beweisen soll, daßl der „zersetzende jüdische Geist" in Deutschland mitgewirkt hat, den Deutschenhaß^ zu erzeugen, ist Scheler' das Mißgeschick widerfahren, daß er nichts von dem sagt, was- Scheler ihm in den Mund legt. Suares hat eine Reihe von Schriften unter dem Gesa'mttitel „Commentäires sur la guerre des Boches" veröffentlicht, deren Deutschenhaß' schon an förmlichen- Wahnsinn grenzt, unid jede Spur von Zurechnungsfähigkeit vermissen läßt. Es ist überhaupt sehr seltsam, daß) ein besonnener? Schriftsteller sich auf einen solchen Zeugen beruft. Das Kapitel „C'est la guerre!" ist wohl nur als Ausdruck eines perversen Sadismus zu verstehen. In einer der maßvollsten und ruhigsten Stellen des Abschnittes „Nous et eux" sagt er z. B.: „Wer nicht ihren guten Vater Harnack, den Theologen; und ihren; würdigen" •Professor Ostwald, den Chemiker; " '•g-e'senert-* hat, wie sie auf den Ruinen von Löwen' "aus einem' '"Faß! Chämpagner '•' tranken, mitten unter dem "Stöhnen verstümmelter Kinder, der'weiß nicht; wie weit das Behagen eines guten Gewissens. gehen'-kann. — Noch einen Trunk, würdiger Harnack? — Noch einen, würdiger Professor!' Gott mit uns!.' Ach, wie gut!" Es1" fehlt nur" noch' die Versicherung, daßi der gute Vater Härnack und der würdige Professor Ostwald das( Blut der verstümmelten belgischen Kinder in ihren Champagner gemischt haben. Das' ist fürwahr ein . starkes Stück, einen solchen Schriftsteller1 vor .die Schranken zu führen, damit er" Zeugens'chäft ' ablege' für die „zersetzenden" Qualitäten des jüdischen Geistes, auch wenn er etwas Derartiges gesagt hätte. Er sagt aber nichts Derartiges: „Zwischen den Pharisäern und den Deutschen scheint ein wunderbares Einvernehmen zu herrschen; sie sind wie geschaffen, sich gegenseitig zu verstehen. Es hat schon seinen Grund, daß das Volk von Frankreich ein wenig den Juden und den Deutschen verwechselt. Der Gedanke von Marx, <der der Sohn leines Deutschen und einer Jüdin war*), verleiht dem germanischen Hochmut seine ganze Giftigkeit. Die sozialistische Welt muß eine deutsche Welt sein. Dieser glückliche und unbeugsame Ameisenhaufe, was gälte er, wenn der Himmel nicht wollte, daß er deutsch wäre? Der sozialistische Glaube ist eine jüdische Idee, durch die Deutschen in Tätigkeit gesetzt. Die Juden haben allgemeine Ideen, aber diese zerbröckeln in den Staub von Sonderinteressen. Die Deutschen erst bringen hinein, das, was! fehlt: die Macht und das unfehlbare Organ des Staates. — Die Deutschen sind sehr ungerecht gegen ihre Juden. Infolge der Manie ihres feudalen Hochmutes weigern sie sich anzuerkennen, was* sie der biblischen Rasse schulden, die unter ihren Händen auf das Vorrecht der Auserwähltheit .verzichtet, so wenig gerecht, daß . sie Heinrich Heine das Genie in ihrer Sprache abstreiten. Das1-geschieht zweifellos, weil er Geist hatte; .an diesem Merkmal allein erkennt man schon,, daß] ein Mann unwürdig ist, ein Deutscher, zu sein." Von dem grimmigen Haß, , mit dem von diesen beiden Schriftstellern die Deutschen bedacht.werden, bekommen , die Juden im . allgemeinen .-und die deutschen Juden im besonderen eine tüchtige Portion ab. Es ist aber mit der. größten Mühe nicht herauszufinden, daß der „zersetzende jüdische Geist" (den keiner von beiden auch nur mit einem Worte erwähnt) als. Erreger des Deutschenhasses von ihnen empfunden wäre. . Durch die Empfehlung eines so .hervorrageri'- den Denkers und einflußreichen Schriftstellers, wie Max - Scheler, dürfte.': sich - wohl mancher. Leser angeregt fühlen,- besonders^ nachdem .Buche..von Verhaeren zu greifen; Dann möge .er ab er.-auch nicht verfehlen, die Kapitel„Les crimes" "und „L'Allemagne incivilisable" zu lesen, um zu ^ersehen,' welcher Verirrungen - ein edler- Geist, - wie Verhaeren unzweifelhaft war, fähig, und wie. festv begründet seine Meinungen sind, auf die-Scheler sich berufen zu dürfen glaubt. Natürlich hat Scheler auch ein Heilmittel erdacht, um Deutschland von dem zersetzenden jüdischen Geist zu kurieren, der soviel Deutschenhaß' in der Welt erzeugt hat. Aber das gehört schon auf ein änderest Blatt. *) In Wirklichkeit - waren beide Eltern Karl Marxensjüdisch, seine Frau Jenny Gräfin von Westphalen war Christin.

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