Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 153 - 154 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584078-2584081-2606347--17030-2606390- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
153 Sein oder Nichtsein? 154 von den meisten tschechischen Führern und Deutschenhassern, aber auch unter den Allpolen finden sich sehr zahlreiche Persönlichkeiten, deren Väter nur Deutsch sprachen und kein Wort Polnisch verstanden. Eine merkwürdige Illustration für die Rassentheorie und den Nationalismus, wie er gerade von Chamberlain mit rückhaltlosem Fanatismus gepredigt wurde. MISSVERSTAENDNISSE ZWISCHEN DEN VOELKERN. . Es ist unmöglich, im Rahmen eines Aufsatzes die Fülle der 'von Scheler gebotenen anregenden Ideen auch nur annähernd zu erschöpfen; es sei nur auf das geistvolle Kapitel über 'die mißverständliche Auffassung des preußischen Militarismus hingewiesen. Scheler prägt das bezeichnende Wort „Gesinnungsmilitarismus" und weist nach, daß' es auf einem Mißverständnis beruht, wenn das Ausland sich einbildete, das mächtige Landheer und die Flotte habe Deutschland sich geschaffen, „um die Welt zu erobern und zu unterjochen"1, dies Mißverständnis im Verein mit dem „törichten Machtgerede und dem grotesken, unchristlichen Kraftgeprotze der alldeutschen Literatur und Presse" habe nicht wenig dazu beigetragen, „vor dem Kriege unser deir Welt zugekehrtes Antlitz hassenswürdig zu machen". „Das, 'was das! Ausland unseren .Militarismus nennt," ist „allem voran der freie Ausdruck, die natürliche Lebensform des spontanen Ethos' und Grundwillens unseres Volkes". Das Heer ist in Deutschland nicht ein Mittel zu äußeren Zwecken, nicht ein Werkzeug der Eroberung und Machtausdehnung, sondern ist, wie ein reines Kunstwerk:, sich selbst der Zweck. „Erst sekundär tritt bei uns das Heer in den Dienst politischer und sonstiger Zwecke, zuerst und zunächst stellt es nur die sichtbar gewordene Form eines bestimmten Wertungs- und Lebenswillens dar." „In :den Briefen Friedrich 'des Größten, in denen er Freunden oder Verwandten seine so oft wiederkehrende Bedrängnis schildert, findet sich als letztes, maßgebendes Wertmotiv' für sein und seines Heeres Durchhalten immer nur ein und dasselbe: die Ehre, seine Ehre als König1, die Ehre seines Staates und seiner Armee, niemals' etwas wie Gewinnsucht, Habsucht, Eroberungsgier." Es war also nur die Folge eines fatalen, , Irrtums, wenn,das Ausland meinte, die steigenden deutschen Rüstungen der letzten zwanzig Jahre wären dazu bestimmt, als Werkzeug zur Unterjochung fremder Völker und Begründung einer Vorherrschaft in der Welt verwendet zu werden, während sie in Wirklichkeit nur zur Befriedigung eines inneren Dranges, eines künstlerischen Bedürfnisses' rdi enten. Noch interessanter ist der Nachweis eines anderen Mißverständnisses, das die deutsche Arbeit betrifft, und in dem fesselnden Kapitel „Die Vertreibung aus dem Paradies" mit "reicher Sachkenntnis und großem Scharfsinn dargelegt wird. Als ein paar Jahre vor dem Kriege einer unserer römischen Botschafter einen klug'en Franzosen fragte, warum die Deutschen so allseitig1 gehaßt1 würden, antwortete er, das könne man in drei Worten sagen: Iis travaillent trop. Diese Arbeit, deren Ergebnisse bald die aller anderen zu. überflügeln drohte, vertrieb mit ihrer Konkurrenz die anderen aus ihrem bisherigen paradiesischen Schlaraffenlande, zwang sie zu großen Anstrengungen, zu möglichst intensiver Anspannung aller Kräfte, zwang sie, auf viele genußreiche Mußestunden zu verzichten, nur um dem' neuen Konkurrenten nachzukommen, aber das gelang nur selten. Nun konnte das Ausland -dieser Arbeitswut kein anderes1 Motiv unterschieben, als1 ebenfalls den Willen ,die anderen zu verdrängen und 'die Welt allein zu beherrschen. Der Haß'i gegen den unbequemen Mitbewerber wuchs, je mehr die änderten von ihm aus dem Felde geschlagen zu werden Gefahr liefen. Allein auch dies war nur ein verhängnisvolles Mißverständnis, denn die deutsche Arbeitswut entsprang ganz anderen seelischen Motiven. Sehr anschaulich Schildert der Verfasser das Bild des Deutschen bei der Arbeit. Er trug das Gepräge1 eines schlichten Arbeitsmannes mit guten, derben Fäusten, das war ein Mann, der nach innerem Zeugnis seiner eigenen Gesinnung nicht um zu übertreffen oder um irgendeines Ruhmes willen, nicht auch, um neben oder nach der Arbeit zu genießen, sondern ganz mitversunken in seine. Sache still und langsam, aber mit einer, von außen gesehen, furcht-, ja schrecken erregenden Stetigkeit, Genauigkeit und Pünktlichkeit in sich selbst und in seiner Sache wie verloren arbeitete, arbeitete und nochmals arbeitete, — und was die Welt am wenigsten begreifen konnte, aus purer Freude an grenzenloser Arbeit ,an sich ohne Ziel, ohne Zweck, ohne Ende". Es war dies sozusagen eine Askese der Arbeit; gemäßi dem vielzitierteri Ausspruch von Fichte und Richard Wagner, wonach deutsch sein heiße, eine Sache um ihrer selbst willen tun, — der Talmud Iwürde sagen: „lischmoh" —, wurde auch die industrielle und. kaufmännische Arbeit rein um ihrer selbst wi'llenj: verrichtet, die riesige Anhäufung von ' Gütern und' Reichtümern war nur gleichsam ein unbeabsich*. tigtes Nebenergebnis, eine ungewollte, wenngleich unvermeidliche -Begleiterscheinung, : die man . mit in den Kauf nehmen mußte,.— während die Völker draußen wähnten, der Deutsche arbeite,;,seil