Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 155 - 156 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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155 Sein oder Nichtsein? 156 übermäßig-, weil er sie überflügeln, verdrängen, den Weltmarkt, den Erdball beherrschen, in seine kommerzielle Gewalt bringen wolle. Und nun weist Scheler in einer feinen psychologischen Erörterung nach, wie sich beim Deutschen zuerst der seelische Prozeß vollzog', daß „die Freuden- und Glücksquellen" (deren der Mensch nie und nimmer entbehren kann) „in immer höherem Maße von ihrer anfänglichen Lage außer und neben der Arbeit in den Arbeitsakt und Arbeitsprozeß! selbst] hineinrücken". „Eine Reihe historischer Tatsachen," lehrt er, „haben uns durch eine Art fortgesetzter Aszesis des arbeitenden Willens in einem Maße dazu disponiert, in der Arbeitsbetätigung selbst unsere wesentlichen Freudequellen zu suchen, wie wir dies bei keinem anderen Volke der Welt finden"'. Der Deutsche arbeite nicht, um sich für den Ertrag seiner Arbeit erhöhte und vermehrte Genüsse zu verschaffen, sondern „mit jenem Ethos unendlicher Hingabe an diel Pflicht, nicht nur ohne Blinzeln nach Glück, sondern mit fast gesuchter heroischer Glücksverachtung". Die anderen Völker standen dabei und sahen dem arbeitenden Deutschen zu und sagten . sich: „Wie sollen wir bestehen in der Welt, wenn dieser Mensch uns und der Welt durch diese unumgängliche Konkurrenz diese Lebensmasse unwillkürlich aufdrängt? Wie sollen wir bestehen vor diesen neuen Massen? Uns ändern, es ihm gleichzutun suchen? Dreimal nein! Wir können nicht diesem neuen Soll gehorchen! Aber wir wollen und sollen es auch nicht!" Begreift man nun, warum „wir soviel Haßi erwecken", und warum wir „so wenig Liebe und Anhang in der Welt gefunden haben"? Scheler ist nun weit davon entfernt, dieses rasende Arbeitstempo und diese Arbeitsmethoden . gutzuheißen, im Gegenteil, er tadelt sie und mahnt zur Mäßigung, aus verschiedenen sehr beachtenswerten, sittlichen und kulturpolitischen Gründen. Gegen die Juden aber erhebt er die Anklage, daß sie „den Geist kapitalistischer Ueberbetriebsamkeit", der norddeutschen Ursprunges sei, „nur noch befeuert haben", durch ihre „Zusammendrängung im mittleren und höheren Kaufmannsberuf". Es ist nun sehr lehrreich, sich hier zu erinnern, daß wir seit Kriegsausbruch unaufhörlich lesen, Deutschland sei vor dem 'Kriege in einem Schlamm der Genußsucht versunken gewesen, alle Großstädte und Zentren des Handels und der Industrie seien ein einziger Pfuhl der Sünde und des maß,- losen Schlemmens, und daß) die Juden die Führer und Verführer des deutschen Volkes auf diesen Pfaden des Lasters gewesen, der böse Geist, der die germanische Volksseele mit seiner semitischen Sinnlichkeit und unersättlichen Gier nach fleischlichen Genüssen angesteckt, erst das- Erwachen der deutschen Volksseele im Kriege habe die Herrschaft dieses unreinen Judengeistes abge-. schüttelt... ZERSETZENDER, ODER AUFBAUENDER JUEDISCHER GEIST? Viel schärfer klingen Schelers Klagen über das Eindringen der Juden in die Reihen der „Presse, des politischen Führertums"; denn hier bringen sie überall „Zersetzung" hinein, „Eine der merkwürdigsten Haßthesen unserer Feinde — breit sind sie von Suarez und Verhaeren entwickelt worden — ist die Behauptung, daß das moderne Deutschland in seiner Erscheinung " ganz wesentlich bestimmt war, durch den preußischen- Unteroffizier und einen hyperkritischen, überall Zersetzung suchenden und bewirkenden jüdischen Geist"! Einen Suarez, der über 'diese Dinge geschrieben hätte, gibt es nicht, gemeint ist offenbar Andre" Suares, von dem weiter unten die Rede sein wird. Zuerst wollen; wir uns die Haßthese Verhaerens ansehen. Hier1 scheint Scheler ein arger Gedächtnisfehler unterlaufen zu sein. Bei Verhaeren ist nämlich nicht mit einem Worte von dem zersetzenden, sondern von dem aufbauenden, zusammenfassenden jüdischen Geist die Rede, In seinem Buch „La Belgique sanglante", vollendet am 15. April 1915, finden sich zwei Kapitel „L'Organisation - Allemande" und „L'Allemagne asiatique", die den Gegenstand betreffen. Der große Lyriker. War ein sehr schwacher Historiker, Deutsch konnte er nur sehr wenig, von deutschem Geistesleben hatte er nur eine blasse Vorstellung. Er weist nach,- daß der ganze „Geist-der Organisation"; auf den Deutschland so stolz ist, durch die Preußen; eatlehnt wurde,. der — katholischen' Kirche, die!ihn im Mittelalter über ganz Europa verbreitet hatte. Nur regierte damals die .Priesterkaste, während ' heutzutage die Militärkaste regiert.- In beiden , Fällen zählt der Einzelmensc'h nicht. Jede ' Initiative von unten ist verdächtig. „L'orgänisme dtouffait le cerveau." Die der katholischen Kirche entlehnte germanische Organisation bildet ein monstruöses Instrument, welches bewirkt, daß die Rasse bis zu einem Grade diszipliniert ist, daß sie wie die Haustiere erscheint. „II n'y a plus ni fierte, ni respect de soi-meme/' Wenn die vom Chemieprofessor Ostwald (den Verhaeren mit einem besondern Haßbedenkt) so gepriesene Organisation sich über die Welt ausbreiten würdet das deutsche Dogma würde, -wie ehemals das ka--