Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 143 - 144 (sequence 3)
- Language
- German
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143 Sein oder Nichtsein? 144 tragen und mit zynischem Gleichmut hinnehmen, - ob ein Edler, und Liebenswerter, ob ein Verwerflicher und Hassenswerter es gewesen, dem er Böses zugefügt hat. Gleich unversöhnlich und mit dem soeben Beschriebenen verwandt ist der mit Undankbarkeit . gepaarte Haß. Frobenius verzeichnet eine wundersame Negerfabel aus'iMittelafrika, da spricht .einer von seinem Wohltäter: ich habe schon so viel Gutes von ihm empfangen, daßi mir nichts mehr übrigbleibt, als> ihn zu töten. In jedem, auch dem höchstentwickelten Kulturmenschen steckt ein Tröpfchen von diesem Neger, nur haben wir nicht den Mut, es uns einzugestehen, ■wie 'dies die naive Offenherzigkeit des' mittelafrika- •nisehen Naturvolkes tut. , Gleich wie wir geneigt sind,; (den von uns Geschädigten zu hassen, als eine Quelle der Gewissensbisse, so sind wir geneigt, unseren Wohltäter zu hassen, als Quelle der Erinnerung an unsere Inferiorität und Schwäche; es ist die Rache des Untermenschen in uns an seine Ueberlegenheit und Kraft, die er bewährt, indem er uns in . der Not geholfen hat. Dieses infernalische Gefühl wird leider nur zu häufig gefördert durch das Verhalten des Wohltäters oder Befreiers, der seine Wohltaten sich teuer bezahlen läßt, indem er sie mit Bitternissen würzt, um, oft unbewußt, seine Ueberlegenheit auszukosten, unscheinbare, aber schmerzliche Opfer als Gegenleistung voraussetzt und heischt, die den effektiven Wert der Wohltaten herabmindern oder gar aufheben, schließlich diese Wohltaten mit demütigenden Kommentaren begleitet und den Empfänger ewioan die Dankesschuld erinnert.. Das META COHN * HENDEL Nachmittagssonne in Maloja (Engadin), (Oelgemälde) Spenden von Wohltaten ist fast wie das Empfangen eine vornehme und seltene Kunst, und sollte nur von den Edelsten 'geübt werden. Es gehören nicht nur Mittel und Herzensgüte dazu, sondern auch reine Gesinnung, Demut, Selbstvcirleugnung und Feinheit des Gefühls, Eigenschaften, die nur ganz ausnahmsweise beisammen sind. Darum empfindet häufig der Empfänger seinen Wohltäter als lästigen Mahner und wünscht ihn weit' weg von sich. Die Völker setzen ihren großen und wahren Wohltätern Denkmäler, ehren ihr Andenken; aber in neun von zehn Fällen töten sie sie zuerst, wie jener Neger in der Fabel, oder sie warten ruhig ab, bis sie selber von dannen gegangen sind. Und zwar nicht nur jene Führer, die 'sie auf neue Bahnen drängten, aus ihrer Trägheit schmerzlich aufrüttelten und ihre animalische Ruhe störten, — wobei die Früchte 'der Arbeit erst den nachfolgenden Geschlechtern zugute kommen. Diese Art von Haß;, der Haß der Undankbarkeit, blüht nicht nur zwischen Einzelmenschen, sondern auch zwischen Völkern. Doch als die. schlimmste und gefährlichste Sorte des Hasses darf der g r u n ld 1 o s e , der si u g - gerierte Haß gelten, der von anderen .verbreitet und eingegeben, gestiftet wurde. Dieser Haß; kleidet sich in das Mäntelchen idealer Uneigennützigkeit. Ich hasse einen, nicht, weil er mir Böses getan hat oder zu tun droht, sondern weil dies einem Dritten gegenüber der Fall ist. Nun bin ich ein Altruist, ich verfechte die Idee der abstrakten Gerechtigkeit, ich hasse uneigennützig und komme mir sehr edel vor. Ich bin ein Rächer der Tugend und trete für meinen Nächsten ein. Es gibt eine Wollust des Hasses, gleich wie es eine Wollust des Schmerzes gibt. Jeder starke Affekt, auch wenn er nicht lebenfördernd, sondern im. Gegenteil lebenzerstörend ist, steigert das Gefühl des Daseins unä gibt die Illusion der Kraft, des Menschen höchster Wonne. Und wenn erst dieser Affekt in das Gewand hoher Tugend sich kleiden darf, und den Menschen auch sittlich in seinen eigenen Augen erhöht, wird er unwiderstehlich. Wenn also Scheler nach den Ursachen des Deutschenhasses forscht, so hat er dabei die gefährlichste Sorte des Hasses übersehen, BERLIN