Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 141 - 142 (sequence 2)
- Language
- German
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141 Sein oder Nichtsein? 142 M ETA COHN* HENDEL BERLIN Apfelblüten (Radierung) zugefügten oder angedrohten Schmerz. Er wird komplizierter, wenn sich in ihn der Xeid mischt, das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit und des Verdunkeltwerdcns durch die Uebcrlcgenheit und die Vorzüge des andern. Hier fängt der Haß* an giftig zu werden und erregt im Menschen die bösartigen Triebe, das Verlangen, die Vorzüge des andern anzuschwärzen, sie zu verleumden und herabzusetzen, und was das schlimmste ist. ihre Entfaltung zu unterdrücken, selbst zum eigenen Schaden und zum Schaden der Welt. Während das erstgenannte Element des Hasses durch Aufhebung der Gefahr von Seiten des Feindes sich auflöst und häufig sich in Liebe verwandelt, ist der Neidhaßi beharrlich und beschwichtigt sich nicht eher, bis sein tiegenstand vernichtet ist. Dieser Haß, der seine Quelle nicht in dem Gehaßten, sondern im Hasser hat, kann nur durch eine hohe sittliche Selbstzucht überwunden werden, indem sich der Einzelne in das Ganze demütig einordnet, aus seinem engen Ich hinaustritt und die Vorzüge des Neidgehaßten als einen Teil der gegebenen Weltschönheit betrachten lernt. an der er Anteil hat, die er mitgenießtt und darum liebt. Im Grunde ist jeder Haß nichts als Liebe mit umgekehrten Vorzeichen. Er wartet nur auf die Beseitigung des Willens zum Schaden oder auf die sittliche Läuterung, um sich in Liebe zu verwandeln. Denn er setzt tiefes seelisches Interesse an dem anderen voraus, ein Miterleben seines Lebens. Wo vollkommene Gleichgültigkeit und Teilnahmlosigkeit herrscht, kann kein Hab, aber auch keine Liebe entstehen. Noch schwerer zu überwinden wird der Haß, wenn sich das Unrecht dazwischen mengt, nicht erlittenes, sondern z u g e f ü g t. e s Unrecht. Wen wir gepeinigt, verletzt, beraubt und mißhandelt haben, den sind wir Menschen geneigt, nachträglich zu hassen, als den Erreger des schmerzenden G cwissensstachels. und zwar desto mehr, je verfeinerter unser Gewissen ist, und je schwerer es sich betäuben läßt. Hier tritt, zum Haß als Rechtfertigung noch die Verleumdung hinzu. .Wir sind geneigt, dem von uns Verfolgten alle bösen Eigenschaften anzudichten und seine Vorzüge in. Laster umzulügen, nur um uns, mehr vor unserem eigenen, schlechten Gewissen als vor den Augen der Welt reinzuwaschen. Hier tritt der LIaß als Selbstsuggestion in die Erscheinung. Lind das ist die Tragik .der bösen Tat, wenn sie ein Gerechter verübt und die Entschlossenheit nicht aufbringen kann, sie rasch wieder gutzumachen. Ein hartgesottener Sünder mit abgestumpftem Gewissen wird dagegen seinem Opfer keinen. Groll nach- META COHN * HENDEL BERLIN Lärchen im Hochgebirge (Radierung)