Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 159 - 160 (sequence 11)
- Language
- German
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159 Sein oder Nichtsein? 160 Marionen abgewandt und es der nutzhaften, modernen Tätigkeit zugeführt. Er war ein schrecklicher, . aber wirksamer Erzieher. . . Bald bedeckte sich Deutschland von einem Ende zum anderen mit Arbeitsstätten. ^Es wurde die Nation, (deren Gegenwart auf hundert verschiedenen Märkten,'in Asien, Afrika, Ozeanien, Amerika, begehrt wurde. Die Börsen von Sidney, New York, Singapore und Bombay widerhalltenvom Klange deutschen Goldes, Der'Makler von Frankfurt wurde der Agent der teutonischen Macht, der Berliner Handlungsreisende der Vertreter oder der Spion der germanischen Politik. . . Und während dieser Periode unvergleichlichen, materiellen Aufschwunges1 erhoben sich an den deutschen Universitäten gefährliche Theoretiker, die den Geist, welcher fortab die Welt regieren sollte, gleichsam in eine neue Erklärung der Menschenrechte zusammenfaßten. Das war fortab der Moralkodex, den die jungen Teutonen schon auf der Schulbank sich aneignen, Gobineau, Ostwald, Bernhärdi, Treitschke, Lasson haben ihn redigiert. Die Gewalt tritt hier auf, als Gebärmutter des Rechtes. . . . „So durchdringt der jüdische Geist — ich sage das nicht, um ihn zu beleidigen, sondern nur, um seinen sieghaften Einfluß: zu konstatieren — das ganze bürgerliche und aristokratische Leben in den Ländern vom- Rhein bis1 zur Oder, Von der Elbe bis zur iDonau. Besonders innig vermählt er sich mit dem preußischen Geist. Tausend Verwandtschaftlichkeiten verbinden die Tendenzen beider." Mit Ausnahme der Organe des katholischen Zentrums befinden sich alle großien Tageblätter von .Wien, Frankfurt und Berlin in semitischen Händen. Die Semiten haben sie hochgebracht, dank ihrem erfinderischen Geiste, ihrer Intelligenz, ihrer: Willenskraft und ihrem Gelde. Die derart redigierten Zeitungen sind prompt, gut unterrich: tetj mutig, vollständig. Die Kunst findet hier eine Gaststätte,-als' eine werbende und'vielbegehrte Macht, sie wird hier geehrt, vielleicht auch geliebt. ..Daßi diese Presse heute (im Kriege) zänkisch, parteiisch, heuchlerisch, größenwahnsinnig geworden ist, steht fest. Sie unterliegt eben dem Einfluß . der Zeit und, des Milieus: vor dem Kriege war es umgekehrt. Diese Presse war es, die Tag für Tag daran arbeitete, das alte Deutschland umzubilden. Sie kämpfte für die Idee der Einigung Deutschlands, sie eroberte endlich die Zustimmung Bayerns, Sachsens, Württembergs. Einem idealistischen undträumerischen Volke pflanzte sie praktische und realistische Begriffe ein. Sie lenkte es auf den Weg der Eroberung und der Beute. Sie flößte ihm . die unermüdliche Wachsamkeit ein, die unbegrenzte Liebezum Gewinn, die wohlüberlegte Kühnheit, die unverwüstliche Geduld und -unbeugsame Ausdauer. „Deutschland wurde ein enormes Geschäftsland. Die alten Nationen, England und Frankreich sahen sich überholt in diesem allgemeinen Wettkampf. . . Der Weltberuf Deutschlands wuchs immer mehr, die mächtigste Schiffahrtsgesellschaft mit dem Juden Ballin an der Spitze säte bald ihre Fahrzeuge von einem Ende der Welt bis zum andern hin... England fühlte sich in seiner sekulären Vorherrschaft bedroht. Es konnte nicht an die brutale Wirklichkeit -glauben, welche ihm die wunderbaren deutschen Steamers vor Augen führten, die den Ozean flinker und gefahrloser durchmaßen, , als die seinigen ... Doch genug. Man sieht, es ist hier sehr viel vom „jüdischen Geist" die Rede, aber nicht ein Wort wird gesagt von seiner „zersetzenden" Eigenschaft. Bald ist der jüdische Geist, bald ist Bismarck der Erzieher der Deutschen zur Organisation und zum nutzhaften, praktischen Handeln, bald haben die Juden, bald die Preußen die deutsche Volksseele von den edlen Spekulationen zu der gemeinen und nichtswürdigen Arbeit hingelenkt, die darin besteht, Schiffe und Maschinen zu bauen, und sie in der ganzen Welt zu -verkaufen. Das Angebot an Belgien beweist, daß die deutsche Diplomatie sich den jüdischen Ge-, schäftsgeist angeeignet habe; daß. Bethmann ein Jude war, haben ja die alldeutschen und konservativen Organe längst - bewiesen, es bleibt nur. noch zu entdecken, daß". Bismarck semitischer Abkunft gewesen ist, dann sind alle Rätsel. gelöst. Indessen ivon' dem Zersetzenden des jüdischen Geistes ist in alledem nichts zu merken... Es ist auch amüsant, sich zu erinnern, daßi die „Judenpresse" immer als die Vorkämpferin eines Verzichtfriedens gescholten wird, als heimliche. Feindin der Einheit und Größe Deutschlands, die kein Verständnis für die Herrlichkeit des deutschen Volkes habe. Wenn S.cheler uns versichert, der zersetzende jüdische Geist, der im. deutschen . Geistesleben vorwalte, habe dieses in der Welt verhaßt gemacht, so verwechselt er Ver*" haeren mit einem anderen viel älteren Schriftf. steller, nämlich mit Edouard Drumont, der in. seinem Buch „La France juive" vor mehr als dreißig Jahren ganz Frankreich als vom jüdischen Geist zersetzt und zerfressen hinstellte. Die Handvoll Juden in Frankreich hatte sich des ganzen Landes bemächtigt, aller Schichten des Volkes., aller seiner Reichtümer und Gewalten, des ganzen riesigen Kolonialreichs, des ganzen geistigen Lebens, der Politik, der .'Kunst, der Wissenschaft, des Handels, der Finanzen, der Industrie, und. alles hatten sie mit ihrem' „zersetzenden Geiste'*' durchtränkt. Scheler wäre eigentlich verpflich-